Skip to main content

Full text of "Die mecklenburgischen Kirchenordnungen: ein Beitrag zur Geschichte der ..."

See other formats


This is a digital copy of a book that was preserved for generations on library shelves before it was carefully scanned by Google as part of a project 
to make the world's books discoverable online. 

It has survived long enough for the Copyright to expire and the book to enter the public domain. A public domain book is one that was never subject 
to Copyright or whose legal Copyright term has expired. Whether a book is in the public domain may vary country to country. Public domain books 
are our gateways to the past, representing a wealth of history, culture and knowledge that 's often difficult to discover. 

Marks, notations and other marginalia present in the original volume will appear in this file - a reminder of this book's long journey from the 
publisher to a library and finally to you. 

Usage guidelines 

Google is proud to partner with libraries to digitize public domain materials and make them widely accessible. Public domain books belong to the 
public and we are merely their custodians. Nevertheless, this work is expensive, so in order to keep providing this resource, we have taken Steps to 
prevent abuse by commercial parties, including placing technical restrictions on automated querying. 

We also ask that you: 

+ Make non- commercial use of the file s We designed Google Book Search for use by individuals, and we request that you use these files for 
personal, non-commercial purposes. 

+ Refrain from automated querying Do not send automated queries of any sort to Google's System: If you are conducting research on machine 
translation, optical character recognition or other areas where access to a large amount of text is helpful, please contact us. We encourage the 
use of public domain materials for these purposes and may be able to help. 

+ Maintain attribution The Google "watermark" you see on each file is essential for informing people about this project and helping them find 
additional materials through Google Book Search. Please do not remove it. 

+ Keep it legal Whatever your use, remember that you are responsible for ensuring that what you are doing is legal. Do not assume that just 
because we believe a book is in the public domain for users in the United States, that the work is also in the public domain for users in other 
countries. Whether a book is still in Copyright varies from country to country, and we can't off er guidance on whether any specific use of 
any specific book is allowed. Please do not assume that a book's appearance in Google Book Search means it can be used in any manner 
any where in the world. Copyright infringement liability can be quite severe. 

About Google Book Search 

Google's mission is to organize the world's Information and to make it universally accessible and useful. Google Book Search helps readers 
discover the world's books while helping authors and publishers reach new audiences. You can search through the füll text of this book on the web 

at http : //books . google . com/| 



Digitized by VjOOQiC 



Digitized by VjOOQiC 



Die mecklenburgischen Kircl^nordnungen. 

Ein Beitrag zur (beschichte der Entstehoog 
der mecklenburgischen Landeskircbe. « « 

Inaugural - Dissertation 

zur 

Erlugnng der Mtoriilnle 

der 

hohen philosophischen Fakultät 

der 

Frieirieh-Alexaiiiers-Doi^ersitit Erlaogen 
vorgelegt 

T 

von 



Heinrieh Selmell 

aus MalcDOw. 



Tag der mündlichen Prüfung: 19. Juli 1899. 



Gfistrow, 

Rathtbuchdmckerei C. Michaal. 
1899. 



Digitized by VjOOQiC 



r//^/ j / 



Digitized by VjOOQiC 



Gemäss der mittelalterlichen Weltanschauung von der 
Einheit des imperium und des sacerdotixmi übertrug Frie- 
drich I. bei der Eroberung des Wendenlandes seinem Vetter 
und Freund Heinrich dem Löwen die Aufgabe, in kaiser- 
licher Vollmacht die drei alten Bisthümer Schwerin, Ratze- 
burg und Lübeck nicht nur wiederherzustellen, sondern 
auch nach seinem Gutdünken mit Gütern zu bewidmen. 
Denn es ist „des Kaisers Pflicht, Gottes Kenntniss und 
Ehre und Dienst überall zu verbreiten".^) Indem der Löwe 
das eroberte und noch zu erobernde Land jenseits der Elbe 
vom Kaiser zu Lehn hatte, empfing er aus besonderer kaiser- 
licher Gnade das Investiturrecht in jenen drei Bisthümem 
für sich und seine Nachkommen, so dass die Bischöfe, wie 
sie in geistlicher Hinsicht dem Erzbischof von Hamburg 
unterstellt waren, in Heinrich dem Löwen ihren weltlichen 
Lehnsherrn zu erkennen hatten. Bereits im Jahre 1158*) 
weist derselbe dem Bischof von Ratzeburg seinen Sprengel 
an und, nachdem das ganze Land unterjocht war, im Jahre 
1169 allen dreien ihre Gebiete und Rechte.^) Er behält sich 
dabei seine Lehnsherrlichkeit vor, wenn er ihnen auch die 
kirchliche Freiheit gewährleistet. Unter letzterer ist die 
Abgabenfreiheityzu verstehen ; sie schliesst jedoch die Ver- 
pflichtung ein, dem Markding des Herzogs beizuwohnen, 
Heerfolge und Burgdienste zu leisten, ausserdem den dritten 
Theil der Einnahme für die höhere Gerichtsbarkeit dem 
Herzog abzugeben. Wie aber zehn Vorwerke jedes Bischofs 
vom Burgdienst frei waren, so wurde auch das Markding 
(seit 1174) wenigstens dem Bischof von Ratzeburg erlassen; 
wie denn überhaupt in der Folgezeit die eine oder die an- 
dere Verpflichtung bis auf die Heerfol^e, und zuweilen auch 
noch diese, abgelöst wurde. Somit smd die drei Bischöfe 
nicht sofort unmittelbare iReichsfürsten geworden, wenn 



Mecklenburgisches Urkandenbuch I. S. 47. 
Daselbst S. 67. 
Daselbst S. 84. 



Digitized by VjOOQiC 



auch Bemo von Schwerin im Jahre 1170 das Bedürfniss hatte, 
vom Kaiser selbst seinen Besitz sich bestätigen zu lassen.^ 
Nach dem Fall des Löwen aber erlosch die Lehns- 
herrlichkeit desselben, die drei Bischöfe wurden unmittelbare 
Reichsfürsten. Bemo liess sich 1181 sein Stiftsgut vom ; 
Kaiser bestätigen;*) Isfried von Ratzeburg verweigerte mit / 
Erfolg Herzog Bernhard, dem Sohne des Löwen, die Lehns- f 
huldigung; Konrad und hernach Dietrich von Lübeck empfin- ^ 
gen ihre Investitur vom Kaiser.*) Als Wilhelm von Holland 
1252 die Reichsimmittelbarkeit ihnen nehmen wollte, baten 
Albrecht von Lübeck, Rudolf von Schwerin und Friedrich 
von Ratzeburg die Reichsfürsten, sie als ihresgleichen zu : 
vertreten.*) Wie aber gestaltete sich ihr Verhältniss zu den / 
sie umgebenden Grafen? Diese hatten einst ihre Länder, 
die zur Dotirung der Bisthümer verwendet werden sollten, - 
in die Hand Heinrichs des Löwen zurückgegeben, ohne sich i 
Rechte zu wahren. Nur der Graf von Ratzeburg hatte sich 
die Gerichtsvogtei und den halben Zehnten als Advokatus 
des Stiftes vorbehalten ;*) von Guncelin und Pribislav wird 
nichts erwähnt. In der Folgezeit befreite sich das Bisthum 
Ratzeburg von allen Ansprüchen der Herzöge von Sachsen 
durch Zahlung von Geldsummen (1261, 1271);*) allein was 
an Gütern im Bezirke des sächsischen Landes lag, sollte der 
Hoheit Sachsens unterworfen bleiben. Ueberhaupt suchte 
das Bisthum auch von den neuerworbenen Gütern im Lande 
des Grafen von Schwerin die auferlegten Verpflichtungen 
durch Kauf zu entfernen und strebte nicht ohne Glück die 
omnimoda superioritas auch aller Güter an,^) nur dass es den 
Grafen ein bestimmtes Schirmgeld entrichtete. Nicht wesent- 
lich anders gestaltete sich das Verhältniss des Stiftes Schwerin 
zur Grafschaft und zxun Lande Mecklenburg. Pribislav begiebt 
sich ausdrücklich seiner Rechte an Bützow (1185); ebenso 



*) M. Ü.-B. L, S. 85. Die Urkunde von 1171 ist gefälscht, in welcher 
dem Stift Schwerin die volle Reichsunmittelbarkeit bereits von Heinrich 
dem Löwen gegeben wird. Damit fällt denn auch die Beweisführung RudlofTs 
in seinem ,,Ehemaligen Verhältniss", Schwerin 1774, in sich zusammen. 

3 S. 129. 

^ Jahrb. f. meckl. Geschichte u. Alterthumskunde. Jahrgang 28. 
S. 265, 266. 

*) M. Ü.-B. n., S. 22. 

*) Masch, Geschichte des Bisthums Ratzeburg, Lübeck Vm, S. 69. 

•) Masch, S. 176. 

') Masch, S. 209. 



Digitized by VjOOQiC 



5__ 

bestätigen unter seinen Nachfolgern Nicolaus und Heinrich 
Burwin (1232) diesen Verzicht.^) Und Graf Helmold von 
Schwerin bestätigt 1284 dem Bischof Hermann die voll- 
kommene Freiheit.*) Allein über die Güter, welche durch 
Schenkung zum ursprünglichen Dotalgut hinzukamen, oder 
auch im Gebiet der weltlichen Fürsten lagen, behielten sich 
letztere vor und behaupteten ihre Hoheitsrechte,*) mit 
grösserem oder geringerem Umfange der Verpflichtungen. 

Indem die beiden Bisthümer auf diese Weise der 
Landeshoheit sich entzogen, ist bis ins 13. Jahrhundert hinein 
eine mecklenburgische Landeskirche auch nicht einmal in 
ihren Anfängen zu erkennen. Zwar war der grössere Theil 
unseres Vaterlandes in seiner Zugehörigkeit zum Bisthum 
Schwerin, Ratzeburg und Lübeck dem Erzbisthum Hamburg 
unterstellt; aber der Osten und der Süden gehörte zu Havel- 
berg und Kammin und war somit in die Gesammtheit des 
HamburgerErzbisthums nicht einbegriffen. Andererseits um- 
iasste sowohl das Bisthum Schwerin als auch Ratzeburg 
Gebiete, welche ausserhalb der Grenzen Mecklenburgs lagen. 
Das Land war kirchlich nicht geeint. 

Aber es war auch politisch nicht geeint. Wie jedoch 
vom Jahre 1359 an das Streben nach politischer Einigung 
offen hervortrat, so musste auch die Kirche und ihr Besitz 
davon betrofien werden; das Wachsthum der landesherr- 
lichen Gewalt in . dem politisch geeinten Lande hat das 
immer deutlicher werdende Hervortreten einer Landeskirche 
im Gefolge; ja, es wird sich zeigen, dass es schon vor der 
Reformation, wie im übrigen Deutschland,*) so auch in 
Mecklenburg eine Art landesherrlichen Kirchenregiments 
und eine gewisse Form einer Landeskirche gegeben hat. 
Zwei Linien aber führen zu diesem Endziele ; die eine zeigt 
die Entstehung der landesherrlichen Gewalt durch die Zu- 
rückforderung veräusserter Hoheitsrechte und durch die 
Inanspruchnahme besonderer Rechte auf Grund der alles 
umfassenden landesfürsthchen Stellung. Die andere Linie 
zeigt das Wachsen derselben Gewalt der Kirche gegenüber, 
wie sie aus einzelnen Befugnissen heraus allmämich zur 

*) Bei Rudioff, Verhältniss, S. 33. 

») Hist. Nachricht v. d. Verf. d. Fürstenthums Schw. Beilage K. 
n Belege dafür finden sich zahlreich in den Urkunden. 
*) Kieker, Die rechtliche Stellung der ev. Kirche Deutschlands. 
Leipzig 1893. S. 37. 

Digitized by VjOOQiC 



Landesobrigkeit hinauf schreitet, die als solche Rechte der 
Kirche gegenüber ausüben kann und darf. Mit dieser haben 
wir es hier zu thun. 

Als die Grafschaft Schwerin 1359 an das Haus Meck- 
lenburg kam, nimmt dasselbe das Bisthum Schwerin in 
seinen besonderen Schutz, in specialem defensionem et gu- 
ardiam.i) Zwanzig Jahre später nehmen die Herzöge Hein- 
rich und Magnus schon das Recht der Beschwerde über 
unzweckmässige Verwendung und Haushaltung des Dom- 
kapitels für sich in Anspruch,') sie vertheidigen ihre Lehns- 
herrlichkeii über die in ihrer Herrschaft gelegenen Stifts- 
güter und versteigen sich schon zu dem Ausdruck „ere 
und erer kercken tho Schwerin wertlicke Overförsten*^. 
1453 wird von Herzog Heinrich der Schutzbrief erneuert,') 
aber schon 1468 erscheint der Bischof „unser korken Swerin 
mit mandenste vorplichtet*',*) als der Herzog eine Fehde 
mit Pommern-Stettin auszufechten hatte. Das ist in kurzen 
Daten die Entwickelung, welche das ius advocatiae und 
seine Auffassimg seitens der Herzöge bewirkte. Ratzeburg 
hielt sich davon noch frei, aber hatte desto mehr von den 
Herzögen zu Sachsen-Lauenburg zu leiden, gegen welche 
Magnus 1492 dasselbe gern schützte. — Vollends aber musste 
die Einigung der mecUenburgischen Linien im Jahre 1471, 
sowie die kraftvolle Regierune des Herzogs Magnus IL 
1477—1503 der Hoheit der Stifter gefährlich werden. 

Herzog Magnus hielt am Besteuerungsrecht der Geist- 
lichkeit gegenüber fest. Obwohl dieselbe allerdings von 
allen Beden frei war, so hatten sich doch schon im 13. Jahr- 
hundert die Herzöge ausserordentliche Beden bewilligen 
lassen, wo es die Schuldenabtragung, Auslösung des Landes- 
herrn aus Gefangenschaft, Ausstattung der Töchter oder 
auch Ertheilung der Ritterwürde an die Söhne galt.*) Zwar 
war Heinrich der Löwe einmal, 1321, mit seiner Forderung 
nicht durchgedrungen ; er Hess es aber nicht unausgesprochen, 
dass ihm in Nothfällen ein Besteuerungsrecht zustönde.*) Als 
nun unter der Regierung Kaiser Maximilians die Anforde- 



? 



') Nachricht etc., Beil. N. 

Ebenda Beil. T, 

Ebenda Beil. 0. 
*) M. Jahrb. 51, S. 106. 
») Hegel, S. 64. 

S. 71. 



Digitized by VjOOQiC 



rungen von Reichswegen sich mehrten, wie Besuch der Reichs- 
tage, Beiträge zu den Reichssteuem, Leistung von Eriegs- 
hülfe, forderte Magnus ausserordentliche Auflagen. Standen 
ihm doch Reichtagsabschiede zur Seite, nach welchen keinerlei 
geistliche und weltliche Unterthanen von diesen sogenannten 
Kaiser- oder Königsbeden befreit sein sollten. *) So forderte 
er 1494 vom Stifte Bützow einen Beitrag.') Auch zur Ver- 
mählung seiner beiden Töchter forderte er eine Bede, da 
„Prälaten, Mannen und Städte Uns in allen ehrlichen und 
rechtfertigen Dingen verpflichtet sind".') 

Tritt hierin schon das Bestreben des Herzogs Magnus 
hervor, die Landeshoheit auch gegenüber der Kirche auf- 
zurichten, so erscheint diese noch deutlicher, wenn man 
beachtet, wie die Prälaten bei der Bewilligung des letzt- 
genannten Bede mit Mannen und Städten geeint auftreten. 
Wir können wohl unbedenklich von Hegel, Geschichte der 
Mecklenburgischen Landstände, Rostock 1856, den Satz ims 
aneignen,^) dass „in dem Maasse, als die Territorialherrschaft 
selbst mehr und mehr eine bleibende Gestalt annahm, auch 
die landständischen Verhältnisse sich ausbildeten, und die 
darauf begründete Verfassung sich befestigte." Nim aber 
sind letztere weithin zu verfolgen. Vertrauen wir der Führung 
Hegels, so lässt sich der Einfluss der Stände bis in die vor- 
mundschaftlichen Regierungen des 13. und 14. Jahrhunderts 
zurück verfolgen. Zum ersten Male treten alle drei, Prälaten, 
Mannen und Städte, im Lande Wenden 1437 auf, indem 
sie sich gegen die Erbhuldigung des Markgrafen von Branden- 
burg sträuben. Und in den darauf folgenden Friedensver- 
trägen vom Jahre 1442 erscheinen zum ersten Male die 
gesammten Stände der gesammten mecklenburgischen Lande. 
Wenn auch in der Folge grössere landständische Verbände 
nur im Lande Wenden und Stargard auftreten, so bilden 
doch die Räthe eine Art ständischer Vertretung, und unter 
diesen erscheinen die Prälaten an erster Stelle, während 
sie bis dahin unter den Mannen „geistliche und weltliche" 
mitverstanden wurden. An der Spitze derselben erscheint 
der Bischof von Schwerin, der von Ratzeburg, aber auch 
die Vorsteher der Landesklöster imd Domstifter, sowie Dom- 

^) Bei Rudlofif, Handbuch der meckl. Gesch., S. 961, Theil ü. 

!)M. - — 



Jahrb. 51, S. 107. 
ilag 
S. 72, 



2 Beilage Nr. 12 u. 13 bei Hegel. 



Digitized by VjOOQiC 



s 



herr«n und angesehene Pfarrer. An den Vergleichsreiiiacid* 
lungen w^en der Rostocker Bede 1480 — 82 nahmen PraUten 
und Räthe von Mannen und Städten theil. In der Rostocker 
Domfehde sollen Prälaten, Mannen und Städte entscheiden , 
1484. Im Streit des Herzogs Magnus mit den Flotow's 
sprechen alle drei ihr Elrkenntniss, 1494. 1495 ist Rostock 
damit einverstanden, dass der Hafen Wamemünde Prälaten, 
Mannen und Städten zur Sequestration übergeben werde. 
1497 citiren zwei Prälaten u. s. w. als verordnete Richter 
anstatt aller anderen Räthe. Eis fand also eine landstSndische 
Mitwirkung durch mehr oder weniger Rathgeber, die in 
Vertretung der übrigen Stände einberufen wurden, statt, 
welche die Herzöge in ihren Streitigkeiten nicht nur, sondern 
auch bei der Bewilligung von Steuern und Kriegshülfen 
in Anspruch nahmen.^) mdem aber die Prälaten an diesen 
Handlungen Antheil hatten, bekunden sie nicht ein blosses 
Interesse an dem mecklenburgischen Staate, sondern zeigen 
sich als zugehörige Theile desselben, deren Standschaft auf 
den Landtagen neben den beiden anderen Ständen der er- 
strebten Landeshoheit der Herzöge zur Seite trat. Und indem 
solcher landständischer Verband die gesammten Lande um- 
fasste, ist ein weiterer Ansatz zur Bildung der Landeskirche 
gegeben. 

Ueberhaupt standen auch sonst die Männer der Kirche 
in naher Verbindung mit der Landesgewalt. Bischof Balthasar 
von Schwerin, 1473 — 1479, war ein mecklenburgischer Prinz, 
sein zweiter Nachfolger, Konrad Loste, 1483—1503, war 
schon vor seiner Stuhlbesteigung herzoglicher Rath und Meck- 
lenburger, wenn auch von niedrigem Herkommen; auch der 
Bischof Johann V. von Ratzeburg war aus Mecklenburg 
gebürtig. Ausserdem hatten namhafte Geistliche in der 
herzoglichen Kanzlei gearbeitet*) und hatten Stellen von 
gelehrten Räthen inne.') 

Weitere Ansätze zur Bildung einer Landeskirche be- 
zeugen die Landfriedensbestrebungen der Herzöge. Auf 
jenem Reichstage zu Worms 1495, dem der allgemeine 
Landfriede seine Entstehung verdankt, war Herzog Magnus 
anwesend. Waren so lange die Landfriedensbündnisse nur 
gegen die öffentliche Unsicherheit auf den Strassen ge- 

*) Hegel, S. 68, 80, 81, 103-106. 
») Rudioff n., S. 921. 
•) S. «33. 



Digitized by VjOOQlC 



9 

richtet und auf die öffentliche Ruhe bedacht gewesen, sc 
tritt jetzt eine Poiizeigesetzgebung des Reiches wie der 
Territorien ein, die „für gute Ordnung und gemeinen Wohl- 
stand zu sorgen hat'^.^) Der alte mittelalterliche Staatsbe- 
griff, der nur negativ gewesen war darin, dass die Aufgaben 
des Staates lediglich in Gewährung des Schutzes nach aussen 
und Abwehr der Friedensstörung nach innen bestanden, 
musste sich erweitem, da die Kirche die ihr nach mittel- 
alterlicher Anschauung zustehenden Rechte und Pflichten 
nicht mehr genügend ausfüllte; er musste positiv werden 
in der Fürsorge der öffentlichen Gewalt für bürgerliche 
Wohlfahrt und gute Sitte, und äusserte sich in den bekannten 
Polizeiordnungen, die in erster Linie vom Reiche ausgingen 
und also von den Reichsständen gebilligt und angenommen 
waren, dann aber auch von ihnen in ihren eigenen Ländern 
in eigenen Satzungen verfügt wurden.^) Nun liegt aller- 
dings die eigentliche Polizeiordnung Mecklenburgs über 
die Regierung des Herzogs Magnus hinaus. Aber es be- 
stehen doch Anzeichen einer solchen in die Hand genom- 
menen Gewalt. Dazu ist nicht allein der in Veranlassung 
deä Wormser Landfriedens zu Tempzin 1498 geschlossene 
Landfriede zu rechnen, dazu gehören auch die in den civi- 
loquia der Stadt Wismar gegebenen Bestimmungen, wie 
Verbot des Verkaufes von Häusern und liegenden Gründen 
an die Geistlichkeit,') Verbot der Wallfahrten und des 
übermässigen Pathengeldes,*) Verbot übergrosser Gelage,*) 
sowie dass den Geistlichen zu viel vermacht würde.«) Ja, 
die landespolizeiliche Gewalt auch auf die kirchlichen Dinge 
auszudehnen, wurde Magnus sogleich beim Antritt seiner 
Regierung von dem Karthäuser Vicke Dessin aufgefordert, 
der im Jahre 1477 in einem Briefe^ sowohl dem Herzog 
selbst rechten christlichen Lebenswandel predigt, als vor 
allen Dingen von ihm fordert, dass er die Klöster in seinem 
Lande zurechtsetze und reformire; hierdurch könne er 
mehr verdienen als durch Fasten und Beten. Das Handeln 



Rieker, S. 35. 

Rieker, S. 66. 

Schröder, Papistisches Mecklenburg. Wismar. 1741 II. S. 1107. 

S. 1829. 

S 1845. 

S. 1951. 

M. Jahrb. 16, S. S— 8. 



Digitized by VjOOQiC 



10 

des Herzogs Magnus entspricht dieser Aufforderung. Bereit« 
1468 waren in Gegenwart des Herzogs Heinrich die Do- 
minikaner in Wismar reformirt;^) 1492 wurde das Erlöster 
zu Ribnitz auf Anhalten des Herzogs Magnus visitirt und 
ihm die Wahlordnung vorgeschrieben ; mit Hülfe der Bevoll- 
mächtigten der Herzöge brachte 1495 Bischof Konrad die Ver- 
hältnisse des Klosters Kühn in Ordnung. So gelangte schon das 
ins inspiciendi cavendi zur Ausübung seitens des Landesherm. 

Es giebt noch andere Anzeichen für das kirchliche 
Thätigwerden des Landesherrn. 1501 bestimmt der Herzog, 
dass armen Leuten umsonst die Glocken nachgeläutet werden.^) 
1495 nimmt der Herzog eine Klage der Priester zu Grabe w 
über eine gottesdienstliche Angelegenheit entgegen.') Der 
Bischof von Ratzeburg hatte nämlich verordnet, dass die 
Priester nicht mit Wein, sondern mit Malvasier Messe halten 
sollten. Der Bischof ist angehalten, dem Herzog die Gründe 
anzugeben, „dass er vorberührte Ordnung in guter Meinung 
und nicht um den Gottesdienst zu stören, sondern zu ver- 
mehren gemacht habe." Diese Thatsache verliert das Auf- 
fällige,*) wenn man festhält, dass Herzog Magnus auch sonst 
die Sorge für die kirchlichen Dinge auf sich nahm. Das 
zeigt im besonderen die Geschichte der Rostocker Domfehde. 
1483 hatte Magnus beschlossen, an der Jakobikirche zu 
Rostock ein Domstift zu gründen, zur Vermehrung des Gottes- 
dienstes sowohl als zur Unterhaltung verdienter Professoren, 
die neben ihrer Thätigkeit an der Universität dem Gottes- 
dienste sich widmen, auch in ihrem Alter im Stift eine 
Versorgung haben sollten. Trotzdem die Rostocker lange 
sich wehrten, liess Magnus seinen Plan vom Bischof Konrad 
und dem Papste sich bestätigen, ja reiste selbst nach Rom, 
und 1487 konnte die Pfarrkirche zur Dorokirche umgewandelt 
werden. Die Besetzung von acht Dompräbenden behielt 
der Herzog sich vor.*) 

Deutlicher erscheinen die Ansätze zur Bildung einer 
Landeskirche in den beiden ersten Jahrzehnten des neuen 



5 Rudioff, S. 970. 

*) Chemnitz, Leben der Herzöge, bei Gerdes, Nützliche Sammlung, 
Wismar 1736, S. 625. 

^ Ebenda, S. 624. 

*) Masch, der sie auch erwähnt, S. 377, will die Thatsache fast 
bezweifeln. 

») Lindenberg, Chronic. Rost, S. 90 ff und Schröder, 3. 2462. 



Digitized 



by Google 



11 

Jahrhunderts, unter der Regierung Heinrichs und Albreohts. 
Das Bisthum Schwerin kommt in die engste Verbindung 
mit dem herzoglichen Hause. Bischof Johann von Thun 
war schon herzoglicher Rath, als er noch Domdechant zu 
Güstrow war. Auch als Bischof behielt er jene Würde bei. 
Das Kapitel allerdings, um seine Freiheit besorgt, Hess ihm 
eine Wahlkapitulation vorlegen,^) dass er die Stiftsgüter 
nicht mit Beden und Auflagen beschweren lassen wolle, 
auch keine Abläger duldete, überhaupt das Stift in allen 
seinen Freiheiten erhielt, und liess sich ebenso eine Ver- 
sicherung von den regierenden vier Herzögen geben, welche 
wie diejenige Heinrichs HL vom Jahre 1453 nicht nur Zu- 
sicherung des Schutzes, sondern auch Bestätigung aller Pri- 
vilegien besagte.*) Aber schon 1506 begehrten die Herzöge 
die Stiftshülfe in der Lübecker Fehde.') Auch der Bischof 
Petrus Walkow war längst Vertreter der Fürsten zu Rom 

fewesen,*) als er 1508 den Bischofsstuhl bestieg. Bischof 
'etrus war es, der sich den Reichssteuem entzog, dadurch, 
dass er am 31. December 1514 die Verabredung traf, das 
Stift solle 500 Mark zu einem Erkenntniss- und Schutz- 
gelde zahlen, so oft von den Ständen eine gemeine Land- 
steuer bewilligt werde.*) Indem die Herzöß:e vor dem Kaiser 
ihn vertreten sollen, verzichtet er thatsächlich auf die Reichs- 
unmittelbarkeit des Stiftes. Maximilian hatte dieselbe noch 
1506 anerkannt; aber indem er das Ablassjubiläumsgeld 
des Stiftes durch Herzog Heinrich einziehen liess, auch seinem 
Briefe eine Bedrohung anhängte für den Fall, dass das Stift 
sich weigern würde,*) musste er in dem Herzog nur noch 
mehr den Gedanken der Herrschaft über d^s Stift erwecken. 
1516 hat derselbe Gelegenheit, das Austragsrecht zwischen 
dem Bischof und Helmold von Plessen üben zu können.^ 
Aber Heinrich bekam die Regierung des Stifts selbst in die 
Hände, als nach dem Tode des Bischofs Petrus sein Sohn 
Magnus vom Kapitel postulirt wurde. Schon die That- 
sache der Postulation zeigt, dass auch das Kapitel dem 



*) Schröder, S. 2716. 
•) Schröder, S. 2761. 
"^ Rudlofif, Verhältniss, S. öO. 

M. Jahrb. 1, S. 21. 

Verhältniss, S. 57. 

Schröder, S. 2778. 

Verhältniss, S. 59. 



Digitized by VjOOQiC 



18 

Fürsten geftige ward. Aus »bestimmten Gründen"*) wählten 
sie den Prinzen; der herzogliche Vater übernimmt als „natür- 
licher und gesetzlicher Vertreter seines unmündigen Sohnes" 
die Verwaltung. Wenn dieser auch alle Freiheiten des 
Stiftes bestätigt, so bindet sich das Kapitel ihm gegenüber 
doch die Hände, wenn es ihm die volle Verantwortung und 
Vertretung für die unkanonische Wahl zuschiebt, die nur 
„ad complacendum gratiae suae", nämlich des Fürsten, ge- 
schehen sei. Indem nun der Herzog die bischöflichen Ein- 
künfte in seine Kammer zog, theils zum Unterhalt und zur 
Ausbildung des Prinzen, theils zur Vertretung des Stifts 
hinsichtlich der Reichssteuem, werden die Grenzen des 
Stifts immer mehr mit denen der herzoglichen Lande und 
Rechte vermischt, so sehr, dass die Herzöge bis 1561 das- 
selbe als einen Stand ihres Landes ansehen konnten. 

Auch das Bisthum Ratzeburg wurde zu engerem An- 
schlüsse an Mecklenburg getrieben. Des Johann von Parkentin 
Nachfolger ward 1511 Heinrich Bergmeier. Am 12. Juni 
15 13 sind die drei Bischöfe von Lübeck, Ratzeburg, Schwerin 
im Zuge, um die Hochzeit Heinrichs in Wismar zu feiern. 
Der Bischof von Ratzeburg traute das fürstliche Paar. Bischof 
Heinrich und sein Stuhl aber wurden fortwährend von Herzog 
Magnus von Sachsen angefeindet, der das Bisthum als einen 
Theil seines Landes behandeln wollte und sich dabei persönliche 
Vergewaltigungen zu schulden kommen liess. Am 18. April 
1517 rief das Kapitel die mecklenburgischen Herzöge zum 
Schutz an, und auch der Papst forderte sie zur Hülfe auf.') 
Darum sendet Mecklenburg seine Räthe zum Vergleich nach 
Buxtehude,*) und Heinrich eröffnet die Vergleichshandlung zu 
Lenschow am 7. December 1518*) und abermals am 31. März 
1519.*) Hier erklärte der Bischof, dass das Stift immer 
reichsunmittelbar gewesen sei und keinen anderen Schutz- 
herm als die Herzöge von Mecklenburg hätte. In dem end- 
gültigen Vergleich vom 26. November 1519«) gelobt Mecklen- 
burg dem Bischof von Ratzeburg seinen Schutz, den letzterer 



^) Nachricht von der Verfassung des Färftenthums Schwerin. 1741- 
Verf. unbekannt. Beil. H. 
») Masch, S. 432. 
" S. 433. 

S. 437. 

S. 439. 

S. 441. 



\ 



Digitized by VjOOQIC 



13 

timsomehr Rebrauchen konnte^ als der Hersog von Sachsen 
seine Angriffe fortsetzte. Ein engerer Anschluss von Ratze-^ 
bnrg an Mecklenburg bestand nicht, als in diesem Schutz- 
verhältniss gegeben ist. Wenn auch Karl V. Herzog Albrecht 
mit der Entgegennahme des kaiserlichen Lehneides be- 
traute, 17. März 1521,^) so wahrte doch das Stift besonders 
unter dem thatkräftigen Bischof Georg seine Unmittelbarkeit. 
Inzwischen ist aber auch die landständische Verfassung 
unter der Mitwirkung der Prälaten fortgeschritten. 1504, 
darauf 1518 und 1520 vermitteln die drei Stände zwischen 
den herzoglichen Brüdern.^) In der Polizeiordnung von 1516 
erscheinen sie zuerst als gemeine Stände, also in politischer 
Einheit und Gesammt Vertretung des Landes.*) Allerdings 
heissen die geistlichen Herren „Verwandte desPürstenthums". 
Aber in der Union der Stände 1523 sind sie aus diesem 
Stande herausgetreten, und die fünf Prälaten unterschreiben 
„alse vullmächtige BefehlhebbereinStede und Nahmen aller 
Prälaten". Ihre Namen sind : Ulrich Malchow, Administrator 
des Bisthums Schwerin; Nicolaus, Abt zu Doberan; Nicolaus 
Pranke, Senior der Domkirche zu Schwerin; Barthold Müller, 
Dekan der Domkirche zu Rostock ; Heinrich Müller, Probst 
zu Dobbertin. Die Stiftsritterschaft und die Stiftsstädte waren 
nicht vertreten; denn als 1526 Heijzog Heinrich auch diese 
zum Landtage einlud, erwiderten sie, das sei wider alle 
Gewohnheit, indem nur der Bischof oder dessen Stellver- 
treter wegen des Stifts an der Ständeversammlung theil- 
genommen hätte.*) Die Union „wahrte das bestehende Recht 
der Verträge der fürstlichen Brüder und sicherte die stän- 
dischen Privilegien durch die Vereinigung aller Stände ; 

indem die Vereinigung durch einen freiwilligen Akt der 
Stände selbst hergestellt wurde, gab sich darin das ent- 
schiedene Bewusstsein ihrer Gemeinsamkeit und Zusammen- 
gehörigkeit kund."^) Und wenn nun auch die Union daneben 
ihre, der Stände, „Privilegien gegenüber der sich aufnehmen- 
den landesherrlichen Gewalt aufrecht erhalten" wollte, so 
war doch die politische Einheit der mecklenburgischen Lande 
hergestellt, und da die Prälaten „vullmächtig" den ersten 



^) S. 416. 
Hegel, S. 1Ü5. 
S. 114 

M. Jahrb. 61. S. 107. 
Hegel, $. 126. 



Digitized by VjOOQIC 



14 

Stand bildeten, ist der Boden für eine Landeskirche nicht 
nur gelegt, sondern auch sicher begründet. 

Die Herzöge selbst aber versäumen keine Gelegenheit, 
als advocati ecclesiae thätig zu werden. Abgesehen von 
den Ratzeburger Yergleichshandluneen und der fast selbst- 
ständigenjY erwaltung des Bisthums Schwerin, welch' letztere 
weit über die Grenzen sonstiger kirchlicher advocatia hin- 
ausging, sehen sie ihre Pflicht auch darin, dass sie den 
Schuldenstand und die Höhe des Zinsfusses herabsetzen, 
um dadurch den Klagen gegen die Geistlichkeit zu begegnen. 
Am 29. März 1503 hatten Magnus und Balthasar die Lübecker 
Geistlichkeit mit den Vasallen des Klützer Ortes verglichen 
wegen 30000 Mark unbezahlt gelassener Zinsen und hatten 
den Zinsfuss auf 5 7o herabgesetzt.^) Am 17. Juni 1511 
verglichen Heinrich und Albrecht dieselben zu Grevesmühlen 
abermals, ebenso am 6. December 1512 zu Gadebusch der- 
gestalt, dass alle Zinsen niedergeschlagen und die Kapitalien 
in zehn Jahren abgetragen werden sollten. Am 12. März 
1515 sandten die Herzöge dann eine gedruckte Aufforderung 
an die Säumigen zur Zahlung, bei Androhung derExecution.*) 
Ferner verboten die Herzöge das Angehen der geistUchen 
Gerichte in weltlichen Sachen, am 2U. Juni 1513*) zuerst 
in besonderer Verordnung, hernach in der Polizeiordnung 
noch einmal. Am 25. September 1518 nehmen die Herzöge 
eine Bitte um Schutz gegen den Offizial des Havelberger 
Bischofs seitens der Stadt Priedland entgegen.*) Im Früh- 
jahr desselben Jahres hatte sich der Rath von Rostock bei 
ihnen über den neuen Ablass beklagt, der das Geld aus 
den Städten fortschaffe.^) Weiter wachten die Fürsten 
eifrig über ihrePatronatsrechte, die sie an zahlreichen Kirchen 
hatten. In achtzehnjährigem Prozess behaupteten sie Pa- 
tronats- und Abgabenrecht an der Komthurei Kraak und 
der Priorei Eixen.*) 

Als advocati ecclesiae wurden die Fürsten aufgefordert 
und nahmen Theil an der Visitation der Klöster,^) einer 



M. Jahrb. 16, S. 60. 

S. 61. 

M. Jahrb. 57, S. 165. 

M. Jahrb. 12, S. 146. 

Yorberg, Einfahning der Ref. in Rostock, Halle 1897, S. 86. 

M. Jahri). 1, S. 19. 

Rudloff, Handb., S. 17 u. S61. 



Digitized by VjOOQiC 



15 



Thätigkeit, die dem ius reformandi entspricht. Am deut- 
lichsten wird diese jedoch durch die 1516 publicirte Polizei- 
ordnung. Ein Domherr und Inhaber mehrerer Kirchenlehen, 
Johann Monnick, ist es, der im Auftrage der Landesfürsten 
die Städte bereist und den Klagen und Uebelständen nach- 
spürt. Diese betreffen nicht nur Ruhe und Sicherheit des 
Landes, sondern auch alle Unordnungen auf „brautlachten, 
kindelbiem, rat und Werckosten", die nicht allein den Ein- 
wohnern zum Nachtheil, sondern auch — und das ist das 
Neue — zur „Schwächung des gemeinen Nutzens" gereichen.^) 
Die Fürsten erkennen es als ihre Pflicht, mit ihren Räthen 
zu berathschlagen , das Beschwerliche abzuwenden und 
andere leidUche und unbeschwerliche Ordnung aufzurichten. 
Der Unordnung müssen sie zuvorkommen, und sie wollen 
Gott dem Allmächtigen zu Lobe und zur Förderung des 
gemeinen Bestens ihre Ordnung stellen.*) „Ordeninge Statuta 
unnd settunge dem gemenen nutthe thom besten"; dieser 
Titel kündet den gegen die mittelalterliche Auffassung 
erweiterten Staatsbegriff an, der der öffentlichen Gewalt 
die positive Fürsorge für das Wohl der Unterthanen zu- 
spricht und bei der Ohnmacht der kirchlichen Gewalt vor 
den kirchlichen Dingen nicht Halt macht, sondern sie ein- 
begreift; denn der Fürst ist Gott verantwortlich, zu seinem 
Lobe dient die neue Ordnung. Maximilian selbst hatte 
1512 durch Reichstagsabschied es für nothwendig gehalten, 
dass Fürsten und andere Stände des Reiches sich in solche 
Sachen schlagen und Wege fümehmen, wie die Beschwerung 
in den kirchlichen Verhältnissen am förderlichsten abge- 
wendet und zur Besserung gestellt werden könnte. 

Fassen wir zusammen: In Mecklenburg ist seit der 
Erwerbung der Grafschaft Schwerin eine Landeskirche in 
der Entwicklung begriffen, welche mit der politischen Eini- 
gung des Landes gleichen Schritt hält; in eben dem Maasse, 
in welchem die landesherrliche Gewalt sich befestigt, nimmt 
sie eine Stellung zur Kirche ein, die auch die Sorge für 
die kirchlichen Dinge unter sich begreift. Oder kürzer: 
Landeskirchenthum und landesherrliches Kirchenregiment 
hegen auch in Mecklenburg in der Weise vor, dass die Refor- 
mation überall nur anzuknüpfen und weiterzubilden hatte. 



? 



M. Jahrbuch 57, S. 277, ans dem Einladunjgsschreiben an den Adel 
Daselbst S. 279, in der Vorrede zur Polizeiordnung. 



Digitized by VjOOQIC 



16 



Die Stellung Heinrichs und Albrechts 2ur Refbnna* 
tion ist bisher noch nicht in dem Maasse klargestellt, dass 
man ein klares Bild von ihrem reformatorischen und anti- 
refurmatorischen Wirken erhielt. Die Arbeiten von Lisch 
in den Jahrbüchern über die Einführung der Reformation 
in einzelne Städte, sowie bislang imbenutzte Akten des 
Archivs zu Schwerin setzen uns in den Stand, die Stellung 
beider Fürsten wenigstens in den Hauptzügen erkennen zu 
können. Voran darf der Satz gestellt werden, dass beide 
bis über den Reichsti^ zu Augsburg hinaus an den Reichs- 
tagsabschieden festhalten und insofern eine neutrale Stel-* 
lung wahren, als sie weder den Katholischen noch den 
Evangelischen mit Bestimmtheit sich anschliessen ; Heinrich 
behält auch dann noch seine neutrale Stellung bei, indem 
er den Schmalkaldischen sich nicht anschliesst, während 
Albrecht dem Bündniss zu Halle beitritt. 

1520 giebt Heinrich dem Erzieher seines Sohnes Mag- 
nus, Konrad Pegel, der seiner Zeit schon gegen den Ablass 
Arcimbolds geschrieben hatte, die Erlaubniss, in Wittenberg 
Luther aufsusuchen und zu hören.*) Herzog Albrecht be- 
suchte auf seiner Reise nach Worms den Reformator und 
liess seinen Kaplan Heinrich Möller in Wittenberg studiren.*) 
Beide Fürsten unterschrieben den Wormser Reichstagsab- 
schied; hatten sie doch die kaiserliche Belehnung und Hein- 
rich obendrein den Titel eines Reichshofraths bekommen. 
Allerding ist von der Publikation des Abschiedes in Meck- 
lenburgs nichts bekannt, die, wenn sie erfolgt wäre, ohne 
Wirkung bleiben konnte, weil im Lande von der Refor- 
mation nichts öffentlich bekannt geworden war. So kommt 
am 14. Januar 1523 das Rundschreiben des Papstes durch 
den Nuntius Chieregatti gegen die impios sceleratosque 
schismaticos*) noch zu früh, aber doch schon zu spät, indem 
im Februar 1523 zu Nürnberg beschlossen war,^) das Worm- 
ser Edikt abzulehnen, ein Konzil in einer deutschen Stadt 
imter Mitwirkung der Stände anzustreben, vor allem aber 
das Wort Qottes nach Lehre der bewährten Schriften lauter 
zu lehren. Am 18. April 1524 kam es zu dem zweiten 



In der Leichenrede des L. Bacmeitter, Rost Etwas 1793, S. 181. 

Schimnacher, Job. Albrebt, Wismar 1885, S. 1 u. 2. 

M. Jahrb. 16, S. 10. 

Ranke, Deottebe Qeseh. im ZeitaHev der R^., Bmrlin 1852, U., 

S. 48 n. M. 



Digitized by VjOOQiC' 



17 



Nürnberger Abschied, i) dass bis zu einer Nationalversamm- 
lung im November das heilige Evangelium und Gottes Wort 
gepredigt und „soviel als möglich" das Wormser Edikt ge- 
halten werden sollte. Diese beiden Reichstagsabschiede 
gaben den mecklenburgischen Herzögen den Rechtsgrund, 
auf dem sie jetzt die reine Lehre fördern. Albrecht mochte 
ausserdem noch durch seine Gemahlin, Anna von Branden- 
burg, beeinflusst sein, welche bei einem Besuche in Neu- 
brandenburg*) sich evangelisch predigen liess und gelegent- 
lich ihres Aufenthaltes in Ribnitz recht verächtlich von der 
alten Kirche sprach. Obgleich Albrecht sich Messe lesen 
Hess,*) so lässt er durch den Hofbeamten Hans Löser und 
sein Bruder Heinrich durch den Sternberger Prior Johann 
Steenwyck Luther um Sendung evangelischer Prädicanten 
bitten, im Frühjahr 1524.*) Wenn aber Luther am 24. Juli 
1524 an den Prior schreibt: „Scripsissem principi ipsi, sed 
causa aliqua intercessit, ne id auderem, ne forte suspitionem 
et facerem et incurrerem",^ so ist das ein Zeichen, dass 
unsere Fürsten von der Keformation noch frei bleiben 
wollten; nur das lautere Evangelium Hessen sie predigen. 
Denn sie sind advocati ihrer Kirche und haben ausser- 
dem für den Landfrieden zu sorgen. Diese beiden Ge- 
sichtspunkte sind für ihr Verhalten massgebend. Deshalb 
gebietet Albrecht dem Joachim Kruse, den er doch in 
Güstrow eingesetzt hat, dass er „sich sunst ungepürlichs 
unstümigs schmehens enthalte, damit aufruhr und Widder- 
wylle vorblyb";*) nur das wahrhaftige Evangelium und 
Wort Gottes soUe er verkündigen. Befremden kann es des- 
halb auch nicht, wenn Albrecht den Bischof Magnus am 
16. August 1526^ auffordert, die neue ketzerische Lehre 
zu unterdrücken, deshalb nicht befremden, weil er für den 
Bischofsstuhl seines Neffen besorgt sein musste. Ebenso 
verfährt Heinrich, der im Oktober 1525 Slüter entliess, als 
der Official sich bei ihm über die aufrührerischen Predigten 



') Ranke, IL, S. 113. 
•) M. Jahrb. 22, S. 9. 
^) Ebenda. 

*) M. Jahrb. 22, S. 241, und de Wette, Luthers Briefe, IL, S. 511. 
«) Der Brief ist M. Jahrb., 12, S. 274. abgedruckt. 
**) Schröder, Ev. Meckl. Rostock 1788. 1, S. 96. Brief Albrechts vom 
Sonnabend nach Quasimodogeniti, d. i. 29. April 1525. 
^) Schweriner Archiv. 

2 



Digitized by VjOOQIC 



18 



desselben beklagte.^) Und in Friedland befahl er ^das 
heilige Evangelium nach Auslegung der vier Doctoren der 
heiligen Schrift zu predigen, ohne Schelten und Aufruhr, bis 
erauskaiserlicher Majestät andere Botschaft erlassen würde/^*) 
Da Aufruhr zu befürchten ist, so lässt er esgeben bei*der 
„alten christlichen Gewohnheit" bleiben. Wo aber das 
Evaneelium von lutherischen Prädicanten gepredigt wird, 
da sou auch nach Heinrichs Meinung es „luther und rein 
sonder jenigen thosatzt" geschehen, aber ohne Schelten und 
auch ohne öffentliche Disputationen, weil durch letztere 
„vele mehrere uprhur den Einigkeit erwassen mochte". 
So verbietet er in Wismar und Rostock bereits angesetzte 
öffentliche Disputationen.^) Als advocati hatten Albrecht 
und Heinrich die Kirche gegen die Verweigerung der Pachte 
in Schutz zu nehmen. So citirt Albrecht den Joachim von 
der Osten und Joachim von der Luhe, die vom Domcapitel 
zu Rostock der Pacht wegen verklagt wurden; er habe 
sich mit Heinrich verabredet, „die sulven gebreken tho 
vorhorenn und darinne wath temelick gewanlick und billich 
ist tho vorfugenn.*) Am 8. April 1526 wird denn zu Stern- 
berg nach Berathung mit den Landständen der Zinsfuss 
von geistlichen Gütern auf 47« herabgesetzt, mit der Be- 
stimmung, dass Zinsen und Pachte fortan regelmässig be- 
zahlt werden sollen. Und als der Schweriner Domdechant 
Johann Knutzen ohne Vollmacht der übrigen beim Eitiser 
darüber sich beschwerte, versichern die Herzöge, dass sie 
nur zur Erhaltung des Gottesdienstes in diese gütliche 
Unterhandlung sich eingelassen hätten, um Nachtheil und 
Widerwillen zwischen Geistlichen und Weltlichen zu ver- 
hüten.*) In der That nahmen sie die Geistlichen in Schutz, 
so am 17. Juni 1526, als die Rostocker den Klerus mit der 
Grabenarbeit beschweren wollten.^) 

So bleiben sie noch 1526 Freunde des Kaisers und 
erhalten von ihm durch Heinrich von Braunschweig seine 
Instruction an die, welche „der Luterischen lere nicht an- 
hengig seyn.**^) 



*) Bei 
•)M. 



Bei Yorberg, Einführung der Reformation in Rostock, S. 32. 

M. Jahrb. 12, S. U9. 

Schröder, I, S. 141. 

Die Citation ist abgedruckt bei Hegel, S. 184. 

M. Jahrb. 12, S. 242. 
•) Yorberg, 9. 32. 
«} Abgedruckt bei Schröder, I, S. 104. 



Digitized 



by Google 



19 

Dieser Stellung scheint nun Heinrichs Verhalten' zum 
Torgauer Bunde nicht zu entsprechen, da sein Name in 
der Bundesakte vom 13. Juni 1526 zu Magdeburg mitge- 
nannt wird.^) Allein eine nähere Beziehung zu den Bundes- 
gliedern und zu der Entwicklung des Bundes ist nicht 
nachzuweisen. Dass Heinrich anfänglich mit seinem Schwager 
Johann, der Seele des Bundes, übereinstimmen mochte, 
liegt bei der nahen Verwandtschaft auf der Hand. Gewiss 
ist er durch seine Theilnahme am Lippeschen Bunde seit 
dem 16. December 1525*) und derjenigen am Polnischen 
Bunde seit 13. December 1524,') jenen Vorläufern des Tor- 
gauer Bundes, mit in den letzteren hineingezogen worden, 
d^m er aber hernach ganz sich fern hielt. Fürs erste passten 
die Bestimmungen jenes Bundes sehr gut zu seiner Stellung, 
welche besagen, dass „wir von Amtswegen darzu von Gott 
dem AUmechtigen vorsehen, den unsern schuldig und plichtig 
seyn, auch getreue Pürsehung zu thun, damit dieselben 
mit dem Worte Gottes weyter gewydembt werden." 

Dass Gottes Wort gepredigt werde, war 1524 zu Nürn- 
berg den Ständen zur Pflicht gemacht, und zu Speyer hiess 
es 1526 am 25. Juni, dass jeder Stand sich so verhalten solle, 
wie er es verantworten könne vor Gott und Kaiserlicher 
Majestät;*) ja es ward jeder Obrigkeit, geistlichen oder 
weltlichen Standes, zur Pflicht gemacht, dass in ihren Landen 
Gtottes Wort nach rechtem Verstand gepredigt werde, ohne 
Aufruhr und Aergerniss. So wurden 1527 Oberländer und 
Paber in Schwerin, Berenf eider in Wismar, 1528 Lönnies 
in Parchim angestellt; ja Heinrich unterredet sich mit Slüter 
und schenkt ihm 1527 ein neues Priesterkleid. ^) Dagegen 
bitten die Priedländer vergebens um einen Prediger, weil 
der Rath berichtet hat, dass Geistliche genug da seien und 
kein Friede bestehen würde.*) Ebenfalls verbietet Heinrich 
den Druck des Emser'schen Testamentes, nicht weil der 
Kurfürst von Sachsen ihn darum ersuchte, auch nicht, weil 
Luther selbst an ihn schrieb, sondern „weil es vorderblichen 



*) Abgedruckt bei Schröder, I, S. 106 fP. 

•) M. Jahrb. 20, S. 101. 

•) Ebenda S. 114 

*) Ranke, S. 296. 

•) Vorberg S. 34. 

"") M. Jahrbuch 12, S. 160. 



Digitized by VjOOQiC 



20 

schaden pringen mocht^, was ihm ^als der Oberigkeiten 
gantz beschwerlich und ghar unleidthch."^) 

Wir sehen, dass Heinrich und Albrecht auf den Reichs- 
tagsbeschlüssen bestehen, welche ihnen das ius reformandi 
in der Weise auszuüben verstatten, dass sie für die Predigt 
des Evangeliums sorgen, soweit es ohne Aufruhr und ohne 
Abbruchan den Rechten der QeistUchkeit geschieht. Deshalb 
unterschreiben sie auch die Protestation zu Speier nicht. 
Auf die Verpflichtung, den Speirer Reichstagsabschied zu 
halten, wird Heinrich vom Bischof von Ratzeburg hinge- 
wiesen in jener Aderpolschen Fehde zu Gressow*): „der 
Kaiser habe dem Bischof und dem Herzoge befohlen, bei 
dem alten christlichen Glauben und den alten Ceremoni^n 
zu bleiben, bis durch ein Concil etwas Anderes bestimmt 
sei.** Als der Bischof dann von den Plessen überfallen 
wird, fordert er gemäss dem Speirer Reichstage von den 
Fürsten Hülfe, 27. December 1529. Denn wenn ein Stand 
des Reiches überzogen würde, so solle der andere helfen. 
So schreibt denn Heinrich unter dem 4. Januar 1530 an 
die Plessen, den Landfrieden nicht zu stören, und Albrecht 
ist bereit, mit bewaffneter Macht herbeizukommen. Wenn 
aber beide Fürsten nicht energisch gegen die Plessen vor- 
gingen, so liegt der Grund nicht auf religiösem Gebiete, 
sondern sie mochten dem hochfahrenden Ratzeburger wohl 
einen Aerger gönnen. Auf den Speirer Reichstag beziehen 
die Fürsten sich auch selbst, als sie den vier Domkapiteln, 
welche am 6. December 1529 über Verunglimpfung sich 
beklagt hatten, unter dem 4. Januar 1530 antworten:*) 
„Sie wollen mit gebührlicher Execution der Geistlichkeit 
zu den Zehnten, rächten und Renten verhelfen; die Geist- 
lichen sollen vor kein Stadt- oder ander wertlich gerichte 
gezogen werden ; was Gottesdienst und Ceremonien betrifft, 
so ist der Befehl hiebevor gewest und ist es noch jetzt, 
das die nach altem gebrauch der heiligen kirchen vnde 
vermöge des abscheides des jungst gehalten Rechtstags 
zu Speier, darvor wir zu underricht den artikel <5ristlich 
religion unde unsem heiligen Glauben belangent hir in ge- 
legt, gehalten soll werden." Da nach demselben Abschiede 



^) Der Brief an den Rostocker Rath abgedruckt in M. Jahrb. 64, 
S. 191. 

Jahrb. 16, S. 76 ff. 
Jahrb. 16, S. 35. 



-)M. 



Digitized by VjOOQiC 



81 

Sekten nicht geduldet werden sollen, so verbieten Heinrich 
und Albrecht am 6. Mai 1530 den Druck von Schriften 
des zwinglianisch gesinnten Never zu Wismar.*) 

Es kann deshalb nicht befremden, wenn die Herzöge 
die Confession zu Augsburg nicht unterschreiben, ja Albrecht 
die Anrede an den päpstlichen Legaten hält. In der Po- 
litik des letzteren ist von diesem Reichstage an eine Wendung 
nach der katholischen Seite hin zu bemerken, während 
Heinrich an seiner bisherigen Stellung festhielt. Albrecht 
tritt fortan in eine gegensätzliche Stellung zu seinem Bruder, 
indem er die von diesem nicht gebilligte Landestheilung 
eifrig betrieb, indem er in die nordischen Angelegenheiten 
sich einmischte und deshalb die Freundschaft des Kaisers 
sich wahren musste, indem er endlich der Ueberredung 
seines Schwiegervaters, Joachim I. von Brandenburg, Raum 
gab. In Bezug auf letzteren Punkt sagt Reimar Kock:*) 
„Hertog Albrecht heflft sick v;an dem Marckgraven overreden 
lathen, den olden, und ock van Hertog Jürgen van Meissen, 
dat he de Lehre des Evangelii verlathen und ein Papiste 
geworden und ock beth in synem dode gebleven." Auch 
Herzogin Anna war wieder katholisch 'geworden.') Es wird 
sich jedoch zeigen, wie der katholische Albrecht von 1534 an 
in seiner Politik mit dem Protestantismus rechnete. Einst- 
weilen stand sein Wirken unter dem Einflüsse seiner gut 
katholischen Kanzler, des Joachim von Jetze und des Johann 
Knutzen. Die veränderte Stellimg benutzt das Rostocker 
Domkapitel, wenn es am 1. April 1531 das Domkapitel zu 
Schwerin auffordert, es Herzog Albrecht ja nicht unge- 
meldet zu lassen, wenn ihnen etwas zugemuthet würde.*) 
Dem Prädicanten Aderpol verbietet Albrecht die evangelische 
Predigt in Malchin, Dienstag vor dem 1. November 1531.*) 
Labes in Güstrow wehrt sich gegen ein ähnliches Verbot 
und beruft sich darauf, dass Albrecht doch dem Kruse das 
Predigen gestattet, auch ihn selbst nicht verhindert habe.^) 
Labes erbietet sich aus der Schrift seine Lehre zu erweisen, 
umi wirklich lässt Albrecht sich auf eine Prüfung derselben 



) Vorberg, S. 40. 

) M. Jahrb. 22, S. 15. 

) M. Jahrb. 18, S. 4. 

) Gedruckt M. Jahrb. 16, S. 47. 

) M. Jahrb. 16, S. 99. 

•) M. Jahrb. 12, S. 279. 



Digitized by VjOOQiC 



22 



ein, ebenfalls so in Priedland und Neubrandenburg, die 
aber mit der Verjagung der Prediger endete, weil sie nicht 
glauben wollten, dass „das Sakrament im Hüseken noch ein 
Sakrament sei." ^) Am 5. Februar 1532 verbietet Albrecht 
jede Veräusserung von Kirchengütern,*) und am Trinitatis- 
feste desselben Jahres muss er schon wieder eine Klage 
des Schweriner Domcapitels entgegennehmen, dass ihm 
von dem Adel die Pachte nicht gezahlt würden.') 

Dieser veränderten Stellung seines Bruders gegenüber 
bewahrte Heinrich seine ursprüngliche. Der Kostocker 
Syndikus Oldendorp ist bei ihm Zwinglianischer Ketzerei 
wegen verklagt; da antwortet Heinrich dem Rathe am 4. 
November 1530,*) dass er ihn nicht allein der Irrlehre ent- 
gegen, sondern als einen frommen, ehrliebenden Christen, 
der der evangelischen Wahrheit geneigt wäre, erkannt hätte. 
Besonders aber lobt Heinrich an Oldendorp, dass er „die 
unsem als der Obrigkeith gepürlichen Gehorsam seines 
eussersten Vermögens bewe^." Das ist Heinrichs Stand- 
punkt nach wie vor, dass kerne Unruhen und Beschwerden 
vorfallen dürfen. Deshalb setzt er den Aderpol in Malchin, 
das Heinrich mit seinem Bruder gemeinsam gehörte, wieder 
ein; er versetzt den Labes aus Güstrow nach Sternberg; 
in Priedland, wo die Wogen der Unruhen zwischen der 
Bürgerschaft und dem auf Albrechts Seite stehenden Rathe 
noch hochgehen, erscheint er persönlich, nachdem zwei 
Briefe an den Rath mit der Aufforderung, die Bürger glimpflich 
zu behandeln, nichts gefruchtet hatten. Bei seiner Anwesen- 
heit wies er den Prädicanten Berenfelder, der früher in 
Wismar gewesen war, in sein neues Amt ein und bittet für 
denselben den Dominikanerprior zu Pasewalk um eine 
Wohnung.*) Aus diesem Umstände folgt, dass Heinrich, wo 
es in Ruhe zugehen konnte, die reine Lehre nicht hinderte, 
vielmehr zu ihrer Unterstützung selbst die Anhänger der 
alten anrief. Das bezeugen ihm letztere selbst. Die Rostocker 
Geistlichkeit gesteht die Predigt des Evangeliums zu, aber 
in die Veränderung der Ceremonien soll nach Heinrichs 
Befehl nicht gewilligt werden. So sagen sie vor dem Rathe 

M. Jahrb. 16, S. 101. 

Bei Vorberg, S. 49. 

M. Jahrb. 16, S. U. 

Gedruckt in Rostock. Etwas 17U, S. 116. 

M. Jahrb. 12, S. 163. 



Digitized by VjOOQLC 



28 

am 23. März 1531 aus.^) Das bleibt auch Heinrichs Meinung, 
und in Schwaan, am Abend des 23. März 1531, empfiehlt 
er der Gesandschaft der Rostocker Geistlichkeit, die Cere- 
monien keineswegs fallen zu lassen.*) Ja, er versichert 
dieselbe seines Schutzes, dass er nöthigen Falles Gewalt 
mit Gewalt steuern werde. Auch in Bützow befiehlt Heinrich, 
dass man sich keineswegs unterstehen solle, in den alther- 
gebrachten Ceremonien etwas abzuthun oder zu ändern; 
denn auf jüngst gehaltenem Reichstage zu Aii^sburg sei 
beschlossen worden, bei den alten christlichen Ceremonien 
zu bleiben und darin vor dem künftigen christlichen Concil 
nichts zu ändern.*) Indem Heinrich einerseits das Evan- 
gelium predigen Hess, wo es ohne Aufruhr geschehen konnte, 
andererseits aber die Ceremonien gemäss dem Augsburger 
Reichstage beobachtet wissen wollte, konnte es nicht aus- 
bleiben, dass man die Predigt sich gefallen liess, aber die 
Ceremonien um so fester behauptete. Dass aber eins das 
andere mit sich zieht, wurde Heinrich zu Schwaan an jenem 
23. März klar. Ueberhaupt ist dieser Märzaufenthalt in 
Schwaan für den Portgang der Reformation recht wichtig. 
Neben den Gesandten der Rostocker Geistlichkeit war da- 
selbst auch Slüter anwesend; ebenfalls stellte Aderpol aus 
Malchin sich ein, um sich Bescheid zu holen. Er lautete: 
„das Evangelium zu Malchin nach wie vor zu predigen*'.*) 
Der Rath zu Malchin hatte darauf ihm bedeutet, dass Herzog 
Heinrich nur die Predigt erlaubt habe, nicht aber das Sa- 
krament, und hatte deshalb dem Prädicanten weder Mess- 
fewand noch Kelch herausgegeben. Darum fragen die 
Talchiner Bürger bei Heinrich an, wie sie sich verhalten 
sollen, denn „dat Evangelium bringeth myt sick den not- 
roftigenn gebruck der Sacramenth".*) So musste Heinrich 
also eine entschiedenere Stellung einnehmen. Einstweilen 
that er es noch nicht; vielleicht hielt sein papistisch ge- 
sinnter Kanzler Caspar von Schönaich ihn zurück. Er be- 
gnügte sich damit, die Ruhe im Lande zu wahren. Am 
14. August 1531 •) begehrt er von den Kirchenjuraten zu 



^) Vorberg, S. 4.2. 

•) M. Jahrb. 16, S. 16. 

') Abgedruckt daselbst, S. 132. 

^) Abgedruckt daselbst, S. 110. 

*) Abgedruckt daselbst, S. 112. 

•) Bei Yorberg, S. 46. 



Digitized by VjOOQiC 



24 

St. Jacobi in Rostock, den aufrührerischen Prädicanten ab- 
zusetzen, er wolle sie mit einem frommen Manne von guter 
Lehre versehen. Am 23. Januar 1532i) schreibt er an dei 
Rath zu Parchim: Eis sei ihm glaublich berichtet, dass in 
jüngster Zeit dieselben in eigener Gewalt und ganz unbe- 
dächtig zugefahren sind, alle Gottesdienste und Ceremonien, 
so von Alters her gehalten sind, niederzulegen, dass sie 
femer anstatt denselben viel „ungeschickte und imlöblidie 
fürnehmunge" gebrauchen, das mehr zu Beschwerung denn 
zu gutem Rechte diene; er fordert deshalb mit Ernst, die 
Amte der Messen und die Ceremonien, welche sie von 
Alters her halten, auch die Kirchherren und Kapellane in 
ihren Pfarrrechten nicht zu hindern, und darneben das 
heilige Wort Gottes und heiliges Evangelium lauter und 
rein unverhindert predigen zu lassen. Aus diesem Briefe 
ergiebt sich die unveränderte Stellung Heinrichs : Das Evan- 
gelium soll gepredigt, aber keine Beschwerung irgend welcher 
Art gemacht werden. Deshalb nimmt er auch die Kart- 
hause in Rostock in Schutz, am 23. Mai 1532,*) dass „die 
armen geistlichen Leute nicht beschwert" werden sollen. 
Wie sehr er persönlich den alten Ceremonien ergeben war, 
bezeugt der Umstand, dass er noch Weihnacht 1532 in 
Schwerin die Messe sich celebriren Hess. Seine evangelischen 
Unterthanen allerdings, die Bürger von Parchim, Neu- 
brandenburg, Priedland, Malchin und Woldegk, bitten die 
in Rostock versammelten Landstände um Schutz gegen die 
päpstlichen Verfolgungen und um Befürwortimg ihrer Bitte 
bei dem Landesherrn.') Dasselbe that 1533 Rostock, welches 
in seinem Reformationseifer schon am 1. April 1531 das 
grosse Werk der Reformation vollendet hatte. 

Das Jahr 1533 bringt nun die wichtige Veränderung, 
zunächst den Umschlag Heinrichs, sondern die offen feind- 
selige Haltimg Albrechts gegen seinen Bruder. Wir werden 
die Beweise für beides sogleich bringen. Vorerst möge 
einigen Gedanken Raum gegeben werden, welche den Um- 
schlag Heinrichs erklären. Im Schweriner Archiv befindet 
sich ein Brief des Herzogs Magnus an seinen Lehrer Arnold 
Büren vom 18. August 1532. Magnus sagt darin, dass er 

^) Aus dem Archir zu Schwerin, Brief Heinrichs an Bürgermeister 
und Rathmannen zu Parchim vom Dienstag nach Fabian Sebastian 1532. 
*) Beilagt 12 zu Lisch ,,Marquard Behr" im Jahrb. 27, S. 68. 
") Abgedruckt M. Jahrb. 16. S. 117. 

Digitized by VjOOQiC 



85 

an den Hof des Kurfürsten von Sachsen hätte gehen sollen. 
Aber als sein Vater mit der Anweisung noch gezögert habe, 
hätten die Sachsen gesagt: Heinrich warte nur auf den 
Ausgang des Regensburger Reichstages. Magnus citirt 
dann den Satz „donec eris felix". Daraus geht wohl hervor, 
dass Heinrich allerdings schon im Sommer 1 532 den Plan, 
den Schmalkaldenern beizustehen, mit sich erwog. Zu einem 
Anschluss ist es damals noch nicht gekommen, ebenso 
wenig zu einer veränderten Haltung seinen Unterthaneh 
gegenüber. Mithin machen die Sachsen unserm Herzog 
eine Unterstellung, wenn sie ihn auf den Regensburger 
Abschied warten lassen. Dieser, der am 23. Juli 1532 er- 
folgte, berührte ihn gamicht. Anders liegt es dagegen mit 
Heinrichs Verhältniss zum Stift Schwerin. Er hatte für 
seinen Sohn die Wahlkapitulation beschworen und hatte 
darin versprochen, dafür zu sorgen, ne qua negligentia fiat 
in spiritualibus et sacramentalibus sive in his quae sunt 
ordinis episcopalis.^) Dadurch musste Heinrich sich gebunden 
fühlen. Als nun Magnus am 16. September 1532 sein Amt 
antrat, war Heinrich von dieser Verpflichtung frei. Und 
gerade Magnus mochte es sein, der seinen Vater zu ent- 
schiedenerm Vorgehen bewog, er, der mit Luther und Me- 
lanoiithon innig verkehrt, der eine tüchtige Ausbildung 
durch Pegel und Büren erhalten hatte. Im März 1527 lobt 
Melanchthon seine wissenschaftlichen Studien und fordert 
ihn auf, für Luther bei Herzog Georg Fürsprache einzu- 
legen. Im Februar 1530 schreibt Melanchthon an ihn: „Non 
ignoratis vos divinitus in hoc fastigio rerum huraanarum 
coUocatos esse, ut conservetis religionem et civilem discip- 
linam" und erinnert ihn an das Wort „Ego dixi, dei estis."*) 
Musste Magnus also nicht früh schon den Gedanken fassen, 
in seinem Vaterlande die Reformation zum Siege zu führen? 
Bereits am 6. April 1527 bittet er seinen Vater um An- 
stellung seines Dieners Otto Ritzerow in Sternberg, der 
dafür sorgen würde, dass Gottes Wort rechtschaffen ge- 
predigt werde.*) Er beschwor nur die Wahlkapitulation, 
aber nicht den von Papst Leo 1516 vorgelegten Eid. In 
betreff dieses hatte er in dem schon erwähnten Briefe seinen 



*) Abgedruckt in Hist. Nachricht von der Verf. d. Fürstent. Schwerin. 
Beilage H. 

Im Corpus Reformatorum. 

Aus dem Haupt-Archiy zu Schwerin. 



? 



Digitized by VjOOQiC 



Freund* und Lehrer gebeten, den Eid durchzulesen, ne eo 
me astringam; quod.mihi et animae et corporis detrimento 
poterit cuiusque me poeniteat. Sein Lehrer konnte ihn von 
dem Eidschwure nur zurückhalten. Wie eifrig Magnus 
das Werk der Reformation trieb, werden wir bei dem Jahre 
1538. noch sehen; hier nur noch eine Bemerkung: Pfingsten 
1533 schrieb er von Weimar aus Klagen über die Lässig- 
keit der Reformation der Universität und über Albrechts 
Feindseligkeiten.') Die Vermuthung ist also wohl begründet, 
dass Magnus seinen Vater zu einem entschiedenen Vor- 
gehen bewog. 

Die veränderte Stellung Heinrichs ergiebt sich aus 
seinem Briefe an das Schweriner Domkapitel vom Jahre 
1533, welches sich beschwert hatte, dass die evangelischen 
Prädicanten in ihren Predigten wider die Ceremonien und 
geistlichen Personen redeten.*) Da antwortet Heinrich 
zugleich im Namen seines Sohnes Magnus, dass er „solches 
nicht zu verbieten wisse, auch nicht in seiner Gewalt stehe, 
so ferne solches mit Gottes Wort und demselben gemäss 
geschehe, angesehen, däss auch der Herr Christus selbst 
vor Zeiten wider Irrthum und Missbrauch härtiglich ge- 
redet habe, wie aus seinem heiligen Evangelium zu lesen 
und zu finden sei". Nun beschwert sich Albrecht beim 
König Ferdinand.*') Der Brief bestätigt uns den Wandel 
im Verhalten Heinrichs. Albrecht klagt, dass das Mandat, 
wonach niemand den andern wegen der Religion angreifen 
noch ihm Verhinderung thun solle, von Heinrich ganz und 
garnicht geachtet und von Rostock und Wismar und an- 
deren Städten garnicht gehorsamet würde, dass vielmehr 
Heinrich sich vernehmem Hesse, „Key. und e. Kh Mat. haben 
ime in dem das seiner sehelen seligheit betrift, nicht zu 
gebieten". Leider ist der Brief ohne Datum. Er muss 
aber zu Anfang des Jahres 1533 geschrieben sein; denn 
am 14. April 1533 schreibt Knutzen von Mailand,*) dass 
er auf die andern Artikel, der lutherschen Händel halben, 
keinen Bescheid und Antwort erhalten könne. Am 30. Juni*) 
fordert Ferdinand den Rath schon auf, die Neuerungen 



*) Im Haupt-Archiv zu Schwerin. 

») M. Jahrb. 22, S. 17. 

*) Abgedruckt in M. Jahrb. 16, S. 116. 

Abgedruckt in M. Jahrb. 26, S. 51. 

Bei Yorberg, S. 52. 






Digitized by VjOOQiC 



^7 

äbsmstellen. Und unter dem 29. JuH'bekomint Heinrich 
von Braunschweig den Auftrag von Ferdinand, init Heinrich 
zu verhandeln.^) Es heisst da: Herzog Albrecht hat ein 
Urtheil an uns geschrieben, in Sachen die christlich Religion 
betreffend, darin seiner Liebden von seinem Bruder etwas 
Beschwerliches zugefügt wird. Ferdinand wünscht, dass 
dies und dergleichen Irrthum und Zwietracht zum mög- 
lichsten verhütet und in der Güte verhandelt werden, sonder- 
lich auch in der Religion nichts neues aufgerichtet, noch 
Rom. Eaiserl. Maj. ausgegangenen Erklärung und Nürn- 
bergschen jüngsten Abschied zuwider gehandelt wird. Ferdi- 
nand hat Heinrich von Braunschweig in Aussicht genommen, 
wegen dieser Irrungen zu verhandeln und Fleiss zu haben, 
sie gütlich abzustellen, damit Herzog Heinrich von seinem 
Fürnehraen abstehe und sich allenthalben dön Nürnbergi- 
schen Abschied und der darüber ergangenen Kaiserl. Publi- 
cation gemäss verhalte. Dienstag nach Michaelis 1533 
schreibt Heinrich von Braunschweig an Albrecht, dass er 
seine Sache jetzt in die Hände nehmen wolle.*) Inzwischen 
hat Albrecht schon die Vermittlung Joachims von Branden^ 
bürg angerufen. Dieser schreibt am 30. Juli 1633 an 
Heinrich,*) dass Albrecht ihm persönlich gesagt habe, es 
sei nie seine Meinung gewesen, die Prediger, welche Gottes 
Wort verkündeten, zu verjagen, vielmehr wolle er sie schützen; 
er könne nur nicht leiden, dass in Wismar und in einigen 
Orten umher Prediger von der zwinglischen Sekte lehrten 
und das Volk verführten; er wolle auch, wo zwei Pfarr- 
kirchen wären, seinem Bruder eine überlassen, wenn er 
ihm die andere gönnen würde. Inzwischen fuhr dennoch 
Albrecht fort die Prediger zu verjagen, am 23. August 1533 
den Labes aus Stemberg, und er schreibt an den Rath 
dieser Stadt, dass er sonst „gewaldt mit gewalth zu sturenn*' 
bedacht wäre.*) Aber Faber aus Schwerin tröstet den Rath 
und bittet ihn, die lutherischen Prädicanten zu schützen;*) 
wenn ihn ein Göttloser anfechten sollte, so „beruff er sich 
zum Ersten auff Herczog Heynrich, der ym solchs befolhien 
hat". Da Faustinus Labes bleibt, so fasst Albrecht sene 



*) Im Haupt-Archiv zu Schwerin. 

*) Ebenda. 

•) M. Jahrb. 16, S. 102. 

" Jahrb. 16, S. 282. 

Ebenda, S. 284. 






Digitized by VjOOQlC 



38 



Klagen noch eintnal in einen Brief an Joachim zusammen, 
am 17. September 1533/) dass Heinrich die von Albrecht 
in den gemeinschaftlichen Städten verjagten Prediger wieder 
eingesetzt habe. Albrecht ist besonders darüber erbittert, 
dass Faber ein Schroähbuch auf das heilige Blut in Stern- 
berg — Luther i^chrieb bekanntlich die Vorrede dazu — 
hatte ausgehen lassen, und es ist in der That seine Meinung, 
dass in Sternberg zwinglisch gepredigt werde. Dennoch 
wollte Albrecht es nicht zum äussersten kommen lassen. 
Den Auftrag des Kaisers an Rostock vom 30. Juni gab er 
erst am 10. October ab, und sein ganzer Hass richtete sich 
gegen Oldendorp, der sich bemühe, das Land gegen ihn 
aufzubringen. Die Rostocker beschwerten sich deshalb bei 
Heinrich und den Verordneten der Landschaft.*) Ersterer 
aber erhielt die Aufforderung Heinrichs von Braunschweig 
und antwortete demselben,*) dass er sich dem Nürnbergschen 
Abschied gemäss und gehorsam verhalten hätte, auch ohne 
das zu keiner Zeit davor oder darnach den Geistlichen an 
ihrer Habe und Gütern Verhinderung gethan hätte, und 
habe, was von Alters hergebracht sei, ohne Abbruch ge- 
brauchen lassen, was er auch ferner noch zu thun willig 
wäre. Mari sieht, dass von Heinrich auch nach seiner Ent- 
scheidung keine gewaltthätige Einwirkung zu Gunsten der 
Reformation zu erwarten stand. 

So kam am 25. Januar 1534 eine Einigung zwischen 
beiden Brüdern zu Stande, welche hernach im December 
desselben Jahres bei der Erneuerung des Theilungsvertrages 
auf zwanzig Jahre als zu Recht bestehend vorausgesetzt 
wird. Sie bildet also den Grund für Heinrichs künftiges 
Handeln. Pur Malchin ward z. B. festgesetzt, dass, da nur 
eine Pfarrkirche vorhanden war, jeder Theil zur bestimmten 
Zeit sie benutzen sollte ; doch solle kein Theil den andern 
schmähen.*) Die Einigung bestand also in der Theilung 
der Kanzeln und sprach die gegenseitige Anerkennung aus. 
Auf Grund derselben wird von beiden Fürsten eine Auf- 
zeichnung der Kirchen und ihrer Güter, soweit sie herzog- 
lichen Patronats waren, ins Werk gesetzt. 5) Sie begann 

*) Abgedruckt Jahrb. 16, S. 119. 

•) Bei Vorberg, S. 54. 

*) Aus dem Haupt-Archiv zu Schwerin. 

*) Gedruckt M. Jahrb. 16, S. 121. 

») M. Jahrb. 8, S. 37. 



Digitized by VjOOQiC 



29 

im Juni 1534 und dauerte bis ins Jahr 1535. Herr Archivar 
Dr. Stuhr zu Schwerin macht micli freundlichst damuf 
aufmerksam, dass weder eine Instruction zur Visitation noch 
ein Nachwort der Visitatoren vorhanden ist. Es ist in der 
That die Visitation nur eine Aufzeichnung der Kirchen 
und ihrer Güter, was der Titel bezeugt: Registrum eccle- 
siarum, .... commendarum et beneficiorum . . . conscriptum 
u. s. w. Die Nachrichten Dietrich Schröders, I, S. 274-288, 
sind also ziun wenigsten irreführend. Eine mir von Herrn 
Archivar Dr. Stuhr gütigst mitgetheilte Probe aus dem 
OriginalprotocoU bestätigt die Richtigkeit des Titels „Re- 
gistrum". „Pampow, dat kerklen is der fursten, besitter 
Ketellerus Keteller, vorlent van beiden fursten anno XXVI. 
Pechte darttho eine houe landes to der wedeme myt erer 
rechtycheyt vnde noch dat drudde parth van II houen to 
Holthuseii vp dem velde, maket XXI ßl. IUI ^ lub. Mis- 
kome III dromet IUI schepel. Item noch höret dartoyn 
de kapeile to Roggan, dar van schal de kerckher jarlick 
hebben vor sinen vordenst, dat he den gadesdenst dar holt, 
by Vin M. vngeuerlick, hir van entholt eme Jochym Balges 
bure to Roggan, Kersten Heylige genomet, II M. IUI ßl. 
jarliker rente, vth vorbade Joachym Balges ; ytem dat rockhon 
vthe dem croghe to Roggan boreth de kerckher. Meteil, 
dat kercklen is der fursten, besitter Ludolphus Spick, eme 
vorlent dorch beide fursten anno XVIII. Pechte darto II 
houen landes myt aller erer rechticheyt vnde tobehoringe 
to der wedeme vnde III dromet miskorns hyrvan vnde vth 
der kapeilen to Sickhusen, hyr to liggende, to hope, vnde 
synt in vortyden V dromet gewesen, dat warth eme also 
entagen". Fragen wir nach den Gründen dieses Entgegen- 
kommens von Albrecht, so lässt sich wohl vermuthen, dass 
der Landtag, den einzelne Städte und zuletzt noch Rostock 
um Vertretung ihrer Sache angegangen waren, auf ihn ein- 
gewirkt habe. Vielleicht Hessen seine nordischen Pläne es 
ihm jetzt gerathen erscheinen, mit der neuen Lehre sowohl als 
besonders mit Heinrich und den Seestädten sich zu ver- 
tragen. Denn die Bewegung in Dänemark begünstigte den 
Protestantismus, so dass Jetze rathen muss, „sich der alten 
Lehre zu entschlagen und sich in allen Dingen auf die 
evangelische Weise zu schicken, jedenfalls aber mit der 
Messe es ganz heimlich zu halten".^) Am 27. October 1534 

^) M. Jahrb. 26, S. 6. 

. DigitizedbyVjOOQlC 



30 



versucht er auch Heinrich durch ein Schreiben an Schön- 
aich in sein Interesse zu ziehen, indem er ihn auffordert, 
Dänemark und Schweden mit ihm zusammen zu erobern.^) 
SchUesslich bindet Albrecht im November 1534 den See- 
städten gegenüber sich die Hände ganz und gar, wenn er 
ihnen verspricht: Gottes Wort und das Evangelium lauter 
und rein, wider die Lehre der Papisten und der Schwärmer, 
in Dänemark und in Mecklenburg, in gemäss der Nürn- 
berg;er Ordnung predigen und halten zu lassen und alle 
dawider bestehenden Missbräuche abzuschaffen.') 

Die Stellung Heinrichs zur Reformation in seinem Lande 
bis zum Jahre 1534 ist also kurz zusammengefasst diese: 
Er stellt sich auf den Boden der Reichstagsabschiede; als 
Stand des Reiches und advocatus seiner Kirche nimmt er 
dieselbe gegen jede Gewalt in Schutz; er verwehrt aber 
nicht die Predigt des Evangeliums, soweit der Landfriede 
nicht gestört wird, und sofern er sein ius reformandi mit 
den Reichsgesetzen in Einklang setzen kann. Erst seit 
Anfang des Jahres 1533 nimmt er, vielleicht infolge des 
Einflusses seines Sohnes Magnus, eine entschiedenere Stellung 
für die Reformation ein. Albrecht jedoch entfernt sich 
von derselben in demselben Grade mehr und mehr, so dass') 
er „nicht mehr unses des Evangelii weges is". Heinrich 
tritt dem Schmalkaldner Bündniss nicht bei, während Albrecht 
zum Halleschen Bunde gehört. 



Bereits im Jahre 1534 finden wir eine Kirchenordnung 
in Mecklenburg verbreitet. Im Hauptarchiv zu Schwerin 
befindet sich eine Versendungsliste derselben aus dem Jahre 
1534, welche die Kirchen angiebt^ wohin die Ordnung ver- 
sendet werden soll, sowie die Zahl der Exemplare. Die 
Worte auf dem Zettel lauten: 

Wo de Kirchenordeninge hin geteylt sein anno 34 in 
welche stette. 

Wo die Kirchen-Ordenvngen hinkomen ßind. 

XXXII er Johan dem prediker*) 

XL Jabriel Wolff nach Brandemborgk 



») M. Jahrb. 3, S. 187. 
*) Schirrmacher, Joh. Albrecht, S. 7. 
^ M. Jahrb. 26, S. 21. 
- ^'Hederich sagt in seiner Chronik: Johannes Wegener, ein Fran- 
ciskaner*Mönch, fabri CoDega, wird nach Plauen transferiret. 

Digitized by VjOOQIC 



31 

LVni ern Heinrich dechent zw Güstrow •• 

XXX ern Jürgen Behemfelder zw Predeland 
XIIII noch ern Johan dem prediker 

II dem cantzler vnd Dittherich Moltzan 
I Merthen van Waidenfels 
II Kerßen vnd Jochim Wangelin 
I Jürgen Karlewitz 

II Schencken und stadtschribern zu Rostock 
I Lutken Han 
L er Valthin von Rostock 
XX er Johan Wetzk 

VIII er Heinrich zwr Wißmer zw Sanct Jürgen 
IIII Vicken Hillebrand sind betzaldt 
XX keigen Malchin 

I er Antonius Schröder geschenckt 
I noch er Johan prediker verantwurd 
am Mithwochen nach Lawrencii. 
Ein Bedürfniss für eine solche Ordnung lag vor; hatte 
doch auch der Rostocker Rath schon 1530 eine Ordnung 
in Religionssachen und 1531 eine leider nicht mehr erhal- 
tene Ordnung der Ceremonien erlassen.^) Wir erfahren von 
der herzoglichen Kirchenordnung nicht viel; nur in der 
Instruction für die Visitatoren vom Jahre 1535*) befiehlt 
der Herzog, eine „gedructe ordenynge" zu verreichen, „wor 
sie die nicht vorhin haben". Er setzt also voraus, dass eine 
Kirchenordnung schon in den Händen mancher Geistlichen 
ist. Es wird das die Brandenburg-Nürnberger Kirchenord- 
nung vom Jahre 1533 sein; denn die Seestädte lassen sich 
in der schon erwähnten Zusicherung Herzog Albrechts vom 
November 1534 bestätigen, dass das Evangelium lauter und 
rein „in gemäss der Nürnberger Ordnung** gepredigt werde. 
Diese Ordnung also zu verbreiten, war eine der Aufgaben 
der ersten evangelischen Visitation, zu der wir nun kommen. 
Es ist im Vorigen gesagt worden, dass eine Art von 
Kirchenregiment schon vor der Reformation in den Händen 
des Landesherm war; dies ist jetzt näher zu bestimmen« 
Wird nämlich unter Kirchenregiroent das innerkirchliche 
Amt der Kirchenregierung in rechter Weise verstanden, so 
hatten diese die Fürsten allerdings nicht; sie lag in der 



^) Bei Vorberg, S. 41 u. 46. 
») M. Ji^rb. &,-S. 3g ff. 



Digitized by VjOOQIC 



32 

Hand des Bischofs und seiner Beamten, die potestas eccle* 
siastica verbo et vi, die potestas regiminis et coercitivae 
correctionis ad dirigendum subditos in finem beatitudinis 
aeternae. Nun übten zwar die Fürsten — wie gezeigt — 
kirchenregimentliche Thätigkeit hin und wieder aus, ohne 
dass die mittelalterliche Kirche ihnen solche als Recht zu- 
gestand. Aber als die advocati ecclesiae hatten die Fürsten 
schon immer die Aufgabe, die religiöse Grundlage nicht 
antasten zu lassen, falschen Gottesdienst zu unterdrücken. 
Dem sich erweiternden Staatsbegriffe gemäss nahmen sie 
das ius reformationis nicht bloss als Nothrecht, wenn sie 
gerufen waren, für sich in Anspruch, sondern dehnten es 
aus zur Pflicht und dadurch zum Recht, für die kirchliche 
Versorgung des Landes thätig zu werden, welche ja ein 
Haupttheil des gemeinen Bestens war. Hier liegt der An- 
knüpfungspunkt für das rein innerkirchliche Amt vor, wie 
es im Kirchenregiment des Landesherrn ausgedrückt wird. 
Denn da nach evangelischer Grundanschauimg das geist- 
liche Amt die potestas ecclesiastica nur verbo hat, wie sie 
auch nur als verbo den Bischöfen, wenn sie erhalten bUeben, 
in Conf. Aug. Art. XXVIII zugestanden wird, so blieb in 
jenem Artikel immer noch die Frage offen, wer die eigent- 
liche Kirchenregierungsgewalt, die nicht verbo ist, an sich 
nehmen sollte. Diese kam auf dem bezeichneten Wege 
und durch die genannte Anknüpfung in die Hand des 
Landesherm. 

Auch Herzog Heinrich sehen wir das Kirchenregiment 
in die Hand nehmen, eben im Jahre 1535. Heinrich ver- 
ordnet nämlich Visitatoren für seine eigenen Städte, Aemter 
und Vogteien, sowie für diejenigen, die ihm mit seinem 
Bruder gemeinschaftlich gehörten. In der Instruction be- 
auftragt er die beiden Visitatoren, an erster Stelle, Pfarrer 
und Prädicanten wegen ihrer Lehre, der Ceremonien und 
der Sakramentsverwaltung zu „verhören^* und etwaigen 
Wiedertäufern und Zwinglianem zu befehlen, von ihrem 
Irrthum abzustehen. Er bestimmt ferner, dass eine gedruckte 
Ordnung vertheilt werde, der man einträchtigUch folgen solle. 
Er verpflichtet sich, Gemeinden, die untüchtige Prediger 
haben, mit „rechten Pastoren" zu versorgen; er befiehlt 
einen „gemeinen Kasten" aufzurichten für die Armen und 
Diener des Wortes Gottes, ebenso Schulen zu errichten und 
Schulmeister anzustellen, damit die Kinder in der heiligen 

Digitized by VjOOQIC 



33 

Schrift und andern guten Künsten und Tugenden unter- 
richtet werden, besonders aber deutsche Psalmen und geist- 
liche Gesänge „zu Chor" singen können. Der Herzog 
unterzieht sich also den Aufgaben des rein innerkirchlichen 
Amtes, den Aufgaben des Bischofs-, d. i. des Besucheamts. 
Als der Kurfürst von Sachsen 1527 seine Instruction für 
die erste Visitation erliess, betonte Luther in der Vorrede 
zu dem Visitationsbuche, ^) dass er den Kurfürsten gebeten 
habe, das „Besuchearat*' aus christlicher Liebe anordnen 
zu wollen. Als „zur Liebe Amt" nimmt derselbe es in die 
Hand und bezeugt damit, dass dies sein Thun nicht aus 
seiner obrigkeitlichen Gewalt als solcher fliesst, dass es 
nicht identisch ist mit dem der christlichen Obrigkeit kraft 
eigenen Berufes zukommenden Rechte in Betreff der kirch- 
lichen Dinge. Da diese Begründung in der mecklenbur- 
gischen Instruction fehlt, so kann es allerdings den An- 
schein haben, als ob Heinrich die Visitiraufgabe unmittel- 
bar aus seiner landesherrlichen Stellung der Kirche gegen- 
über abgeleitet habe. 

Und es finden sich in der Instruction Maassnahmen, 
welche aus der letzteren erklärt werden können. Heinrich 
betont nämlich, dass es ihm „unleidlich*^ sei, wenn die Leute 
durch Irrthümer und ungegründete Lehre und falsche Cere- 
monien von der Wahrheit geführt werden. Das ist der neue 
Staatsbegriff, welcher die Sorge für die gesammte Wohlfahrt 
unter sich begreift. Mit der „Verführung" ist aber nicht 
zuerst und allein der Papismus gemeint, sondern „zwing- 
lischer und wiedertäuferischer Irrthum und sonst viele andere 
unchristliche ungegründete Ceremonien und Lehren." Es 
ist bezeichnend, dass der Papismus nicht genannt, sondern 
nur angedeutet wird; die Visitatoren haben diese Andeutung 
hernach verstanden. Wenn sie aber in der Instruction ver- 
mieden wird, so will der Fürst sein ius reformandi nur gegen 
diese allgemein als schädlich|J|anerkannte Irrlehre üben. Er 
verbietet ferner alles „auszuschütten aus neydigem gemüthe, 
das ungehorsam der obrigkeiten, widderwille, uneynigkeiten 
und auffruhr dienet" und gebietet allein zu lehren, „was zu 
fridt, eynigkeit, gehorsam und guther poUizey dienet." Es 
ist also die Sorge für den Landfrieden, die ihn bewegt. 
Wenn es aber von den Schulkindern heisst, dass sie ge- 



^) Kichter, Die evangelischen Kirchenordnongen, Bd. I, S. 83. 

3 

Digitized by VjOOQ IC 



34 



deihen und erwachsen mögen „dem gemeynen besten zu 
Dinst und Nutz*^, so erkennen wir darin die Sorge für das 
allgemeine Wohl. Aus der Landespolizeigewalt lassen sieh 
auch die Bestimmungen von der Sonntagsruhe und öffent- 
lichen Aergernissen herleiten, sowie die advocatia der Kirche 
in der Sorge für die Erhaltung der Einkünfte der Pfarrer 
wiedererkannt wird. 

Allein, es muss wiederholt werden, der Herzog tritt 
nicht nach seinem der Landesobrigkeit als solcher zu- 
stehenden Rechte zu kirchlichem Handeln auf. Denn 
erstens lässt er nur da visitiren, „da das wort gods zu pre- 
digen angefangen ist", also nicht in den katholischen Ge- 
genden; er lässt auch nicht im Dotirungslande des Bischofs, 
noch in dem Theile seines Bruders visitiren. Würde er sich 
auf seine obrigkeitliche Gewalt berufen haben, so hätte er 
seinen Willen durchsetzen können ; denn dieselbe hatte er, 
wie wir gesehen haben. Es ist interessant zu beachten, 
wie der Visitator Faber in Plau den Herzog um die Br- 
laubniss bittet, „den kircherrn und seinen Caplan czu 
Schweryn freunthch anzusprechen". Faber bedarf dazu erst 
besonderer Erlaubnisse aber er muss in seinem Bericht selbst 
erzählen, dass ihn das Kapitel nicht für einen Visitator hat 
ansehen wollen. Die papistische Geistlichkeit zu Schwerin 
erkennt also keine Vollmacht des Fürsten zu solchem 
Werke an. 

Es ist sodann auch bemerkenswerth, dass der Fürst 
zwei Theologen absendet. Faber und Kutzke, ohne seine 
Vögte, ja nicht einmal mit einem Juristen, wie in Sachsen. 
Sie sollen auch nicht, wie in Sachsen, an einem Ort die 
Prediger in Gegenwart der Amtleute versammeln, sondern 
jeden Prädicanten einzeln aufsuchen. Sie sollen ebenfalls 
nicht absetzen, sondern nur „handelen, freuntlich ermahnen, 
belehren"; nur wo jemand sein Amt zu verwesen untüchtig 
ist, da will der Fürst einen andern bestellen ; und nur wer 
sich der Schmähungen schuldig macht, soll gestraft und 
vom Amte gesetzt werden. Nur an einem Orte, in Gretze 
bei Boizenburg, fordern die Visitatoren Landesverweisung 
des Pfarrers, weil sie „seingleich" in dieser Visitation nicht 
gefunden haben. Sonst vermahnen sie nur, das Messelesen 
einzustellen, „das nicht ein aufrur wider sy entstände, denn 
das Volk were erbittert wider sy"; und sie sprechen es aus: 
Wollen sie sich nicht unserer Lehre und rechten Gebrauchs 



Digitized by VjOOQlC 



35 

der Sakramente bedienen, so „faren sy ymmer dahyn, wo 
sy hyn gehören." Erst in ihrem Schlusswort zum Bericht 
fordern sie den Fürsten auf, auch in Doberan, Bützow, 
Schwerin visitiren zu lassen und überhaupt „nachzudrucken", 
sonst bliebe diese Visitation, die doch nur ein Schatten der 
rechten Visitation sei, ohne Nutzen und würde im Gegen- 
theil schädlich sein. Ihr Endvorschlag geht dahin, dass 
eine grosse Disputation zwischen den Parteien veranstaltet 
werde. 

Indem Herzog Heinrich durch seine Visitatoren nur 
freundlich vermahnt, handelt er nicht nach seinem obrig- 
keitlichen Rechte, kraft dessen er Gehorsam nach göttlichem 
Rechte beanspruchen kann, sondern er übernimmt ein neues 
Amt, das „zur Liebe Amt", das innerkirchliche Regiment, 
die kirchliche Regierungsgewalt, der er aber seine weltliche 
Strafgewalt noch nicht leiht. Diese Regierung ist kein 
Attribut seiner obrigkeitlichen Gewalt, ist vielmehr von 
seinem weltlichen Amt unterschieden. Dass er das neue 
Amt bekam, ist in seiner Stelhmg als Landesfürst begründet, 
in seiner obrigkeitlichen Gewalt und ihrer Beziehung zu 
kirchlichen Dingen. Herzog Heinrich hat neben seiner Pflicht 
um die Kirche fortan ein innerkirchliches Amt, aber von 
ersterer unterschieden. Und wie nach dem Vorgange der 
Stralsunder Kirchenordnung von 1525 in Verfolg der Visi- 
tation von 1528 in Sachsen Superintendenten eingesetzt 
werden, als die rein innerkirchlichen Organe des Kirchen- 
regiments, so steht nun Heinrichs Sorge auf die Berufung 
eines Superintendenten, 

Diesen fand er in der Person des Johann Riebling, 
welchen er bei seiner Anwesenheit in Braunschweig hatte 
predigen hören. Der Brief an den Rath zu Braunschweig 
wegen seiner vorläufigen Entsendung nach Mecklenburg ist 
zu wichtig, als dass er hier nicht sollte mitgetheilt werden ; 
er findet sich im Haupt- Archiv zu Schwerin und ist bisher 
noch nicht gedruckt. 

An die van Braunschweigk. 

Unnsern gunstigen willen zuuorn. Ersamen lieben 
Besondern. Weyle wir dan hiebeuorn kurtzuorschiener tzeit 
van dem wirdigen vnserm lieben Besonder Ern Johan 
Ryblingkh predicanten zu Sanct Catharinen kirchen bey 
euch In Ewer Stadt eyne predigte oder zwu gehört, vnnd 

3* 

Digitized by VjOOQIC 



36 



wir daraus viel Christiichs trosts vnd vnderweisunge ge- 
schepft vnd entpfangen, So das wir an seiner gnants Ern 
Ryblings person vnd sonderlich an seynem predigen, guthen 
Iharn vnd geschicklickeyt Eyne Besondere neigunge vnd 
wolgefallen haben vnd tragen, vnnd zu furderunge vnd 
aufibreytimge gots lob vnd Bhere vnd seins heyligen Euan- 
gely gerne sogen vnd wolten, das in den kirchen der Stette 
vnd sonst allenthalben anderer orthe vnsers fürstenthumbs 
solche feyne Eintrechtige Christliche guthe ordnunge wie 
(got lob) itzt bey euch In Ewer Stadt vor äugen vnd vor- 
handen ist, forderlich auflfgericht mochte werden, Dartzu 
wir dan gnants Ewers predicanten Em Johan Ryblings 
Raths vnd geschicklickeit als für Eynen Superadtendent 
gerne geprauchen wolten. Szo ist demnach an euch Unser 
mit Besonderm gnedigen vleisse gutlichs begern, Wollet zu 
fQrderunge der Bhere vnd wort gotts vnd angetzeigten 
vnsers geneigten Christlichen gemuts und furhabens Vns 
den vilgemelten Em Johan Ryblingkh sich Eyne tzeit langk 
zu vns alher In vnscr Pürstenthumb und Land zu uerfugen 
vnd vns als vnser dartzu verordenter Superadtendent da- 
rinne wie gemelt allenthalben In kirchen Eyne guthe Christ- 
liche Eintrechtige Ordnung aufzurichten gutlich erlauben 
vnd vergünstigen. Unnd euch darin sonder Beschwemnge, 
^ie wir des Eyne sonderliche zuuorsicht In diesem fhalle 
zu Euch haben, gutwilligk ertzeigen. Inndem thut Ir vns 
its gefallen. Das wir wydderumb kegen euch vnd den 
Iwern gnediglichen vnd in allem guthem zu beschulden 
eneigt sein. Datum zum Stouenhagen, Sampstags nach 
^dalrici Anno XXXVII. 

Auf der Rückseite steht: 
Was m. g. h. hertzogk Heinrich Ern Johan Ryblings 
halben an Rath zu Braunschweigk Ine gegen Michaelis zu 
erlauben alher zu seyner f. g. zu uerfugen. 

Aus diesem für die mecklenburgische Kirchengeschichte 
höchst wichtigen Briefe geht also hervor, dass Riebling als 
Superintendent nach Mecklenburg bemfen ward. Rieblings 
erste Anwesenheit hat nicht lange gedauert. Denn bereits 
am 29. September desselben Jahres 15H7 bedankt sich der 
Herzog, dass der Rath Riebling erlaubt habe, nach Mecklen- 
burg zu kommen.*) In der kurzen Zeit, da er allhier ge- 

*) Im Uaupl-Archiv zu Schwerin. 

Digitized by VjOOQIC 



gui 
Ev 

V- 



37 

Wesen ist, hat er schon viel gewirkt. Jetzt bittet der Herzog, 
ihn wieder zu senden ; RiebHng hat „wiewohl mit Schwach- 
heit zugesagt, auf Martini schierkünftig auf ein Jahr oder 
anderthalb wiederzukommen*'. Der Rath aber antwortet in 
Briefen vom 29. October, 22. November und 11. December 
1537, dass er ihn nicht entbehren könne. Und am 17. April 
1539 schreibt Riebling ausweichend. Der Fürst Hess aber 
nicht nach; am 3. März 1540 schrieb Urban Rhegius,') der 
Herzog möge doch Riebling in Braunschweig lassen, er 
wolle einen andern Mann schicken. Aber in demselben 
Jahre sehen wir Riebling schon in Parchim, und zwar als 
Superintendenten oder Generalsuperintendenten, d. h. ein- 
zigen Superintendenten. Durch diese Nachrichten erledigt 
sich der Streit über Rieblings Kommen nach Mecklenburg. 
Er ist nicht, wie Latomus in seinem Geneal. Meckl. und 
Chemnitz in seinem Chronicon in Gerdes' Sammlung, S. 633, 
auch Masch, S. 114 sagt, schon 1534 in Mecklenburg ge- 
wesen und hat die berühmte Hostie einem Priester einge- 
geben. Er ist vielmehr im August 1537 auf kurze Zeit im 
Lande gewesen, endgültig erst 1540 gekommen. So be- 
ziehen sich die 17 Jahre seiner Thätigkeit in Parchim, 
welche auf seinem Epitaphium im Jahre seines Todes 1554 
angegeben sind,*) schon mit auf die vorläufige Thätigkeit von 
1537. Riebling soll in Hamburg geboren sein, in Wittenberg 
studirt haben und seit 1 529 Pastor in Braunschweig gewesen 
sein. Dass Luther in Brief verkehr mit ihm stand, ist aus 
einem Briefe Luthers an Leupold vom 6. Mai 1540 zu 
schliessen, in welchem ersterer um Uebergabe eines Briefes 
an Riebling bittet.^) 

Der neue Superintendent sollte vor allem eine Kircben- 
ordnung ausarbeiten. Eine solche war für Rostock von 
Oldendorp verfasst und als „Ordnung des Raths in Religions- 
sachen" am 30. December 1530 den beiden Parteien vor- 
gelegt worden, worauf dann Slüter mit seinen Genossen 
eine Antwort als „Eine körte und doch grüntlicke bericht" 
abgegeben hatte. 1531 wurde eine Ordnung der Ceremonien, 
die uns leider nicht erhalten ist, vom Rath festgesetzt. 

^) Im Haupt-Archiv zu Schwerin. 

*) Cordes, Chronicon Parchimense, S. 28, u. Mantzel, De Superint. 
Parchim., S. 18, und sonst. 
») M. Jahrb. 5, S. 246. 

Digitized by VjOOQiC 



38 



Diese hatte die Billigung Luthers und Melanchthons, auch 
Bugenhagens, gefunden. Aus dem betreffenden Briefe 
Luthers vom 10. November 1531*) geht hervor, dass eine 
Ordnung* äusserst nothwendig war, weil ein Prediger — 
man vermuthet nicht mit Unrecht, dass Sltiter es war — 
sich gegen die Privatbeichte ausgesprochen hatte. Rostock 
hatte seine Ordnung gemacht, „in Betrachtung Gottes Ehre 
und zu Unterhaltung gemeines Friedens der Bürger und 
Einwohner dieser Stadt . . . dem ungestümen Vornehmen 
des gemeinen Volks vorzukommen und eines jeden cons- 
cientien in Ruhe zu stellen", und hatte dabei erklärt, 
„Kayserlicher Majestät, seinen Landesfürsten oder jemand 
anders in seine gebührliche Gerechtigkeit mit nichten, noch 
klein noch gross, abzubrechen oder zu verhindern". 2) 

Eine andere Ordnung war in Veranlassung Nevers, 
des zwinglisch gesinnten Wismarschen Predigers, von den 
Hansestädten festgesetzt worden. Never nämlich hatte 
schon 1528 eine Schrift ausgehen lassen: „Vorklaringe und 
entlick besehet*',^) in welcher zwingHsche Gedanken her- 
vortraten. Auch wiedertäuferischer Schwärmerei hielt man 
ihn schuldig, und da man von dieser, die in Mecklenburg 
so selten nicht war,*) ähnliche Wirren wie in Munster be- 
fürchtete, hatten die Hansestädte von Lübeck aus an Wis- 
mar geschrieben, dass jede Stadt so lange der Rechte des 
Bundes verlustig gehen sollte, als sie Wiedertäufer und 
Sakramentirer in ihren Mauern hätte, damit „wy also semt- 
lich eynen Godt, eynen glouven, eyn Wort, eyne dope vnd 
eynerley Sacramente hebben^.^) Es war dieser Beschluss die 
Folge des Hamburger Conventes, auf dem im Jahre l')35 
die Theologen aus Hamburg, Lübeck, Bremen, Lüneburg, 
Stralsund, Rostock zusammengekommen waren, um Vor- 
gänge wie die Münsterschen zu verhüten. Im Auftrage 
ihrer Obrigkeiten und im Beisein einiger „Politici" arbeiteten 
dieselben eine Ordnung aus in 17 Artikeln, „so fürnemlich 
geachtete werthe Einigkeit zu erhalten", und eine Anwei- 
sung betreffs der Ceremonien.^) Sie lassen aber jeder Stadt 

^) De Wette, IV, S. 313. 

•) Plattdeutsch bei N. Gryse, ins Hochdeutsche übersetzt bei 
Grape, »Das evangelische Rostock«, S. 73 ff. 
») Schröder, I, S. 153. 
*) cfr. Vorberg, S. 37. 
**) Bei Schröder, I, S. 318 ff. 
•) Ebenda S. 302 ff. 



Digitized by VuOOQlC 



39 



eine gewisse Freiheit, „dieweil sonsten in andern Dingen 
ein jeder, nach Gelegenheit des Ortes, seine Ordnung hätte". 
Interessant ist die Begründung, welche die Theologen für 
solches obrigkeitliche Handeln beibringen. „Nicht allein die 
Kirche, sondern auch das gemeine Beste befindet Elend 
wegen der verkehrten Lehre der Wiedertäufer, die in dem 
gemeinen Besten und in der christlichen Religion alles in 
einen Haufen vermengt; da sie wie ein Krebs um sich 
frisst, so kann sie zum gemeinen Verderbniss der Religion 
und Städte ausschlagen. Also erachtet es die Obrigkeit der 
Städte ihrem Amte gemäss, solchem Unglück durch be- 
queme Mittel vorzukommen." Zur Erhaltung gemeinen 
Friedens in der Kirche und dem gemeinen Besten gehört 
es auch, wenn die Prediger der verbündeten Städte in der 
Lehre und der Ceremonien Gebrauch übereinstimmen. Weil 
die Wiedertäufer in das gemeine Beste sich einschleichen 
mögen, so soll die Obrigkeit ein Mandat erlassen und Wie- 
dertäufer als Aufrührer strafen. Dies Recht habe die Obrig- 
keit nach der Schrift. Etwas gelinder denken die Theologen 
von den Sacramentirern und Papisten. Diese soll die Obrig- 
keit bloss nicht dulden, weil sie durch Ausstreuung ihrer 
Lehren ebenfalls einen öffentlichen Aufruhr erregen könnten. 
Man sieht, wie die Städte schon weiter gehen als der fried- 
fertige Herzog Heinrich ; sie nehmen schon die Strafgewalt, 
die in ihrem obrigkeitlichen Amte liegt, hinzu. Das Recht 
zu solchem Handeln entnehmen sie aus der obrigkeitlichen 
Pflicht, für das gemeine Beste und den Landfrieden zu 
sorgen. Wo dieser offensichtlich gestört wird, wie durch die 
Wiedertäufer, da stehen sie nicht an, Gewalt anzuwenden. 
In der Kirchenvisitation hatten die Visitatoren Wieder- 
täufer in Boizenburg getroffen. Never hatte eine Vertheidi- 
gungsschrift, als die Visitatoren auch ihn geprüft hatten, an 
Herzog Heinrich eingereicht, welcher sie Luther zur Begut- 
achtung übersandte. Der Kurfürst von Sachsen schrieb 
selbst an Heinrich, ebenfalls Luther am 7. Juli 1536,*) dass 
der Fürst schaffe, dass dieser Prediger ablasse oder seinen 
Stab anders wohin setze; denn „Christi Ehre wider solche 
Teufelsboten fördern sind wir alle schuldig." War also die 
Irrlehre im Lande verbreitet, waren auch noch viele Prä- 

Bei Schröder, I, S. 328. 
, Bei de Wette, IV, S. 549. De Wette setzt den Brief fälschlich 
schon 1534 an. 



? 



Digitized by VjOOQiC 



40 



dicanten da, ungeschickt und untüchtig, war die Verschieden- 
heit in den Ceremonien besonders gross, so war Hülfe von 
einer Kirchenordnung zu erwarten. Wiederum ist es Herzog 
Magnus, der in echt reformatorisohem Eifer seinen Vater 
um eine solche anging — eine Bestätigung unserer oben 
vorgetragenen Ansicht. Aeusserst interessant ist sein Brief 
vom 10. October 1538 an seinen Freund und Lehrer. Das 
Kapitel zu Schwerin hat an Herzog Heinrich einen an- 
massenden Klagebrief geschrieben, wie vorher auch schon 
an Magnus. Da hat Magnus gesagt:^) Canonicos esse ho- 
mines impios et nullius pretii; — inter cetera inserebam — 

Sermanice eos appellabam gottlose und heillose Leute. Als 
^rund habe er in dem Briefe angegeben: quoniam doc- 
trinam verbi divini et evangelicae veritatis eiusque pro- 
fessores non aequo animo possent ferro, immo magis prae- 
dicatores pios atque doctos odio prosequerentur et iniuria 
afficerent. Aliam vero causam adiciebam, ne unura quidem 
ex toto eorum numero vel principibus nostris vel reipub- 
licae nostrae vel suis amicis neque ornamento neque usui 
esse posse. Magnus fährt fort, dass der Kanzler ihm riethe, 
ut dissimularem et contentus essem, und dass er ihm die 
Antwort überliesse. Aber das Verstellen ist nicht Magni 
Sache; denn obwohl am andern Tage der Kanzler den fer- 
tigen Brief zum Untersiegeln bringt und zur Eile auffordert, 
so war doch Magnus nicht zufrieden, untersiegelte nicht; 
denn nolo prius respondere quam satis deliberaverim. Nun 
soll Büren rathen; aber Eile hat die Sache durchaus nicht. 
Wozu Büren rieth, zeigt Magni Auftreten auf dem Land- 
tage am 11. November. Da trägt er den beiden regierenden 
Fürsten, Heinrich und Albrecht, sammt ihren Landräthen 
eine Protestation und Petition vor.*) Er hält es für eine 
wichtige und nöthige Sache, dass man eine „gute Ordinantz 
in der Religion Sachen in diesem Land und Fürstenthumb 
habe"; weil er selbst als Administrator des Stifts viele Un- 
schicklichkeiten und Mängel gefunden habe, habe er still 
mit sich überlegt, ohne die Herzöge um Rath zu fragen; 
jetzt aber sei sein Gemüth zu sehr beschwert, er müsse 
sich der Sache entledigen und es frei anzeigen, sintemal es 
nicht Leib, Gut, Ehre und Schimpf, sondern der Seelen 



*) Aus dem Haupt-Archiv zu Schwerin. 

') Abgedruckt in »Nachricht von d. Verf. d. Fürst. Schw.«, Beil. Y. 

Digitized by VjOOQIC 



41 



Wohlfahrt und Seligkeit, welches das theuerste und ewige 
Gut ist, betrifft. Niemand anders als den Fürsten gebührt 
es, Anordnung zu machen. Magnus sieht also das Recht 
des Kirchenregimentes in der Hand der Landesherren, welche 
nach seiner Meinung aber gelehrte Männer hinzuziehen 
müssen. Er selbst will solche Männer dienstlich fordern 
und mithelfen. Solche Ordnung wird ja zur Wohlfahrt ge- 
meinen Nutzens und zum Heil der Seelen gereichen; ihr 
Fehlen bedeutet göttlichen Zorn und unvermeidlichen 
Schaden. Wenn aber von den Landständen, allen dreien, 
wegen „der geschwinden und sterblichten Laufte" hierin 
Versäumniss geschieht, und dadurch die Seelen verwahr- 
lost werden, so ruft er die Fürsten und Räthe, ja Gott selbst 
zu Zeugen an, dass er seine Pflicht mit dieser Aufforderung 
gethan und sein Gewissen entlastet habe. Die Antwort der 
Fürsten lautete ausweichend; sie erkenneten seine christ- 
liche Wohlmeinung; da es aber eine wichtige Sache wäre, 
so wolle man's bedenken und zu gelegener Zeit darauf ant- 
worten. Die Vermuthung liegt nahe, dass Albrecht selbst 
der sofortigen Befolgung der Bitte Herzogs Magnus wider- 
standen habe ; theils wegen seiner eigenen Angelegenheiten, 
die ihm räthlich erscheinen lassen mussten, die Freund- 
schaft des Kaisers sich zu erhalten; theils mit seinem Bruder 
Heinrich zusammen wegen der Folgen, die ein solcher Schritt 
Ton dem Bischof für denselben haben konnte. Ausserdem 
var am Hofe Heinrichs eine Partei, welche dem Papismus 
zugethan war; ausser Schönaich noch Lindenberg und 
andere. Wenigstens schreibt Magnus in einem noch zu be- 
sprechenden Briefe von Lindenberg: vel alii suarum partium. 
Aus demselben Briefe (s. u.) erfahren wir auch in betreff 
der Stellung Heinrichs, dass er ein suspiciosus et nasutus 
interpres wäre, als ob Magnus von einigen aufgereizt und 
verführt würde. Magnus hält es deshalb für noth, freimüthig 
(libere et aperte) seinen Vater zu bitten, jener Partei kein 
Gehör zu schenken. Magnus giebt sich allerdings mit der 
Antwort zufrieden, „dass die Sache zu dieser Zeit nicht 
möchte füglich vorgenommen werden." Aber um für dies 
und sein sonstiges Handeln Trost zu finden, wandte er sich 
an Luther, der am 14. Mai 1539 ihm antwortet: *) Er habe 
mit seiner Protestation auf dem Landtage recht, aber auch 



^) De Wette, V, S. 181. 

Digitized by VjOOQiC 



42 



sein Theil gethan ; da die Herrschaften der Diöcese Schwerin 
getheilt seien, könne er nicht zwingen, sondern nur er- 
innern ; Magnus solle nur über die Erfüllung des Versprechens 
seitens der Fürsten wachen. Melanchthon gar gratulirte 
Herzog Magnus am 13. Mai 1539,^) quod impios abusus ex 
ecclesia tollere coepit. Auch bei Johann Friedrich von 
Sachsen holte Magnus sich Rath, und dieser schrieb am 
12. Januar 1539 2) m^d rieth ihm sogar, da wo er die Juris- 
diction hätte, die Reformation anzufangen, widerspenstige 
Prediger absetzen oder in den Bann thun; wenn er aber 
dazu kein Recht hätte, so solle er lieber abdanken, als durch 
Versäumung seines bischöflichen Amtes sich versündigen. 
Diesen Rath scheint Magnus befolgt zu haben, denn schon 
drei Wochen nach Ostern schrieb er wiederum an Johann 
Friedrich, diesmal in betreff seines Erfolges in Bützow.^) 
Ueber sein Thun daselbst berichtete Magnus in einem Briefe 
kurz vor Ostern 1 540 an seinen Freund Büren.*) In Bützow 
nämhch hatten schon 1535 bei der Durchreise der Visita- 
toren der Rath und die Einwohnerschaft über die Feind- 
schaft des Domkapitels geklagt und die Kirchensteuer zu 
verweigern gedroht. Magnus verhandelt vor Ostern 1540 
mit den Domherren civiliter et humauiter, ^sine uUa acer- 
bitate et ea persuasione qua pro virili potui", und erreicht 
dadurch, dass die Domherrn von der Messe und den Cere- 
monien abstehen, bis die neue Ordnung fertig ist; in- 
zwischen soll Magister Techen mit Büren zusammen für 
Kirchengesänge sorgen. 

„Bis die neue Ordnung fertig ist." Diese Worte zeigen 
uns zugleich, dass Riebling schon bei der Arbeit ist. Die 
letzten Bedenken des Herzogs Heinrich mögen wohl durch 
seinen Secretair Simon Leupold zerstreut sein. Dieser hatte 
acht Jahre in Wittenberg studirt und hatte schon als Lehrer 
in den Diensten des Hannike v. Holstein auf Ankershagen 
gestanden, als Melanchthon ihn dem Fürsten empfahl. Am 
25. August 1539 zeigt er sein Kommen nach Mecklenburg 
an; Melanchthon habe gerathen, sogleich nach Mecklenburg 
zu gehen.^) Simon Leupold ist der erste Secretair Heinrichs; 

^) Corp. Ref. 

•) Schröder, I, S. 356. 

«) Bei Ranke IV, S. 132. 

*) Gedruckt in M. Jahrb. 16, S. 133. 

*) M. Jahrb. 5, S. 237. 



Digitized by VjOOQIC 



43 



Lisch urtheilt mit Recht von ihm, dass er von der höchsten 
Bedeutung für Mecklenburg in kirchUcher Hinsicht gewesen 
seiJ) In der That ist seine Thätigkeit ausserordentlich 
wichtig gewesen, bei der Visitation vom Jahre 1541, in der 
Herbeiholung bedeutender Männer aus Wittenberg, in regem 
Briefwechsel mit Luther und Melanchthon. Auch Heinrich 
selbst bezeugt seine Freundschaft mit Luther dadurch, dass 
er ihm durch seinen Hofbeamten Henning von Warburg 
ein Geschenk von vier Brachsen machte. 2) 

Im Jahre 1540 ist zu Rostock eine Kirchenordnung 
gedruckt worden: 

Kerken Or- 

deninghe | wo ydth 
van den Euangelischen Pre- 
dicanten | vnd Kercken deners 
mit den Ceremonien vnd Ga- 
des densten | jn deme Por- 
stendome Megkeln- 
borch Igeholden 

schal wer- 
den. 

Was den Inhalt der Kirchenordnung betrifft, so ist es 
derselbe wie in der Brandenburg -Nürnberger Kirchen- 
ordnung von 1533. Nach Richter^) ist letztere auf Befehl 
des Markgrafen Georg zu Brandenburg und des Raths der 
Stadt Nürnberg von Osiander entworfen, von andern Theo- 
logen des Landes vermehrt und zur Begutachtung nach 
Wittenberg gesandt worden. Die Wittenberger waren mit 
der Ordnung zufrieden, nur riethen sie eine nochmalige 
Redaktion durch die Hand eines Theologen, damit der ver- 
schiedene Stil geebnet würde. Diese Aufgabe fiel wiederum 
Osiander zu, dem Brenz beigegeben wurde, dem die Kinder- 
predigten im Anhang gehören. Richter urtheilt, dass nächst 
dem sächsischen Unterrichte der Visitatoren keine Kirchen- 
ordnung in so weiten Kreisen Geltung erlangt hat. In 
niedersächsischer Sprache ist diese Kirchenordnung 1534 
zu Magdeburg gedruckt worden.*) Letztere Ausgabe ist 

^) Ebenda, S. lU. 

«) M. Jahrb. 16, S. 195. 

') Richter, Evang. Kirchenordnungea I, S. 176. 

^) Masch, Beiträge zur Gesch. merkw. Bücher, 1769, S. 103. 



Digitized by VjOOQIC 



44 



die mecklenburgische Kirchenordnung von 1540, genauer: 
Der erste Theil dieser Kirchenordnung ist für Mecklenburg 
besonders gedruckt worden als ,,Kerckenordeninghe". 

In der Einleitung wird gesagt, dass die Kirchenordnung 
als Menschenwerk immer Anlass zum Missbrauch geben 
würde, gerade so wie das Gresetz Mosis den Israeliten zum 
Nachtheil gereicht habe. Dennoch soll man guter, ordent- 
licher Zucht wegen Ordnungen nicht unterlassen, nach dem 
Worte Pauli im Korintherbriefe. Und nur deshalb ist diese 
Kirchenordnung zusammengetragen, nicht in der Meinung, 
als sollte man mit dem Werke solcher ordentlichen Hand- 
lungen die Sünden büssen. Die Zucht möge vielmehr der 
gemeinen Kirchenversammlung Anreizung und Ursache 
geben, dass sie die Predigt fleissiger besuche und die Sa- 
kramente mit grösserem Ernste empfange. Von diesen 
beiden wichtigen Stücken handelt deshalb die Kirchen- 
ordnung; zunächst also von der Lehre, wie man predigen 
soll. Eine besondere Einleitung in dieses Stück wird ge- 
geben: Nach Paulus müssen die Prediger an der Lehre, 
die nur aus der Schrift genommen werde, halten, denn ihr 
dreifaches Amt sei es, die Unwissenden zu lehren, die 
Leute zu ermahnen, die Widersacher zu strafen. Weil sie 
die Schrift als ihrer geistlichen Nahrung nöthig hätten, als 
des Lebens Anfang, Mittel, Ende, so sei ihnen die folgende 
Anweisung gegeben, nicht in der Meinung, dass sie daran 
hangen sollten, sondern dass sie dadurch in die heilige 
Schrift geführt würden. Es folgen nun die elf Lehrartikel : 
1. Vam Olden vnd Nyen Testamente; 2. Van der Bote; 
3. Van dem Gesette ; 4. Van dem Euangelion ; 5. Van dem 
Grütze vnd Lydende; 6. Van dem Ghristliken Gebede; 7. 
Van dem Pryen Willen — dieser Artikel ist wörtlich aus 
dem sächsischen Visitationsbuch entnommen, wie auch 
8. Van der Ghristliken Pryheit; 9. Van mynschen Leren; 
10. Van der Dope — die Taufforrael in der angehängten 
„Ordeninge der Dope" ist Luthers Taufbüchlein von 1524 
entnommen — -; 11. Van dem Aventmal, angehängt ist „de 
Form der Absolution". Das zweite Stück ist „Ordeninge 
der Misse, wo se geholden schal werden". Nach einer 
allgemeinen Anweisung der Einleitung des Gottesdienstes 
folgen die CoUecten, „de ein yeder nha synem gevalle vor 
syck nemen mach", 15 allgemeine und 10 auf besondere 
Feste. Nachdem weiter die Ordnung von Epistel und Evan- 



Digitized by VjOOQiC 



45 



gelium nebst der Predig gegeben ist, folgt „Ordeninge des 
Herrn Aventraais*^ Hier ist die Partie unter der Ueber- 
schrift „Vnderrichtinge, wo syek de Prester mit Ceremonien 
ym Aventmal holden schal" im Mecklenburgischen Abdruck 
neu ; die weiter folgende „vormanynge" ist aus der Döber- 
schen Messe 1525 herübergenommen. Es folgen Anweisun- 
gen über die Consecration und Distribution des Abendmahls, 
denen sich zwei Formen des Dankgebetes anschliessen, deren 
letztere von Luther herstammt. Es folgen vier Formen des 
Segens; dann Hinweise auf die Abendmahlsverweigerung; 
auf den Fall, dass keine Abendmahlsgäste da sind ; auf den 
lateinischen Kirchengesang und die Hören ; auf die „Orde- 
ninge by den Krancken". Angeschlossen erscheint „Van 
den Eelüden, wo me de vortruwen schal" und „de Orde- 
ninge des begravendes der Doden", sowie eine Feststellung 
der kirchlichen Feiertage, alles aus der Nürnberger Ordnung. 

Diese Kirchenordnung von 1540 ist also, abgesehen 
von der genannten „Vnderrichtinge" und einer hin und 
wieder abweichenden Theilung der Absätze, ein blosser 
Abdruck der Nürnberger Ordnung. Sie bietet nichts, das 
eine besondere Beziehung auf Mecklenburg erkennen liesse. 
Der Sacramentsstreit des Never in Wismar, der doch 1540 
noch gar nicht beendet war, wird nicht erwähnt, geschweio^e 
dass auf die Sätze des Never Bezug genommen wird. 
Andererseits war in betreff der übrigen Lehrpunkte noch 
keiner in Mecklenburg strittig geworden, und wenn man 
sagen wollte, dass die Kirchenordnung nur im Allgemeinen 
die Lehre fixiren soll, so ist nicht zu ersehen, warum gerade 
diese 11 gewählt wurden, und nicht noch andere wichtige. 

Die Kirchenordnung bietet ausserdem Punkte, die nicht 
auf Mecklenburg passen. Es ist auffällig, dass die Gemeinde 
aufgefordert wird, das Abendmahl geziemend zu feiern mit 
dem Hinweis, dass aus der Unordnung viel „tydtlyken 
vnradt vnnd voruolginge" bewegt werden können, „dawile 
rae syck tho Augsborch vor Keyserliker Majestät vnd allen 
stenden des Rykes apenbor hefft hören laten, dath me sölck 
ordeninge holde vnnd holden wolde." Denn die Mecklen- 
burger Herzöge hatten die Confessio Augustana nicht mit- 
unterschrieben. Auch der Name der Ordnung als einer 
„ordeninge desser Visitation" passt nur zur Geschichte der 
Brandenburg-Nürnberger Kirchenordnung, deren Abfassung 
infolge einer grossen Visitation von 1528 beschlossen wurde. 

Digitized by VjOOQIC 



46 



Schliesslich ist auch die im Schluss angedeutete „up vor- 
gande nodtorfftige Examination vnd vorhoringe der dartho 
verordneten Visitatorn" für diese Zeit in Mecklenburg noch 
nicht erweislich. 

Riebling bezeugt auch selbst, dass die Kirchenordnung 
von 1040 ohne Zwischenwirken eines Dritten aus der Nürn- 
berger Kirchenordnung abgedruckt ist. Nach dem Visita- 
tionsprotocoU von I54P) hat Riebling zum Wismarer Rath 
gesagt: S. f. g. haben etliche Ordnung mit grossen Un- 
kosten nach den Mirebergischen Ordnungen drucken lassen, 
danach es in allen Kirchen, Pürstenthum und Landen soll 
gehalten werden." Und ebenso sagt derselbe zu Rostock, 
dass man sich künftig „nach der nach der Nürrenbergischen 
Ordnung gedruckten Ordnung" halten sollte. 

Wenn demnach unsere Behauptung richtig ist, dass 
die Ordnung, welche die Pfarrer schon 1535 hatten und 
von den Visitatoren noch erhielten, die Nürnbergische ist 
— eine Behauptung, die wir darauf stützten, dass Herzog 
Albrecht den Seestädten gegenüber zu derselben sich ver- 
pflichten musste — , so hat Herzog Heinrich also von dem 
Gedanken einer neuen Kirchenordnung abgelassen, welche 
er bei der Berufung Rieblings plante. Um nicht die vor- 
handenen Ordnungsbücher überflüssig zu machen, um den 
Zusammenhang seiner Kirche mit andern zu wahren, mochte 
man bei der alten, schon im Gebrauch befindlichen stehen 
bleiben, nur dass man des besseren Verständnisses wegen 
die in Magdeburg herausgekommene niederdeutsche Ueber- 
setzung bei Ludwig Dietz auflegen Hess. 

Manches ist aus der Kirchenordnung von 1540 in die 
noch jetzt geltende von 1552 herübergenommen. Abgesehen 
von der grossen Zahl der CoUecten findet sich von den 
11 Artikeln der Lehre der achte 1552 wieder. Denn die 
Umarbeitung derselben ist eine vollständige und musste es 
auch sein, da die Ordnung von 1552 auf den Verlauf der 
dogmatischen Streitigkeiten Bezug nehmen musste. So ist 
z.B. der Begriff der Busse erst 1552 vollständig, die Thei- 
lung des mosaischen Gesetzes genauer gegeben, offenbar 
weil die Kirchenordnung von 1552 schärfer von den Anti- 
nomisten sich scheiden wollte, wozu die Ordnung von 1540 
noch keine Veranlassung hatte. Denn wenn auch der anti- 



*) Bei Schröder, I, S. 361. 

Digitized by VjOOQIC 



47 



nomistische Streit schon ausgebrochen war, waren doch die 
Wirkungen dieses Streites in der Gemeinde noch nicht zu 
erkennen. Andererseits ist 155*2 der evangelische Begriff 
der Heilsordnung genauer herausgestellt. So wie er 1540 
erscheint, ist er osiandristischer Deutung fähig ; raan ver- 
gleiche besonders den vierten Lehrartikel „Vom Evange- 
lium". Wo aber die Kirchenordnung von 1540 alte katho- 
lische Gebräuche noch festhielt, z. B. das Westerhemd nach 
der Taufe, die Elevation der Hostie, den Gebrauch des 
Messgewandes, werden auch diese in den spätem Ordnungen 
weggelassen. 

Ebenso wie die Instruction zur Visitation 1535 lässt 
uns die Kirchenordnung erkennen, wie der Fürst das inner- 
kirchliche Amt des Regiments handhabt. Er vermahnt 
nur zum Halten an der Kirchenordnung und lässt eine ge- 
wisse Freiheit und Spielraum. Den Schluss bildet nämlich 
eine Vermahnung „an alle Parhern, Predeker xind dener 
der gemene, beyder Herschopen gebedes, je in den Steden, 
vnd up dem Lande", dass sie nach dem Laut dieser „Visi- 
tation" sich halten. Auch die Unterthanen werden ermahnt, 
ihre Prediger in allen Ehren zu halten; die Prediger ins- 
besondere wiederum, keine Neuerungen einzuführen, auf 
dass Einigkeit und Friede desto stattlicher erhalten werden. 
Fallen aber Zwistigkeiten vor, so soll die Obrigkeit ange- 
rufen werden. Dagegen wird zugegeben, dass es nicht 
möglich sei, alles in den Buchstaben zu fassen, was in der 
Kirchenversammlung ausgerichtet werden soll. Darum soll 
den Kirchendienern un verhalten bleiben, was mehr in den 
Kirchen christlicher Zucht nützlich zu ordnen ist, und was 
in zufallenden Nöthen göttlich zu handeln sei, nur dass 
alles nach dem göttlichen Worte vollbracht werde. 

Die Bedeutung dieser Kirchenordnung für unser Land 
leuchtet ein. Wurde doch die Visitation der Jahre 1541/42 
ad normam dieser Ordnung durchgeführt; alle Prediger 
und Patrone sollen fortan nach dieser Kirchenordnung 
handeln, z. B. heisst es ausdrücklich in der Bestimmung 
der Visitatoren 1542 zu Malchin: „Ein Ersam Rath soll 
vleissigk acht haben, das sich de predicanten der ordeninge 
wie im gantzen lande gehalten sol werden, gleichmessig 
bezeigenn."^) So wurde eine Conformitat der Lehre und 



^) Gedruckt M. Jahrb. 16, S. 123. 

Digitized by VjOOQIC 



48 

der Kirchengebräuche hergestellt. Aber die Kirchenordnung 
enthielt noch nichts über die Kirchenverfassung im Allge- 
meinen, sowie über eine Visitations- und Superintendenten- 
ordnung im Besonderen. Auch die Lehre, die in ihr wie 1552 
den ersten Theil bildet, kommt noch nicht in Betracht als 
Bekenntniss der mecklenburgischen Landeskirche, sondern 
nur als eine Anweisung und Anleitung, die heilige Schrift 
desto fleissiger zu gebrauchen, „eine körte Anwysinge". 
Wie sie als eine „Vermahnung" des f^ürsten erscheint, so 
ist diese doch nur eine ^gütliche" und konnte noch nicht 
von einer Strafandrohung im Uebertretungsfalle begleitet 
sein, wie Luther für den Kurfürsten von Sachsen schon 
1Ö28 beansprucht, weil einerseits die Domkapitel, anderer- 
seits der kathohsche Albrecht Widerspruch erheben konnten. 
Dieser blieb nicht aus, wie die Kirchenvisitation 1541 in 
Malchin, Laage und Güstrow bewies, wo man sich gegen 
die Visitation und damit auch gegen die Annahme der 
Kirchenordnung wehrte mit dem Hinweis darauf, dass nur 
Heinrich, nicht auch Albrecht dieselbe verordnet habe. 
Und wenn Heinrich auch für die Kirchen seines Landes- 
theils und Patronates eine Strafgewalt und Verordnungs- 
recht noch nicht übte, so zeugt das eben nur sowohl für 
seine Friedfertigkeit, als besonders für seine Auffassung 
des „zur Liebe Amtes", welches weltliche Strafen einst- 
weilen verschmähte, wenn auch seine Visitatoren zum 
„nachdrücken" rathen mochten. So, und nur so glaube ich 
den Titel der Kirchenordnung erklären zu können, sowohl 
die blosse Bezeichnung „Porstendom Megkelnborch", ohne 
ein etc., wie 1552, als auch das Pehlen des fürstlichen 
Namens. Anders erklären der Theologe Aepin,^) Schomer, 
auch der Verfasser der Bützowschen Ruhestunden. Ersterer 
meint, die Kirchenordnung sei nicht aus landesfürstlicher 
Hoheit und Macht vorgeschrieben und publicirt, sondern 
nur interimsweise von damaliger Priesterschaft, doch wohl 
nicht sonder Vorbewusst und Consens der Landesherrschaft 
angenommen, non publica, sed privata auctoritate. Und 
M. U. L. Unpartheiische Prüfung etc. 1739, S. 152, meint, 
dass der Fürst bis zur Errichtung einer förmlichen Kirchen- 
ordnung sie nur empfohlen habe. Diese Vermuthungen 

*) in seinem Bericht in der Stieberschen Streitsache, 1738, S. 8. 
— Schomerus, de libris sen. matricuhs eccesiae, 1749, S. 9. — Bützowsche 
Ruhestunden 1766; 23. Theil, S. 12. 



Digitized 



by Google 



49 



müssen meines Erachtens dahin präcisirt werden, dass, da 
Kirchenordnungen zu erlassen und zu machen der potestas 
ecclesiastica des Bischofs zustand, und diese vom Bischof 
von Ratzeburg und jedenfalls von dem Domkapitel zu 
Schwerin für sich in Anspruch genommen ward, Herzog 
Heinrich die Kirchenregierungsgewalt anno 1540 noch nicht 
in dem Maasse in die Hand genommen hat, dass er aus 
eigenem Rechte solche Ordnung aufrichtete. Auch dem 
Landtage hat sie nicht vorgelegen; bei den mangelnden 
Landtagsnachrichten lässt sich der Beweis dafür niu* indirect 
erbringen, insofern als in den Reversalen von 1621, ebenso 
in der Kirchenordnung von 1602 immer nur auf die Kirchen- 
ordnung von 1552 zurückgegangen wird. Dennoch haben 
die Visitatoren ausser an den schon genannten Orten einen 
eigentlichen Widerstand nicht gefunden. Da aber das ganze 
Land noch nicht reformirt war, vielmehr ein Fürst zum 
katholischen Glauben sich hielt, und deshalb von einer 
evangelischen Landeskirche die Rede nicht sein konnte, so 
konnte Heinrich die Kirchenordnung nicht als Landesgesetz 
ausgehen lassen; sie blieb „Vermahnung^ des friedfertigen 
Fürsten, der sein „zur Liebe Amt" nicht anders üben wollte 
und konnte. 

In Vorbindung mit dieser Kirchenordnung steht; 
Ordeninge 
der Misse | wo de vann denn 
Kerckheren vnnde Seelsor- 
gern ym lande tho Meckeln- 
borch I jm Fürstendom Wen- 
den I Swerin Rostock vnnd 
Stargharde schal ge- 
holden wer- 
den. 
Ohne Einleitung wird sofort eine Anweisung den Kirch- 
herrn und Küstern auf den Dörfern in Betreff der Sonn- 
abendvesper gegeben. Es folgt die Anordnung des eigent- 
lichen Gottesdienstes, die sich als eine veränderte und 
wesentlich vermehrte Ueberarbeitung des schon in der 
Kirchenordnung Enthaltenen giebt. Der Gottesdienst wird 
mit einer allgemeinen Beichte und Absolution eingeleitet. 
Erst dann folgt der Introitus, wobei zwischen Stadt und 
Land geschieden wird, indem auf dem Lande ein deutscher 

4 



Digitized by VjOOQiC 



60 

Psalm genommen werden soll, in den Städten die lateini- 
schen Introitus, die „nicht wedder de hillige schriflFt synt^. 
Es folgt das Kyrie, unter Angabe der Noten, lateinisch und 
deutsch, wiederum mit der Scheidung von Stadt und Land; 
darnach das „Allein Gott in der Höhe", sowie die Salutatio. 
Sodann wird eine ganze Reihe von CoUecten angegeben, 
zuerst die für die Festtage: zwei für Advent, von denen 
die letztere aus der sächsischen Kirchenordnung genommen 
ist; auf Weihnacht, dieselbe auf Neujahr, aus der sächsischen 
entnommen; auf Epiphanias ; auf Puriäcatio Maria, aus der 
sächsischen; auf Septuagesimä — Passah, aus der säch- 
sischen Kirchenordnung; auf Himmelfahrt, aus der Nürn- 
berger; auf Pfingsten, aus der sächsischen; die übrigen 
stehen alle schon in der Nürnbergschen, mit Ausnahme der- 
jenigen auf Maria Heimsuchung; ein Gebet Luthers in der 
Zeit der Pestilenz wird hergesetzt; den Schluss bildet eine 
CoUecte wider den Türken; im Ganzen sind es 36. Ea folgt 
die Verlesung der Epistel und des Evangeliums, so wie in 
der Kirchenordnung. Hernach aber ist neu vorgeschrieben 
eine Lection am Weihnachtstage, eine Lection am Johannis- 
tage, Epiphanias, Purificatio Maria, Verkündigung Maria, 
Johannis des Täufers, Visitatio Maria, die alle dem Alten 
Testament entnommen sind. Neu ist auch die Gesangord- 
nung; vor der Predigt das Credo, nachher die Präfationen 
mit Noten, 15 an der Zahl. Unter den folgenden Abend- 
mahlsvermahnungen ist die erste und dritte neu, die zweite 
Schon in der Nürnberger Kirchenordnung. Es folgt das 
Vaterunser und die Einsetzungsworte mit Noten, nebst drei 
Danksagungsgebeten, deren erstes von Luther herstammt. 
Nach dieser „gemeinen Misse" folgt die Anweisung, wenn 
keine Communicanten vorhanden sind, nebst kurzer Be- 
gründung der deutschen Verlesung der Einsetzungsworte; 
darauf die Form der Taufe, bei der die erste Vermahnung 
neu, die zweite nebst der ganzen Anordnung aus der Kir- 
chenordnung entnommen ist. Es folgt die deutsche Litanei 
Luthers, darauf Bestimmungen über die Nothtaufe und über 
Krankencommunion. Ein Schlusswort des Buches fehlt.*) 
Aus dieser Inhaltsangabe dürfte zu ersehen sein, dass 
wir es mit einer vollständigen Gottesdienstordnung zu thun 

^) Ausser den beiden von Lisch, M. Jahrb. 4, S. 184, erwähnten 
Exemplaren giebt es noch ein drittes auf der Domschplbibliothek zu 
Güstrow. 

Digitized by VjOOQIC 



51 



haben; weiter, dass dieselbe nicht die Abschrift einer 
anderswo gebrauchten sein kann, sondern aus verschiedenen 
Ordnungen zusammengestellt ist. Zu den angeführten — 
sächsischen und nümbergischen — kommt noch die pa- 
pistische Agende von 1521, wofern wir anders den Worten 
Georg Westphalens in seinem Diplomatarium Mecklen- 
burgicum, S. 1126, dem auch Richter, III, S. 253, folgt, 
glauben dürfen — die Agende ist sehr rar — , dass „non- 
nuUae quoque preces et ceremoniarum descriptiones" in der 
Ordnung adoptirt seien. Wir müssen aber noch einzelne 
bemerkenswerthe Stellen herbeiholen, um auf den Verfasser 
selbst einen Schiuss wagen zu können. Der Ausdruck in 
den einzelnen Anordnungen ist ein wechselnder. Sehr 
häufig findet sich „wy wylle lesen", „wy wyllen nicht tho 
schaffen hebben". Daraus geht hervor, dassMer Schreiber mit 
den Kirchherren sich zusammenfasst, selbst also auch dem 

§eistlichen Stande angehört haben muss. „Damit in allen 
tücken Ordnung herrsche", wolle man es so oder so halten. 
Um also eine Üebereinstimmung im Gottesdienst zu er- 
halten, ist diese Ordnung gestellt worden, nach der die 
GeistUchen sich halten wollen, wenn ihnen auch hin und 
wieder Freiheit gelassen ist, diese oder jene CoUecte, Ver- 
raahnung u. dergl. auszuwählen, z. B. ein yder wert da 
gebede ordenen na gelegenheit u. s. w. Nichtsdestoweniger 
heisst es aber auch, „der Kerckherr schall", „me schall ock 
de Lüde vormanen", „mey schall syngen". Daraus folgt, 
dass der Verfasser eine autorisirte Person ist, die Macht 
hat, solche Ordnung als verbindlich hinzustellen. Dieselbe 
hat an der Visitation theilgenommen. Dies geht aus 
Folgendem hervor: „Wat nu de Eleuation belanget, syn 
de Kerckheren jne allen vorsamlyngen, wor de Synodi 
gehalten syn, vormanet, dat wy uns den andern, unde 
meisten Kercken, in düssem Lande ock in anderen Fürsten- 
domen wyllen vorgelyken, de vorlangest de Eleuation aff- 
gedan hebben". Der Verfasser hat auch amtliche Er- 
fahrungen gesammelt, z. B. dass die Kirchherren am Sonn- 
abend kein Buch zur Hand nehmen, „wo by velen ein ge- 
bruk ys", dass die Cantores Gesänge nehmen, die mit den 
Festen nicht immer sich reimen, dass die Pastoren oft 
nicht laut und deutlich genug sprechen. Weil es in Mecklen- 
burg „etlyher orsake halven geholden wert", lässt er das 
Fest Assumptionis Maria bei Bestand, setzt aber eine andere 

4* 



Digitized by VjOOQIC 



62 

Epistel Uüd Evangelium fest. Er kennt die Sittö des 
Landes, dass die Leute am Osterfest zum Abendmahl sich 
drängen. Weil er erfahren hat, dass besonders auf den 
Dörfern selten am Sonntage Abendmahl gehalten wird, hat 
et eine eigene Ordnung für den Fall gestellt, dass keine 
Communicanten da sind. Da manche Pastoren wegen der 
Litanei Entschuldigungen vorbrachten, hat er Luthers Li- 
tanei abdrucken lassen, „unde nemandt orsake hebbe, jnn 
deme sick tho entschüldygen". Er kennt die Unsitte, dass 
die „Bademömen hyr jm Lande*^ die Frucht im Mutterleibe 
taufen „edder arme, edder vöte*^ und spricht die Erwartung 
aus, „de Kerckheren werden de Bademöraen flytich vor- 
memen*^. Die Visitation muss zu einer Zeit stattgefunden 
haben, wo der lateinische Kirchengesang, wenigstens in den 
Städten, noch im Gebrauch war, dagegen ajuf dem Lande 
auch noch erhalten werden sollte. Aber der Verfasser 
bringt Gründe bei, warum die verba consecrationis in 
deutscher Sprache gesungen werden sollen. Indem er dies 
in besonderer längerer Ausführung thut, ist ersichtlich, dass 
er nicht überall Einverständniss vorgefunden haben wird. 
Die Visitation endlich hat stattgefunden, als das Papstthum 
in gewissen Kreisen noch in Blüthe stand. Denn so heisst 
es: „De almechtyge geue unde vorlene, dat de Domheren, 
Mönnicke unde ander umher, de de Prelaten des landes 
genömet werden, van ehrem synne unde mysbruke afft- 
reden". Alle diese Umstände weisen auf die Visitation 
von 1541 hin. Die Commissare waren laut Visitations- 
protocoU Riebling, Kückenbieter, der Secretair Leupold und 
der Rath Court Peutz, auch Parum von Dannenbarch. Wenn 
nicht auf Riebling allein, so ist die Urheberschaft auf 
Riebling und Kückenbieter zurückzuführen. Für letzteren 
spräche wohl, dass er seit 1534 in Schwerin an der Schelf- 
kirche gewaltig wirkte. Für Riebling spricht dagegen der 
Umstand, dass er der Generalsuperintendent des Landes 
war. Auch Chyträus in seinem Bericht von der Kirchen- 
ordlnung 1599 1) nennt Riebling, wenn es heisst: „Man soll 
verbleiben bei der Ordnung der Missen, so wenig Jahr zu- 
vor Herr Riebling hatte drucken lassen". Ebenso erklärt 
das Rostocker Ministerium 1603 in der Schutzschrift gegen 



^) Im Haupt- Archiv zu Schwerin, auszugsweise auch im M. Jahrb 
18, S. 187. 



Digitized by VjOOQIC 



53 

den Rath,*) „verfasst erstlich auf Befehl Herzog Heinrichs 
durch Superintendent Riebling*^. 

Manches ist aus der Ordnung in diejenige von 1552 
herübergenommen worden : Die Anordnung der Vesper an 
den Sonnabenden, die allgemeine Beichte vor dem eigent- 
lichen Gottesdienste; die Feste finden sich 1552 wieder 
vor mit Weglassung desjenigen der Maria Himmelfahrt; 
von den CoUecten sind vorhanden die erste AdventscoUecte, 
jedoch verkürzt; diejenige auf Weihnacht, auf Purificationis, 
vom Leiden Christi, auf Ostern, auf Pfingsten, die erste 
auf Trinitatis; manche, die meisten, kehren nicht wieder. 

Schwierigkeit macht noch die Angabe der Jahreszahl: 
Auf dem Titel 1540, hernach am Schluss „Tho Rostock by 
Ludowich Dyetz gedruckt. Anno 1545. Am 16. Juni^^. 
Schon Masch (S. 128) macht die Beobachtung, dass sich 
in der letzten Hälfte eine andere Art Papier findet — vom 
Bogen Man — , und muthmasst, dass Riebfing diese Ordnung 
vor 1540 entworfen — aber Riebling kant erst 15401 — 
und in Druck gegeben habe, den Druck aber einstellen Hess 
bei Bogen M, da man die Nürnberger Ordnung drucken 
wollte, und erst hernach, da in der Kirchenordnung die 
Ceremonien zu wenig ausführlich enthalten waren, die Ord- 
nung der Misse zu vollenden befahl. In den Jahrbüchern 
4, S. 185, wird vermuthet, dass man nach begonnenem 
Drucke erst die Resultate der Visitation abwarten wollte; 
und man stützt diese Vermuthung darauf, dass in der Mess- 
ordnung Andeutungen von amtlichen Erfahrungen sich 
finden. Letzteres ist, wie wir sahen, allerdings der Fall; 
und die Vermuthung in dieser Form ist richtig. Denn die 
Ordnung der Misse hat die Elevation der Hostie beseitigt, 
während sie in der Kirchenordnung noch beibehalten wird; 
also ist die Ordnung der Misse später als 1540 vollendet. 

So hatte nun Mecklenburg seine Gottesdienst- und 
Kirchenordnung. Und es bleibt das Verdienst des edlen 
Fürsten bei Bestand, das Chyträus in seiner Iwejohenrede 
also rühmt: 2) Cum sciret deum a gubernatoribus hoc offi- 
cium praecipue flagitare, nee se populis suae curae ac fidei 

') Im Archiv des geisU. Ministeriums zu Rostock, Tomus I, S. 127. 

*) Chytraei orationes, S. 107. Aehnlich auch Seb. Bacmeister in 
der Continuatio annal. Herul. et Vand. bei Westjphalen I, S. B42: 
Ordinem . . . libro certo comprehensum edi et servari in tcdesiis iussit, 
nt una vox esset. — 

Digitized by VjOOQiC 



54 

commissis, uUum aliud posse beneflcium amplius impertiri 
quam verae pietatis doctrinam . . . , omni diligentia, studio 
et labore curavit recte constitui ecclesias, tolli blasphemos 
et idololatricos cultus, proponi piam doctrinam, erudiri po- 
pulum de veris vitae officiis, curavitque ut una vera et 
consentiens docentium vox esset in ecclesiis et ne locus 
fanaticas opiniones timc passim spargentibus concederetur. 

Anmerkung. In der mecklenburgischen Litteratur sind beide 
Ordnungen nicht immer gleich und recht bekannt gewesen. Grape (Das 
ev. Rostock, 1707), S. 313, lässt die Kirchenordnung 1545 von Riebling 
verfasst sein; er verwechselt sie also mit der Messordnung. Thomas 
(Lutherus bisecl. 1717), S. 16, kennt beide, aber führt sie auf Riebling 
zurück. Mantzel (De Sup. Parch. 1717), S. 13, bringt* den Irrthum 
Grape's aufs Neue. Dagegen F. A.. Aepin (Disput, de constitutionum 
ecclesiarum necessitate, 1726) hält die beiden auseinander und weiss, 
dass erstere mit der Magdeburgischen von 1534; übereinstimmt ; ebenso 
in seinem „Gegründeten Bericht", 1738, S. 8. Aber Klüver in seiner 
„Beschreibung des Herzogthums Mecklenburg", I, S. 407, kennt die 
Kirchenordnung nicht. M U. L. Unpartheiische Prüfung 1739, S. 152, 
weiss die Herkunft der Kirchenordnung richtig anzugeben, während 
Nettelbladt (Succincta notitia 1745\ S. 126, die Kirchenordnung von 
Riebling nach der Magdeburger componirt sein lässt. Schomer (de libris 
seu matriculis ecclesiae, 1747) giebt den Ursprung wieder richtig an. 
Allein David Frank (Altes und Neues Mecklenburg, 1754), S. 208, kennt 
sie wiederum nicht. Den „Bützowschen Ruhestunden", 1761, ist sie 
ebenfalls unbekannt, aber 1766, Theil 23, S. 12, ist sie inzwischen be- 
kannt geworden. Masch (Geschichte merkwürdiger Bücher, 1769) S. 
112, kennt und beschreibt sie. Das „Handbuch der Ehren Geistlichkeit' ', 
1780, S. 13, verwechselt sie, wie Grape, mit der Messordnung, ebenso 
wie F. J. Aepin in der „Geschichte Mecklenburgs", 1793, S. 137. Santen 
in seiner Reformationsgeschichte, 1817, sind beide Ordnungen nicht er- 
wiesen. Dietrich Schröder in seiner Kirchenhistorie, 1788, I, S. 359, 
beruft sich bloss auf Thomas u. s. w. Krey ,. Erinnerungen an Heinrich V. 
und Johann Albrecht I.", 1817, S. 5, kennt wohl die Kirchenordnung, 
giebt aber ihren Inhalt verkehrt an : „nur Agenda enthaltend", eine An- 
gabe, die schon Mank „Einleitung in die Schwerinsche Kirchengeschichte", 
1765, S. 24, getadelt hatte. 

Die im Jahre 154fO bereits vorbereitete, 1541 und 42 
ausgeführte Visitation bezeichnet meines Erachtens einen 
Portschritt in der Entwicklung der landesherrlichen Kirchen- 

?jewalt. Es war nicht allein eine K.-O. gegeben, der man 
öl^en sollte, sondern der Landesfürst bezeugt es als seine 
Pflicht, über die reine Lehre derselben zu wachen, und — 
das kommt als das Neue hinzu — er wird allen Ungehor- 
sam dagegen strafen, durch welchen die Ruhe und Ordnung 
des Landes gefährdet ist. Der Landesherr hat also die 

Digitized by VjOOQIC 



55 

volle potestas ecclesiastica mit dem alleinigen Vorbehalt, 
dass er über die Lehre der K.-O. hält; er hat also auch 
Zwangsgewalt. Das Neue also ist nicht, dass der Landes- 
fürst sich als Erben der bischöflichen Gewalt ansieht, son- 
dern dass er sein kirchliches Handeln mit der weltlichen 
Strafgewalt in Beziehung setzt. Indem er aber einen Su- 
perintendenten hält, und dieser auch neue Superintendenten 
einsetzen soll, z. B. in Wismar imd Rostock, bezeugt er 
doch, dass es neben seinem landesherrlichen KirchenriBgi- 
mente, das mit der Strafgewalt verbunden ist (vi), ein inner- 
kirchliches Amt giebt, jedoch verbo. Es ist beachtenswerth, 
wie der Visitator Riebling ^) die Pflicht des Landesherrn zu 
erweisen sucht; er beruft sich auf Adam, Josua, Samuel, 
David u. s. w., dann auf Konstantinus, gerade so wie Luther 
in seiner Vorrede 1528 zum Visitationsbuche; deshalb habe 
S. P. G., geleitet durch den heiligen Geist, den Entschluss 
gefasst, die Kirche zu „besuchen". Der allmächtige Gott 
fordere solches heilige Amt von S. F. G., denn wenn die 
Unterthanen verführt werden durch Mönche, Gotteslästerer 
und Rottengeister, sowie dadurch, dass wider die erkannte 
Wahrheit gehandelt wird, so würde es auf S. P, G. kom- 
men, der Gott Rechenschaft dafür geben müsse. Deshalb 
will der Purst darüber wachen, dass die ewige Wahrheit 
gepredigt wird, und will sowohl seine Unterthanen dabei 
beschützen, als auch selbst bis ans Ende dabei verharren. 
Wo man aber das verachtet, will der Purst ein „ernstlich 
Zusehen haben, da es wider Gottes Wort ist und Gott- 
fürchtenden Herzen wehe thut". Als äusserliches Zeichen 
der gegen 1535 veränderten Anschauung visitiren neben 
zwei Theologen, Riebling und Kückenbieter, zwei weltliche 
Beamte, der Rath v. Peutz und der Sekretär Leupold. 
Aber auch die weitere Errichtung von Superintendenturen 
wird angestrebt, damit, wie in Wismar, ^ein gut Regiment 
in der Kirchen bleiben" möchte, oder damit, wie in Rostock, 
„rechte Einigkeit unter den Predigern sei und ^te Ord- 
nung gehalten werde". Daneben hielt Riebling im Lande 
Synoden mit den Predigern ab; wenigstens aus dem Jahr 
1546 ist eine solche von Gnoien bekannt. 

Die Visitation selbst giebt ein ^jetreues Bild der da- 
maligen Zustände. Vielfach hatten die Edelleute die ,Bö- 



^) Bei Schröder, Evang. Mecklb. I, S. 361 f. 

Digitized by VjOOQIC 



56 



rangen** an sich gezogen, oder die katholischen Vikare 

gaben dem Prädikanten keine reditus. Oft waren auch die 
»esitzer der geistlichen Lehne davongegangen, thaten ihre 
Pflicht nicht, sondern zogen nur ihre Bezahlung ein, so 
dass die Prädikanten keine Einkünfte hatten. Viele Geist- 
liche waren noch „arge Papisten**, „nicht sonderlich ge- 
lehrt**, sondern „grob und unverständig** und führten ausser- 
dem einen anstössigen Lebenswandel; oft werden auch die 
Prädikanten bedroht, von den Kirchherm gezwungen, nach 
der alten Lehre zu predigen, ja letztere stellen überhaupt 
keinen Seelsorger an ; und nur von wenigen wird berichtet 
als „gelehrten Leuten und guten Lebens**, von andern, dass 
sie sich bessern wollen.*) Auch Herzog Magnus liess 1542 
und wiederum 1544 visitiren, aber nicht in Schwerin, son- 
dern nur in seinen Stiftslanden zu Bützow.^) Eine An- 
wendung von Gewalt mochte derselbe nicht wagen, da er 
ja ohnehin mit dem Kapitel zu Schwerin, das die Freiheiten 
des Stiftes wahren wollte, auf gespanntem Pusse stand. 
Darum musste er auch wohl auf Verlangen des Patronats, 
das die vakant gewordenen Einkünfte zu vergeben hatte, 
noch hin und wieder einen papistischen Geistlichen insti- 
tuiren; aber ob dieser, wie noch 1548 in Rostock,^) zur 
Ausübimg seines Amtes kam, ist zweifelhaft. Wenigstens 
musste ein solcher, wie der vom Ratzeburger Erzbischof 
1541 zu Wismar eingesetzte Messpriester,*) sich wohl nur 
auf den Genuss seiner Pfründe beschränken und konnte 
höchstens einen noch übrigen Anhänger der alten Lehre 
bedienen oder hinter seinen festen Mauern bleiben. 

Herzog Magnus hatte durch seine Vermählung am 26. 
Aug. 1543 hinter sich die Brücke abgebrochen und konnte 
mit seinem Vater für die neue Lehre wirken. Dennoch 
war die ungehinderte Wirksamkeit der beiden nicht nur 
durch die fortbestehende Macht der Domkapitel gehindert, 
sondern hatte auch auf Albrecht Rücksicht zu nehmen. 
Zwar hatte dieser seinen Sohn Johann Albrecht evangelisch 
erziehen lassen; es ist auch nicht bekannt, dass er offen 
gegen die eingeführte Lehre etwas unternahm; hatte er 
doch den Seestädten gegenüber zur Neutralität sich ver- 

^) Bei Schröder, aus den Protokollen, S. 361 ff. 
^ Jahrb. 16, S. 128 und 49, S. 24S. 

Schröder, I, S. 497. 

Schröder, I, S. 489. 



Digitized by VjOOQiC 



57 



pflichtet I Weil er aber wegen der sog. spanischen Schuld- 
forderung zum Kaiser sich halten musste, konnte allein 
schon in Rücksicht auf ihn von Heinrich nichts unter- 
nommen werden, wodurch Mecklenburg dem Kaiser gegen- 
über als ein lutherisches Land erwiesen wurde. Albrecht 
blieb bis an sein Ende katholisch, ja hatte auch gewünscht, 
dass seine Söhne es bleiben sollten, wie Anna an dieselben 
am 2. Febr. 1547 schrieb.^) Allein es kam anders. 

Johann Albrecht war nicht vergebens evangelisch er- 
zogen, hatte nicht vergebens mit Melanchthon verkehrt;*) 
er war ein Freund der Wissenschaft.^) Von grossem Ein- 
fluss auf ihn musste auch Dietrich von Maltzan*) werden, 
sowie der Kanzler Johann von Lucka,*) dem er am 5. Oc- 
tober 1547 versprach, ihn „bei seiner itzigen christlichen 
Religion, die man lutterisch nennt,^ zu schützen. Seine 
Gesinnungen offenbarte er, indem er noch vor Ostern 1547, 
im Einverständniss mit seinem Oheim Heinrich, den Gerd 
Omeken von Schwerin nach Güstrow holte und zum Dom- 
propst daselbst bestellte.^) Johann Albrecht befand sich 
in Franken, als ihn die Nachricht vom Tode seines Vaters 
erreichte. Als er dann nach einem flüchtigen Besuche in 
Mecklenburg zum Kaiser zurückkehrte, musste es ihm auf 
dem am 1. September eröffneten Reichstage zu Augsburg 
vor allem darauf ankommen, für sich und seinen ältesten 
Bruder die kaiserliche Belehnung zu erwirken. Dass er 
diese bekam, verdankte er nicht zum wenigsten dem Druck 
der spanischen Schuldforderung, derenwegen er Ansprüche 
an den Kaiser hatte. ^) Als Johann Albrecht die Belehnung 
erhalten hatte, reiste er am 7. Dez. 1547 in die Heimath 
zurück, um zunächst die Landeshuldigung vornehmen zu 
lassen. Bei dieser gaben die Stände unzweideutig ihr Ver- 
langen nach der neuen Lehre kund, indem am 27. März 
1548 der Fürst gebeten wurde, das reine Wort Gottes im 
Lande verkündigen zu lassen und die Unterthanen bei der 
wahren Religion zu beschützen, besonders auch Kirchen 

^) Schirrmacher, Johann Albrecht, S. 16. 
*) cfr. die ganze Reihe von Briefen im Ck)rpus Ref. 
') Man denke nur an die Berufung des Andreas Myhus, Jahrb. 
18, S. 1 ff. 

*) Jahrb. 18, S. 7. 
^) Schirrmacher, S. 19. 
•) Jahrb. 18, S. 7. 
*) Schirrmacher, S. 21. 



Digitized by VjOOQiC 



58 

und Schulen mit gelehrten Leuten zu versehen.^) Wie sollte 
sich der jugendliche Sohn des katholischen Albrecht dazu 
stellen? Seine Erziehung stellte ihn auf die Seite der 
Stände seines Landes, von denen er keine Hülfe in der 
Tilgung der spanischen Schuld erwarten konnte, wenn er 
in den Wegen seines Vaters wandelnd den Katholizismus 
begünstigen wollte. Oflfen Partei gegen den Kaiser zu 
nehmen, war misslich, da er die Strenge desselben in der 
Behandlung der Ketzer und seine Uebermacht nach dem 
schmalkaldischen Kriege aus eigener Anschauung kannte. 
Erst nach einem Jahre nahm Johann Albrecht entschiedene 
Stellung zum Augsburger Interim, nachdem „allerhand be- 
dreuliche Schriften an ihn ergangen waren", d. h. als der 
Kaiser in verschiedenen Mandaten auf die endliche Durch- 
führung des Interims in Mecklenburg gedrängt hatte.') 
Heinricn und Albrecht schrieben einen Landtag nach Stern- 
berg aus, um „in der allerhochwichtigsten Sache der Seelen 
Seligkeit belangend" Beschluss zu fassen.') Am 20. Juni 
traten die Stände zusammen, mit ihnen die beiden Super- 
intendenten Riebling und Omeken, sowie die Rostocker 
Professoren nebst einer grossen Zahl von Geistlichen. Der 
Kanzler Johann von Luka leitete die Verhandlungen. Er 
machte auf den Vorsatz der Fürsten aufmerksam, die 
wahre Lehre zu behaupten, sowie auf ihre Bereitwilligkeit, 
das Interim von der Hand zu weisen, und verfehlte nicht, 
auf die möglicherweise entstehenden Gefahren hinzuweisen.*) 
„Wenig geistlicher München Ordens ausgenommen,^ und 
„gemeine lantschaft in grosser anzal als nye by einander 
gesehen, mit iren f. g. sich vereiniget, vergliechen und de 
unterthenigk irpetung und zusag getan, da nit über drei 
Personen, so der papistischen lehre zugethann, sich des 
geussert, mit Irer f. g. by der reinen evangelischen und 
apostolischen lere zuplieben, mit untertheniger bith, das se 
von Irer f. g. darby muge beschützet werden, darzu se also 
de getruwen unterthanen bei Irer f. g. lieb guedt und bluet 
zu setzen erputich.***) Durch den Beschluss an der Sags- 



^) Ebenda S. 25. 

') Chytraei oratio de Lucano S. 24:6; Mylii Annales S. 258; 
Protokoll des Landtages zu Güstrow vom 26. Juli 1552 bei Hegel, S. 203. 
*) Gedruckt bei Hegel, S. 200. 
*) oratio de L., S. 245. 
*) Gedruckt bei Hegel, S. 20B. 



Digitized by VjOOQIC 



69 



dorfer Landbrücke ist dann einstimmig illa pestis Sphingos 
Augustanae verworfen.^) Und Mecklenburg antwortete*) 
dem Kaiser, dass es bei den Prophetischen und Aposto- 
lischen Schriften und dem Symbolo Apostolico, Niceno, 
Athanasiano, Ambrosii und Augustini beständig verharren 
und verbleiben wolle. Und indem ein Bekenntniss der 
Hauptartikel der Lehre sowie eine Beschreibung der gottes- 
dienstlichen Gebräuche gegeben wird, erklären die Fürsten, 
dass sie, da diese Lehre dem Worte Gottes gemäss wäre, 
mit gutem Gewissen ihren Unterthanen eine V eränderung 
nicht befehlen könnten.^) Obwohl die Conf. Aug. in dieser 
Erklärung nicht erwähnt ist, ist doch durch dieselbe die 
politisch bedeutsame Erklärung Mecklenburgs für die Sache 
der Protestanten abgegeben ; die Neutralitätspolitik ist ver- 
lassen ; das Wehen des neuen Geistes ist mächtig, wie mag 
es den kränkelnden Herzog Heinrich erfreut haben I Das 
Bestreben, den noch vorhandenen päpstlichen Sauerteig 
abzuthun, befremdet nicht, mag nun noch ein besonderer 
Landtagsbeschluss gefasst sein oder nicht.*) Mecklenburg 
hat in einem förmlichen Nationalkonzil vor Kaiser und 
Reich sein Glaubensbekenntniss abgelegt, Mecklenburgs 
Geistlichkeit, seine Stände, seine Fürsten. Der 20. Juni 
1549 ist der Geburtstag unserer Landeskirche.^) 

Und um dies Glaubensbekenntniss nöthigenfalls mit 
den Waffen zu vertheidigen, schloss Johann Albrecht am 
26. Februar 1550 ein gegenseitiges Hülfsbündniss mit Mark- 
graf Johann von Küstnn und Albrecht von Preussen ab, 
an dessen Hof er weilte, und mit dessen Tochter er sich 
verlobt hatte, dass jeder von ihnen dem andern im Falle 
eines feindlichen Angriffes mit seiner ganzen Kraft zu Hülfe 



^) oratio de L., S. 245. 

•) Chemnitz in Gerdes' Sammlung, S. 635. 

») oratio de L., S. 246. 

*) Schirrmacher, S. 82, weist nach, dass 1550, wo ein solcher 
Beschluss gefasst sein soll, überhaupt kein Landtag abgehalten ist. 

') Leider ist das an den Kaiser gesandte Bekenntniss in Urschrift 
nirgends zu finden gewesen. Ich habe zu Brüssel und Wien vergebens 
gesucht; auch in Simankas in Spanien ist sie bisher nicht gefunden. 
Doch fand sich im herzoglichen Archiv zu Wolfenbüttel eine etwa gleich- 
zeitige Abschrift, welche Herr Archivrath Dr. Paul Zimmermann mit 
nicht genug anzuerkennender Liebenswürdigkeit mir abschreiben liess. 
Die Herausgabe dieser confessio, als eine Festgabe für das 350jährige 
Jubiläum unserer Landeskirche — 20. Juni 1899 — habe ich bereits 
besorgt: „Das Bekenntniss des Herzogthums Mecklenburg*' Berlin 1899. 

Digitized by VjOOQIC 



60 

kommen sollte.^) Ja, in deni nun folgenden grossartigen 
Pürstenbunde, der die völlige Sicherung der Protestanten 
dem Kaiser gegenüber zum I2iel hatte, steht Johann Albrecht 
oben an : er ist persönlich in Dänemark, in den Hansestädten, 
bei den evangelischen Fürsten, hat Gesandte nach Prank- 
reich abgefertigt, ist vor Magdeburg, auf der Zusammen- 
kunft in Torgau; er nimmt an den kriegerischen Unter- 
nehmungen theil, unterhandelt in Passau, wo er seine Be- 
dingungen betreffs der Religion dahin stellt, dass^) „der 
Artikel der wahren Religion, vermöge der Augsburgischen 
Konfession, muss ganz rein und klar dastehen, ohne dass 
von Konzil und Kolloquium geredet wird". In dieser Por- 
derung ging er noch über Moritz hinaus, der vom Kaiser 
eine Nationalversammlung forderte, darin „die Gelehrten der 
heiligen Schrift beiderseits gehört, damit die Irrungen dem 
Worte Gottes gemäss verglichen würden." 3) Johann Albrecht 
wusste die kriegerischen Erfolge dahin auszunutzen, dass 
er sein 1549 dem Lande gegebenes Versprechen, es bei der 
reinen Lehre zu erhalten, erfüllen konnte. Im Herbst 1551 
befahl er die Abfassung einer Kirchenordnung. 



Pur die Entstehungsgeschichte derselben ist der Be- 
richt des Chyträus von der K.-O., den er im Auftrage des 
Herzogs Ulrich 1599 verfasste, von der grössten Wichtig- 
keit.*) Chyträus war bereits 1551 an die Rostocker Uni- 
versität gekommen, woraus folgt, dass seine Angaben An- 
spruch auf Zuverlässigkeit haben. Ein Seitenstück bildet 
der Bericht des Rostocker Superintendenten Lucas Bac- 
meister, ebenfalls aus dem Jahre 1599, der an der Revision 
der Kirchenordnung hervorragend betheiligt war, sowie die 
Berichte der zur Revision seit 1585 verordneten Theologen.^) 
Hinzu kommen einzelne dürftige Nachrichten der gleich- 
zeitigen Landtagsverhandlungen. Nach den Worten des 
Chyträus zu urtheilen, ist er Augenzeuge der Entstehung 
der K.-O. gewesen. Er sagt nämlich in der Einleitung: 

^) Schirrmacher, S. 76. 

•) Ebenda, S. 190. 

•) Ebenda, S. 192. 

*) Zu einem kleinen Theil im Jahrb. 18, S. 187 gedruckt. Das 
Manuskript stand mir aus dem Schweriner Archiv zur Verfügung. 

') Aus den Manuskripten der Registratur Rev. Ministerii eccle- 
siastici Rostochiensis, besonders Tom. I. 

Digitized by VjOOQiC 



61 

- r ■ 

„Nach meiner unterthänigen Diensterbietung übersende ich 
Ew. P. G. diesen unterthänigen ausführlichen Bericht, wie 
ich denn von Anfang an derselben beigewohnt." Er fährt 
dann fort: „Der Anfang vnd erste Beredung von der 
Meckelnburgischen Kirchenordnung Verfassung ist anno 
1551, Mense Novembri geschehen, da uff E. F. G. herrn 
brudern, hertzog Johann Albrechten, nu in Gott ruwenden, 
anhalten, der Durchleuchtige und Hochgeborne Fürst, 
Hertzog Henrich zu Meckelnburg, seinen Superintendenten, 
Em Johann Riebling, mit einem gemeinen schreiben, an 
D. Johannem Aurifabrum die zeit J. P. G. Pastorn zu S, 
Nikolaus in Rostock, und andere abgefertigt, und von einer 
gewissen bestendigen Kirchenordnung zu berathschlagen, 
befohlen." Dass Johann Albrecht seinem Oheim das Werk 
überliess, erklärt sich wohl daraus, dass dieser in der Ange- 
legenheit eine reichere Erfahrung hatte, als auch daraus, 
dass Johann Albrecht an den Verhandlungen des Pürsten- 
bundes um diese Zeit betheiligt war. War er doch am 
17. Oktober auf Schloss Lochau zugegen, wo Moritz Ver- 
handlungen pflog I ^) Seit dem 3. November war er daheim, 
aber in eifrigem Briefwechsel mit seinem Schwiegervater 
wegen des abgeschlossenen Offensivbündnisses. Und Mitte 
Dezember ist Johann Albrecht schon wieder auf dem Wege 
nach Dresden, von wo er am 22. Dezember nach Mecklen- 
burg zurückkehrte.*) Mitte März 1552 begab er sich nach 
dem Kriegsschauplatz. Wem aber sollte Herzog Heinrich 
die Arbeit der K.-O. eher übertragen als seinem Super- 
intendenten Riebling I Dieser soll sich mit Aurifaber in 
Verbindung setzen. Letzterer muss eine angesehene Stel- 
lung in Mecklenburg inne gehabt haben. Er ist 1550 von 
Wittenberg an die Universität und nach Rostock gekommen. 
Schon am 4. September 1550 bittet Melanchthon ihn um 
die Portdauer seiner Preundschaft, am 1. November um 
regeren Briefwechsel. Am 25. März 1551 widerräth er ihm, 
nach Lübeck zu gehen; am 30. Mai erinnert er ihn daran, 
dass ihrer beider Preundschaft nur ad consociationem eccle- 
siarum communem dienen solle; und am 24. Juni bittet er 
ihn um ein Gutachten zu seiner repititio confessionis, die 
dem Kaiser vorgelegt werden solle.*) Aurifabers Wirksam- 

*) Schirrmacher, S. 141. 

^) Ebenda, S. 155. 

») Corpus Ref., Bd. VII. 

Digitized by VjOOQiC 



62 

keit im Lande dauerte allerdings nieht lange, (n^l^enn 1554 
ist er bereits in Königsberg an Osianders Stellt^. ^) Die 
Person des in Wittenberg; gebildeten Professors und l-«^tors, 
des Freundes Melanchthons, durfte in der That für^,^ die 
Mitarbeit an der K.-O. geeignet erscheinen. Aber es wero^pn 
in jenem Bericht noch „andere" erwähnt. Chyträus selbst 
kann nicht gemeint sein, sonst würde er es gesagt haben ; 
er sagt aber im Gegentheil, dass ihm erst hernach von 
Aurifaber Mittheilung gemacht sei, ihm „einem jungen 
gesellen". In Rostock selbst käme wohl noch Büren in 
Betracht, ebenfalls ein Freund Melanchthons. Zu vergessen 
ist auch nicht Omeken in Güstrow. Dieser hatte 1523 in 
Rostock studirt und bereits Slüter gehört.*) Dem Jungen 
martinischen Ketter" stand man damals nach dem Leben, . 
so dass er nach Lübeck und Wittenberg ging. Seit 1529 
wirkte er dann in Bürich im Kleveschen; aber von hier wie 
auch von Lippe musste er seines harten Auftretens wegen 
weichen. In Soest verfasste er im Anschluss an die Braun- 
schweiger K.-O. die Soest'sche K.-O.') Nach seiner Wirk- 
samkeit in Lemgo, in Minden, — als Superintendent zu 
Minden unterschrieb er die Art. Smalc. — in Dannenberg, 
in Gifhorn, kam er 1547 durch Herzog Heinrich als Hof- 
prediger nach Schwerin und bald darauf, auf Johann 
Albrechts Veranlassung, nach Güstrow in die Hochburg des 
Katholizismus. Hier gab er dem fallenden Papstthum den 
letzten Stoss und brachte das Kirchen- und Schulwesen in 
gute Ordnung.*) Auch nahm er an den Visitationen der 
fünfziger Jahre theil. 

Nach Rostock hatte Riebling ein „gemeines Schreiben" 
mitgebracht. Einen Schluss auf den Inhalt desselben zu 
thun, erlauben uns die Worte Chyträi : „Es hatte aber der- 
selbe Riebling ein besonder nebenschreiben von seinem 
herrn, hertzog Henrich an D. Aurifabrum, das er nichts 
newes stellen, sondern bey der Ordnung der Missen, so 



*) Schirrmacher, S. 261. 

') Von ihm selbst in seinem Trostbüchlein 1551, mitgetheilt bei 
Thomas, Lutherus biseclisenex, S. SS. 

*) Richter I, S. 166. 

^) Aus der Leichenrede seines Sohnes, bei Thomas, Analecta Güstr. 
S. 132. Die 1897 erschienene Biographie Gerd Omeken's von Pfarrer 
Knodt in Münster brinst leider nichts Neues, sondern giebt sich, was 
die mecklenburgische Wirksamkeit O.^s anbetrifft, als ziemlich getreue 
Benutzung von Schröder-Raspe u. s. w. kund. 



Digitized by VjOOQiC 



63 

wenig jar zuvor herr Riebling hette drucken lassen, ver- 
bleiben solte". Diese Worte können sich nur auf die 
Ordnung von 1540—45 beziehen. Da aber diese keine 
Lehre, auch nicht die übrigen Punkte einer K.-0. enthält, 
mit Ausnahme der Ceremonien, so kann der Sinn nur sein: 
weil eine K.-O. verfertigt wird, sollen die Ceremonien, 
jedenfalls die alten, ungeändert bleiben. Riebling muss 
für die Beibehaltung derselben sehr besorgt gewesen sein, 
ebenso Herzog Heinrich, der durch die Visitation und auf 
Grund derselben die Kirchengebräuche in seinem Lande 
geordnet wusste. Aber Chyträi weitere Worte bekunden, 
dass Riebling auch gegen jede neue K.-O. war. „Welche 
widerwertige fürstliche schreiben, als sie mir hernachmals 
von meinem Praeceptore vnd coUega D. Aurifabro ange- 
zeiget, mich die zeit, als einen jungen gesellen, nicht un- 
billig etwas befremdet, aber nicht gedacht, das mir über 
48 Jar, in meinem alter, ettlicher massen dergleichen be- 
gegnen würde." Damit zielt Chyträus, wie später darzu- 
thun sein wird, auf das Schreiben des Herzogs Ulrich, das 
der Rostocker Superintendent Bacmeister bei der Verhand- 
lung zur K.-O. vorbrachte, des Inhalts, dass keine neue 
K.-O., sondern nur eine Revision der alten vorgenommen 
würde. Damals war am Hofe Ulrichs — Chyträus pennt 
den aulicus Niebur — eine philippistische Partei, welche 
an der K.-O. von 1552 aus Rücksicht auf den Namen 
Melanchthons nichts ändern wollte. Wenn nun Chyträus 
von dem Versuch des Jahres 1551 bemerkt:^) hoc pium et 
salutare consilium arte quorundam impeditum est usque ad 
annum 1552, quo . . . Johannes Albertus solus has terras 
gubernavit, so liegt die Vermuthung nahe, dass zu Schwerin, 
ebenso wie hernach 1599, so schon 1551 eine Meinung vor- 
herrschend war, die am Alten festhalten wollte. Linden- 
berg, der von Magnus in seinem Briefe 1540 als katholisch 
oder doch wenigstens als behutsam vorgestellt wird, mochte 
auch 1551 von Neuerungen abrathen, die die neue Lehre 
ja erst recht festigen sollten. Vielleicht wirkte auch 
Heinrichs Kanzler Zeiring gegen das von Johann Albrecht 
angestrebte Werk ; wenigstens wirft letzterer in seiner Re- 
gierungsverordnung, April 1552,*) ihm vor, dass er allerlei 



oratio de Lucano, S. 246. 
Jahrb. 8. S. 55. 



Digitized by VjOOQiC 



64 

nachtheilige Uneinigkeit u. s. w. zwischen! unserm Vetter, 
d. i. Heinrichy und uns angerichtet habe. Dass aber Rieb- 
ling der Anstifter war, geht aus Chyträi weitem Worten 
hervor: ,,Nu blieben die Sachen die Zeit, wie sie Er 
Riebling practieirt hatte, in einem stillstand ettliche Monat, 
biss uff hertzog Hinrichs seligen abschied^ 1552. Man muss 
zum weitem Verständniss beachten, dass Chyträus ein 
Schüler Melanchthons war; dieser gebraucht inbetreff Rieb- 
lings das Wort „praktiziert". Der Mitarbeiter Aurifaber, 
der Sekretär Leupold, der Kanzler Lukanus, auch Omeken 
waren Melanchthons Schüler. Dagegen Riebling, kein 
Schüler Melanchthons, hat eine K.-0. in Mecklenburg ein- 
geführt, die ein Werk Osianders war. Als nun der Kampf 
gegen Oslander ausbrach, und das war seit dem Jahre 
1549, da ist die Annahme wohl nicht von der Hand zu 
weisen, dass der theologische Gegensatz die Ursache für 
das gemeine Schreiben und den Aufschub der Arbeiten zur 
K.-0. gewesen ist. Riebling sieht in der Abfassung einer 
neuen K.-O. eine Stellungnahme Mecklenburgs gegen Osl- 
ander ; die mecklenburgischen Theologen wollen aber nicht 
eine Ordnung annehmen, die aus der Hand des bekämpften 
Gtegners hervorgegangen war. 

Anders wurde es, als Johann Albrecht allein zur Re- 
giemng kam. Hören wir Chyträus weiter: „Da alsbald 
nach Jr. f. G. leichbestettigung, hertzog Johann Albrecht 
die Theologen nach Suerin verschrieben, vnd eine Newe ge- 
meine K.-O. zu verfassen befohlen, welches auch alsbald 
für die band genommen, und als sie entworffen und von 
Jr. P. G. approbieret, Doctor Aurifabro dieselbe drucken zu 
lassen befohlen ist. Der damit nach Wittenberg gereiset, 
und Philippum Melanthonem mit zu Rath gezogen, der 
sonderlich das erste teil, die Lehre, Artikell im Examine 
ordinandorum formlicher vnd besser gestellet, und sonst 
hin und wider ettliche Stück eingesetzt hat. Die K.-O. ist 
unter dem Namen des hertzogthumbs Meckelnburg erstlich 
gedruckt, 1552." Die Arbeiter an der K.-O. sind also die 
„Theologen", wohl dieselben, welche hernach an ihrer Ein- 
führung durch die Visitation von 1552 betheiligt waren, 
Aurifaber, Riebling, Omeken. Nicht unwahrscheinlich ist 
es, dass auch Schwerinsche Prediger betheiligt waren, wenig- 
stens erwähnt Westphal in seinem „Evangelischen Schwerin", 
dass auch Kückenbieter und Ernst Rothmann betheiligt 



Digitized 



by Google 



65 

waren. Bei der Grösse der Arbeit ist es anzunehmen, wie 
denn auch 1599 die Rostocker Geistlichkeit an der Revision 
zusamraen mit den Superintendenten gearbeitet hat. 

Die Arbeit der Theologen hat Melanchthon in Witten- 
berg durchgesehen, und daselbst ist auch der Druck in 500 
Exemplaren geschehen, i) Aurifaber war selbst in Witten- 
berg anwesend, 2) reiste aber vor Fertigstellung des Druckes 
nach Hause zurück.') Denn der Druck verzögerte sich 
recht lange. Am 30. Juni 1552 schreibt Melanchthon an 
Georg von Anhalt: Liber Meckelburgensis nondum est 
finitus, sed pauca restant; mitto igitur medias paginas de 
ordinatione, ritu et de visitatione.*) Erst am 18. Juli ist 
das Buch fertig; Melanchthon schreibt an Peucer: Typo- 
graphus hodie, quod faustum et felix sit, librum de ecclesia 
Megapolitanis edit, intra biduum iturus Rostochium.^) Der 
nach Mecklenburg mit seinen Büchern reisende Drucker, 
der sich übrigens, wie aus der Rechnung Aurifabers her- 
vorgeht, pränumerando hatte bezahlen lassen, nimmt den 
Brief Melanchthons an Aurifaber vom 20. Juli 1552®) mit. 
Melanchthon bittet den Aurifaber, die mora editionis zu ver- 
zeihen, wenn das Buch erst nach Beginn der Kirchen- 
inspektion anlangen sollte. 

Es erhebt sich nun die Frage, wer der Verfasser der 
K.-O. ist, ob Melanchthon oder Aurifaber, genauer: wieviel 
Melanchthon zugetragen hat. Aus dem Bericht des Chyträus 
ist nur zu ersehen, dass Melanchthon die bessernde Hand 
daran gelegt hat, indem er die Artikel im ersten Theil 
„formlicher und besser" stellte und „sonst hin vnd wider 
ettliche Stück" einsetzte. Und dennoch nennt sich Me- 
lanchthon gerade wegen dieser K.-O. einen civis Megalo- 
pyrgensis ecclesiae.^) Und schon Chemnitz berichtet, dass 
der Herzog durch Philipp Melanchthon eine gewisse Form 
der Lehre habe verfassen lassen ; ebenso Hederich in seinem 



^) Laut Rechnung des Aurifaber, Güstrow, den 17. Juni 1552, ge- 
druckt im Jahrb. 5, S. 228. 

^) Melanchthon schreibt an Matthesius am 18. Mai 1552: Apud 
nos editur forma ecclesiae Megalburgensis eamque ob causam adest 
Joh. Aurifaber. C. R. Vif, S. 1007. 

^) Vergl das Datum der Rechnung. 



:! 



Ebenda. 
«) C. R. VII, S. 1034f. 
') Am 25. Febr. 1557, gedruckt bei Schröder, II, S. 197. 

5 

Digitized by VjOOQIC 



66 

Verzeichniss der Bischöfe von Schwerin. Diese Angaben 
werden die Veranlassung gewesen sein, dass Melanchthon 
hinfort mehr oder weniger als der Verfasser der ganzen 
K.-O. oder wenigstens des ersten Theils erscheint. Masch ^) 
meint, dass Melanchthon den Entwurf Aurifabers erhalten 
hat, aber davon nur im zweiten und fünften Theil etwas 
behielt, das übrige ganz neu ausarbeitete oder aus der 
sächsischen K.-O. entnahm. Dagegen behauptet Krabbe,*) 
dass die K.-O. wesentlich Aurifabers Werk sei, indem zwar 
Melanclithon dem Verfasser sein examen ordinandorum ein- 
schickte. Um Klarheit zu gewinnen, ist vor allem noth, 
den Inhalt der K.-O. selbst anzusehen und, wo es möglich 
ist, den Ursprung der einzelnen Stücke selbst anzugeben* 
Die Gedanken der Vorrede sind folgende: Gott will 
im menschlichen Geschlecht eine ewige Kirche sich sammeln ; 
darum hat er das Predigtamt eingesetzt und will, dass 
„öflentliche, ehrliche Versammlungen" seien. Weil das 
Predigtamt besonders die Regenten erhalten sollen, sieht 
die Herrschaft in Mecklenburg ein, dass sie Gott Gehorsam 
vor allen darin schuldig ist, dass sie auf rechte Anrufung 
Gottes, Bestellung der Kirchen und Handhabung ordent- 
licher Zucht achtet. Damit Jedermann die Anordnungen 
kenne, sei diese K.-0. gedruckt; nicht, um die Schrift zu 
beeinträchtigen, sondern dieselbe solle dadurch erst recht 
gepredigt werden, wie sie in der Propheten und Apostel 
Schrift gefasst ist, in dem Verstände des Apostolicuni, 
Nicaenum, Athanasianum, mit denen Lutfiers Katechismus 
und Confessio stimmen, sowie die Conf. Aug., wie diese 
Lehre in den sächsischen Landen gepredigt werde. Mit 
diesen will Mecklenburg einig sein ; wenn ein Zweifel ent- 
steht, mit diesen Kirchen sich unterreden. Denn der Purst 
hat keine Lust an „fürwitziger Sonderung und Spaltungen", 
sondern nur an der rechten Anrufung Gottes. Wenn man 
zu diesen Sätzen Aurifabers lateinische Disputation ») ^de 
ecclesia et de propria ecclesiae doctrina" in These 1, 2, 
78 vergleicht, so findet man dieselben Gedanken: Gott 
hat sich vielfach geoffenbart; das menschliche Geschlecht 
soll erkennen, dass es nicht zum Elend geboren ward, 



^) Masch, Geschichte merkwürdiger Bücher, S. 135. 
*) Krabbe, Chylräus, S. 59, 447. 
») In Corp. Ref. Bd. XII, S. 566 flf. 



Digitized by VjOOQiC 



67 



sondern dass Gott überall gehört werden will; er sammelt 
sich eine Kirche im menschlichen Geschlecht und will, dass 
immer öffentliche, ehrliche Versammlungen seien u. s. w. 
Mithin ist sehr wahrscheinlich, dass Aurifaber diese Vor- 
rede verfasst hat. 

Es folgt die Disposition der K.-O. 1. Pflanzung und 
Erkenntniss der rechten Lehre des Evangelii. 2. Erhaltung 
des Predigtamts, dazu gehört a) Ordination, b) Kirchen- 
gericht, Synodi, Visitation. 3. Die Ceremonien. 1. Erhaltung 
christlicher Schulen und Studien. 5. Verordnung gewisser 
Güter und Einkommen. Diese Theilung lag schon in der 
„Wittenberger Reformation" vor, jedoch mit dem Unter- 
schiede, dass in derselben die Ceremonien fehlen, dalür 
aber das zweite Stück in zwei selbstständige Theile zerfällt. 

Die Einleitung des ersten Stückes von der Lehre weist 
darauf hin, dass Gott von Engeln und Menschen gepriesen 
werden will. Darum will er auch nach dem Fall eine ewige 
Kirche sich sammeln, weshalb er eine gewisse Lehre ge- 
offenbart hat. An diese ist die Kirche gebunden, und wo 
die reine christliche Lehre gepredigt wird, da ist Gottes 
Kirche. Darum muss man die reine Lehre erhalten. Es folgt 
dieselbe in 25 Artikeln, und zwar wesentlich thetisch dar- 
gestellt, mit Verweisung auf Schrift und Symbole, „wie 
dieser Artikel weiter in Symbolis erklärt wird". Die Artikel 
erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit; z. B. es 
wird gefordert, dass „die Verständigen sich und andere 
davon weiter unterrichten" sollen. Sie sollen nur sein „An- 
leitung und Erinnerung" mit dem doppelten Zweck, ein- 
mal, damit „die Ordinanden und andere wissen, wovon das 
Examen fürnemlich gehalten wird" ; sodann, dass „die Pre- 
diger sich und die zuhörer gewenen, die Christliche lere in 
eine Summa zu fassen und die Heubtartikel bey sich selb 
offt und vleissig betrachten". Dieser erste Theil „Von der 
Lehre" erscheint in einem besonderen Buche wieder: „Der 
Ordinanden Examen. Wie es in der Kirchen zu Wittemberg 
gehalten wird. Darinnen die Summa Christlicher lere be- 
griffen, allen Gottesfürchtigen nützlich und notwendig zu 
wissen. Geschrieben durch Herrn Philipp Melanchthon." 
Noch beträchtlich erweitert kommt derselbe Stoff vor in 
„Examen eorum qui audiuntur ante ritum publicae ordina- 
tionis, von Philipp Melanchthon. 1554." Es entsteht nun 
die Frage : Ist das examen Melanchthons älter als der erste 

Digitized by VjOOQIC 



68 

Theil unserer K.-O.? Das scheint Krabbe^) anzunehmen, 
der dem Aurifaber dieses von Melanchthon zugeschickt 
sein lässt. Aber es wird sich gerade zeigen, dass das examen 
aus der K.-O. abgedruckt ist. Denn erstens ist dasselbe 
auf eine fünftheiUge K.-O. angelegt, da es in seiner Ein- 
leitung die fünf Theile christlicher K.-O. nennt, selbst aber 
nur den ersten bedeutet. Sodann sind in demselben zwei 
Stellen beibehalten, welche nur für eine K.-O. passen. Auf 
S. 102 nämlich wird der Artikel „Vom Ehestand" mit einem 
Hinweis auf den zweiten Theil der K.-O. geschlossen : „Was 
weiter vom Ehestand zu wissen ist, wird zum teil hernach 
in den Kirchengerichten gemeldet." Und ganz am Schluss, 
S. 119, wird auf das Einverständniss der Kirchen säch- 
sischer Lande Bezug genommen „als zu Lübeck, Hamburg, 
Lüneburg", eine Bezeichnung, die nur für Mecklenburg 
und seine Beziehungen zu diesen passt. Mithin ist das 
examen ordinandorum aus der K.-O. entnommen. Aber hier 
ist es keineswegs von Melanchthon verfasst. Denn die 
Wahrnehmung zahlreicher wörtlicher Wiederholungen führt 
auf das Werk mehrerer Arbeiter. Der Satz „Gott will ihm 
eine ewige Kirche sammeln" erscheint auf Seite 2 a in der 
Vorrede, S. 5 b in der Einth eilung, S. 6 b in der Einleitung 
zum ersten Theil, S. 64 a am Schluss. Noch auffälliger ist 
die Wiederholung einer ganzen Periode auf S. 4a der Vor- 
rede und S. 64 b des Schlusses des ersten Theils, des In- 
halts, dass Mecklenburg eine neue Lehre nicht einführen 
will. Wenn also Chyträus in seinem „Bericht" sagt, dass 
Melanchthon die „Artikel formlicher und besser stellte", so 
hat doch Melanchthon seine Zusätze dem Gegebenen nicht 
gehörig angepasst. Der Ruhm Melanchthons also, der Ver- 
fasser des examen ordinandorum zu sein, schrumpft dadurch 
sehr zusammen; ihm bleibt nur das „formlicher und besser 
gestellt haben", dessen, was die Mecklenburger ihm schon 
vorlegten. Für die besondere Ausgabe seines examen ver- 
mehrte und verbesserte Melanchthon dasselbe noch weiter, 
z. B. der Artikel vom Gebet ist neu hinzugesetzt. Auf 
diese Veränderung scheint er sich in einem Briefe an Chy- 
träus, unmittelbar nach Fertigstellung der K.-O., zu be- 
ziehen : 2) Der Drucker, der auch die K.-O. nach Mecklen- 



*) Krabbe, Chyträus, S. U7. 

») C. R. Brief vom 20. Juli 1552. 



Digitized by VjOOQIC 



69 



burg brachte, bringt dem Chyträus ein Buch; librum dili- 
genter relegite et mihi iudicia significate. Non gigno nova 
dogmata, sed sententiam ecclesiae nostrae cupio verbis 
maxime perspicuis et illustribus recitare. Agnosco me tantis 
rebus non esse parem et opto, ut amanter conferamus iudicia. 
So ist es erklärlich, dass schon 1585 die zur Revision der 
K.-O. versammelte Kommission das erste Stück der K.-O. 
von Melanchthon „gestellt" sein lässt, und Chyträus 1599 
am examen als Magistri Philippi Werke nichts ändern 
will, um so erklärlicher, als die späteren Drucke der K.-O. 
nach dem von Melanchthon wiederholt veränderten examen 
sich richten. 

Als Vorlage hatten die Mecklenburger die K.-O. von 
1540, von Osiander verfasst. Dennoch haben sie diese im 
Punkte der Lehre nicht benutzt. Nur einige Artikelüber- 
schriften finden sich 1552 wieder, die Artikel selbst sind ganz 
neu. Das mussten sie auch, da sich z. B. in der Heilsord- 
nung osiandristische Anklänge fanden. Und auch in den 
übrigen zeigt sich ein dogmengeschichtlicher Fortschritt, 
indem das Wesen des Gesetzes, der Begriff der Busse, die 
Predigt des Evangelii vollständig herausgestellt werden, 
worin 1540 noch offenbarer Mangel war; die Verfasser von 
1552 nehmen also offenbar auf den Verlauf des antino- 
mistischen Streites Bezug. Auch die katholischen Gebräuche 
finden sich nicht mehr; beseitigt ist z. B. die Elevation der 
Hostie, das Pest Maria Himmelfahrt. Auch die Polemik 
gegen die katholische Rechtfertigungslehre ist vollständiger 
als 1540. Ganz neu ist der Artikel „Von weltlicher Ober- 
keit" ; ist er doch historisch durch die Interimsstreitigkeiten 
bedingt; neu ist auch der Artikel „Von den Ceremonien", 
durch die adiaphoristischen Streitigkeiten bedingt. Mithin 
haben Aurifaber und seine Genossen an die Nürnberger 
K.-O. sich nicht angelehnt. Es lagen ihnen aber zwei Ar- 
beiten vor, die in den ersten Theil der K.-O übergegangen 
sind. Von der einen, der Reformatio Wittenbergensis Me- 
lanchthons vom Jahre 1545 ^), ist ja anerkannt, dass sie die 
„Grundlage'* der mecklenburgischen K.-0. geworden ist. 
Dieselbe ist „ein von Melanchthon gefasstes nothwendiges 
Bedenken, das zum Zwecke christlicher Reformation und 
Vergleichung dem Reichstage vorzuliegen bestimmt war". 



^) Richter H, S. 81 ff. 

Digitized by VjOOQIC 



70 



Ihre Anlage weicht darin von der K.-O. ab, dass sie hinter 
dem ersten Theil von der Lehre einen zweiten, von den 
Sakramenten, einschiebt, der in der K.-O. mit dem ersten 
vereinigt ist, sowie dass sie den zweiten Theil in zwei 
Stücke theilt. Ihr erster Theil aber enthält so viele An- 
klänge an den Wortlaut der K.-O., dass eine Benutzung 
derselben für letztere ausser Zweifel steht. Zu beachten 
ist ferner die lateinische Disputation Aurifabers von 1550. 
Ausser den schon genannten finden sich in These 4, Ab- 
satz 2; These 5, Absatz 1; These 10, Absatz 3; These 12, 
Absatz 2 und 3; These 14 u. a. wörtliche Anklänge an 
den Text der K.-O., so dass Aurifaber offenbar diese seine 
Disputation benutzt hat. Vielleicht ist also auch dem Auri- 
faber der ganze erste Theil übertragen gewesen. 

Der zweite Theil unserer K.-O. „Von der Erhaltung 
des Predigtsamts" beweist zunächst die göttliche Einsetzung 
desselben. Unberufene Personen dürfen nicht zu ihm ge- 
langen ; deshalb ist eine Prüfung vor dem Superintendenten 
zu fordern, nach Lehre und Leben. Es folgt die forma 
ordinationis, wie Luther sie gestellt hat, dieselbe, die auch 
in der Braunschweiger K.-O. von 1543 sich findet. Der 
zweite Abschnitt handelt von den Kirchengerichten, die 
von dem in Rostock zu errichtenden Konsistorio geübt 
werden sollen. Der dritte Abschnitt handelt von der Visi- 
tatio; nach dem Sprichwort „Des Hausvaters Augen und 
Fusstritt machen den Acker fett" müssen treue Aufseher 
die Kirchen besuchen. Von dem Ursprung dieses zweiten 
Theils hat schon Mark in seiner „Einleitung zur Schwerinschen 
Kirchengeschichte" mit Recht erinnert, dass er mehr Kennt- 
niss von den Angelegenheiten Mecklenburgs voraussetzt, als 
man Melanchthon zutrauen kann; er muthmasst richtig, 
dass ein mecklenburgischer Theologe, der bei der Visitation 
thätig war, ihn ausgearbeitet habe. Mecklenburgische Ver- 
hältnisse sind es offenbar, wenn trotz der Ordinatio durch 
den Bischof die Patronatsrechte gewahrt werden, „nachdem 
wir niemand seine alte gerechtigkeit an der Kirchen be- 
stellung oder Jus patronatus zu nehmen begeren." Weiter, 
das Kirchengericht soll in Rostock eingesetzt werden; es 
wird Bezug genommen auf die noch zu stellende Instruction 
des Konsistoriums. Die Jungfrauenklöster erhalten beson- 
dere Vorschriften. Er werden also die beiden Landes- 
superintendenten Riebling und Omeken die Verfasser ge- 



Digitized by VjOOQIC 



71 

Wesen sein. Hatte doch ersterer bereits die Visitation der 
vierziger Jahre geleitet, und letzterer hatte schon in seiner 
K.-O. 1532 der Superintendenten und Visitationen Er- 
wähnung gethan. Eine Anleitung für ihre Arbeiten fanden 
sie an der Ref. Witt, in den Abschnitten de regimine evan- 
gelico et regimine episcoporura, de iudiciis ecclesiasticis. 
Der dritte Theil der K.-O. „Von den Ceremonien" 
giebt die Veranlassung zur Fesstellung derselben, nicht um 
die Gewissen zu binden, sondern „wir wollen solchs mit 
einander umb der armen Jugend und umb des Volks willen 
also gleich halten; denn so man ein Ding oflft höret und 
von jugent uff gewonet, kann mans besser bedenken und 
betrachten." Es folgen in acht Unterabtheilungen die 
Ordnung der Ceremonien in Pfarrkirchen der Stadt und, 
da Schulen sind, K.-O. uff den Dörfern, eine Auswahl von 
Kollekten und Prälationes, Abendmahlsvermahnung, Ord- 
nung der Tg^ufe, auch der Nothtaufe, Ordnung der Beichte, 
Tröstung der Kranken, Trauung. Sogleich in der Einleitung 
steht der Satz: „Dieweil nu die Kirchen in diesen Landen 
dieser folgenden Ordnung, des grössern teils gewont sind, 
lassen wir sie also bleiben." Da die mecklenburgischen 
Gemeinden seit 1545 ihren geordneten Gottesdienst hatten 
infolge der RiebHngschen Misseordnung, so kommt dieselbe 
in der K.-O. von 1552 wieder zur Geltung, allerdings in 
manchen Stücken vermehrt, aber auch verändert ; z. B. die 
katholische Elevation ist beseitigt; aber das Westerhemd, 
lateinische Verlesung und lateinischer Gesang sind noch 
beibehalten. Wenn die Rieblingsche Ordnung auch grund- 
leglich gemacht ist, so wird sich doch zeigen, dass der 
Stoff auch aus andern K.-O. zusammengetragen ist. 1) Die 
Ordnung des Sonnabends S. 79 b, 4 Absätze, ist wörtlich 
aus der sächsischen K.-O. von 1539') genommen; nur dass 
neben die lateinische Verlesung die deutsche tritt. 2) Die 
Ordnung an gemeinen Sonntagen und Feiertagen, S. 80 a, 
4 Absätze, ist aus derselben K.-O. entlehnt. 3) Mess oder 
Kommunio. Da heisst es: „Die soll wie vorhin in diesem 
Lande geordnet und im brauch ist, mit der öffentlichen 
Beicht, gebet und Absolution angefangen werden." Wir 
werden also auf die Ordnung der Misse Rieblings geführt. 



^) Richter I, S. 807 ff. Diese Ordnung ist von Jonas 1539 für 
Heinrich von Sachsen entworfen. 



Digitized by VjOOQIC 



72 



Und wirklich ist dieselbe hier in hochdeutscher Sprache 
abgedruckt; soweit sie sich auf Beichte und Absolution 
erstreckt, genau nach dem Rieblingschen Text. Vom In- 
troitus an folgt sie der sächsischen K.-O., doch in freier 
Auswahl des dort Gebotenen. Die Bestimmung inbetreff 
der einstündigen Dauer der Predigt stammt von Riebling, 
ebenso nach der Predigt die Anordnung der Vorbereitung 
zur Abendraahlsfeier. Von den Kollekten nach derselben 
ist nur die erste aus Riebling herübergenommen. 4) „Wenn 
keine Kommunikanten sind." Dieser Theil ist weder aus 
Riebling noch aus der sächsischen K.-O. genommen. Als 
Grund, weshalb hier die Rieblingsche nicht steht, sondern 
eine Vermahnung zum fleissigen Abendmahlsbesuch, wird 
angegeben: Wo das Herz kalt sei, da sei auch die Kom- 
munio weniger geachtet; und aus dieser Ursache „ist vor- 
nemlich die erste gewohnheit geendert worden". Nach der 
ersten nämlich folgte der Predigt die Litaney u. s. w. Um 
aber dem „faulen und kalten" Volke aufzuhelfen, soll jetzt 
die Ermahnung eintreten. Da di« Ausführungen in keiner 
K.-O. vorhanden sind, so wird Riebling der Verfas2?er sein. 

5) Am Nachmittag. Die Anordnung ist eine weitere Aus- 
führung des Artikels „Vesper" in der sächsischen K.-O. 

6) Die besondern Feste; es sind dieselben, wie bei Rieb- 
ling, nur ist das Fest Maria Himmelfahrt „furder gantz 
abgethan". 7) An Werktagen. Die Bestimmungen finden 
sich in Riebling nicht, weichen auch recht oft von der 
sächsischen K.-O. ab, sind also wahrscheinlich von Riebling 
oder Omeken, der auch Bugenhagens Buch „Vom Leiden 
Christi, aus den vier Evangelisten zusammengezogen" für 
Fastenpredigten empfiehlt. 8) Die K.-O. uff den Dörfern 
ist wörtlich aus Riebling herübergenommen. 9) Mess auf 
den Dörfern; vieles ist aus der sächsischen K.-O ent- 
nommen, das übrige stimmt aber auch nicht ganz mit der 
Rieblingschen Ordnung. 10) Sonntag Nachmittag auf den 
Dörfern; die Ausführungen sind zum Theil aus der säch- 
sischen K.-O. 11) Von den 13 Kollekten sind die ersten 9 
aus Riebling, die andern 4 aus der sächsischen Ordnung. 
12) Präfationes sind aus der Ordnung von 1545, doch mit 
Weglassung zweier. 13) Die Vermahnung vor der Kom- 
munio ist ganz neu, obwohl 1545 schon drei Formen sich 
vorfanden. 14) Von der Taufe. Die Anrede ist aus der 
sächsischen K.-O. wörtlich entnommen ; dann folgt Luthers 



Digitized by VjOOQlC 



73 



Taufbüchlein in der verkürzten Form. 15) Von der Noth- 
taufe ist alles wörtlich aus der sächsischen K.-O. entnommen, 
wie auch 16) Von der Beichte und 17) Wie man Kranke 
berichten soll. 18) Bräutigam und Braut zu segnen. Dies 
ist ein Abdruck von Luthers Traubüchlein. Mithin ist 
wohl klar geworden, dass man nicht mit Masch ohne Wei- 
teres sagen kann, Melanchthon habe diesen Theil verfasst. 
Die Anlehnung an Rieblings Messe, ja die Herübernahme 
daraus ist so gross, dass dieser als Arbeiter angesehen 
werden darf. Wie viel Melanchthon „hineingesetzt" hat, 
wie viel die übrigen Mitarbeiter hinzugethan haben, lässt 
sich nicht feststellen. 

Der vierte Theil „von erhaltung Christlicher Schulen 
und Studien" ist nur kurz. Die Einleitung lehnt sich an 
„de scholis" der Wittenberger Reformation an. Der erste 
Theil beschäftigt sich mit den Vorschriften über die Univer- 
sität, welche die Herzöge erhalten wollen, mit tüchtigen 
Personen, Lektion, Ordnung der Studien, Disciplin, Ein- 
kommen, Schutz beständiglich versorgen. Da sie eine be- 
sondere Zier der Kirche ist und „den landen tröstlich", 
so wird die Landschaft, auch die Nachbarn gern Hülfe 
thun. Als Verfasser dieses Theils ergiebt sich wohl Auri- 
faber, der an der Neubegründung der Universität theilnahm. 
Das zweite Stück „Von den Kinderschulen" ist ein aus- 
führlicher Lehrplan, der sich an den Unterricht der Visi- 
tatoren von 1528 anschliesst und zwar zum Theil wörtlich, 
zum Theil abweichende Bestimmungen enthält. Vielleicht 
hat Omeken dieses zweite Stück ausgearbeitet, der ja Ver- 
dienste um das Güstrower Schulwesen hat. 

Der fünfte Theil „Von Unterhaltung vnd Schutz der 
Pastorn, Predicanten und Legenten in der Universität und 
andern Schulen". Die Herrschaft zu Mecklenburg will die 
Kirchengüter nicht zerreissen lassen, sondern dazu erhalten, 
dass „nach Gelegenheit der Stadt und Dörfer daraus der 
Universität und den Kirchen mit gutem Rat zulag geordnet 
werde". Auch die Städte werden zu solchem Werk willig 
sein; für die armen Kirchen aber soll am Freitag eine 
Kollekte abgehalten werden. Dieser letzte Abschnitt geht 
selbstständig vor, obgleich in der Ref. Witt, der Grund- 
gedanke gegeben erscheint. 

So ist die Mecklenburger K.-O. von 1552 auf Befehl 
des Herzogs Johann Albrecht, imter Zusammenwirken 



Digitized by VjOOQIC 



74 

der mecklenburgischen Theologen und unter Mitwirkung 
Melanchthons entstanden, indem die Verhältnisse Mecklen- 
burgs berücksichtigt, aber auch Luthers, Melanchthons, 
Jonas' Schriften mit verwerthet wurden. 



Wir sind dennoch mit der Geschichte dieser K.-O. 
nicht fertig. Es finden sich nämlich verschiedene Aus- 
gaben derselben, deren Entstehung noch in völliges Dunkel 
gehüllt ist.') Sogleich im Jahre 1552 findet sich eine 
zweite Ausgabe, die dadurch schon äusserlich von der 
ersten verschieden ist, dass sie das Mecklenburger Wappen 
nicht führt. Wiggers hat in den Jahrbüchern XVIII, S. 
180 ff. eine Untersuchung angestellt und kommt zu dem 
Resultate, dass beiden Ausgaben kein verschiedener Satz 
zu Grunde Hege, trotz der Verschiedenheiten. Indem wir 
auf Wigger's Untersuchungen verweisen und bemerken, 
dass sich noch mehr Verschiedenheiten finden lassen, als 
derselbe anführt, ist besonders die Abweichung auf S. 1 7 a 
zu betonen. Hier hat B (nach Wiggers die Ausgabe mit 
Wappen) eine viel kürzere Version als A (die Ausgabe 
ohne Wappen). Zwischen den Worten „ewige Seligkeit . . . 
durch diese Verheissung" hat B 11 Zeilen, während A über 
eine Seite hat. Es handelt sich um das Alter des Evan- 
geliums. Während nämlich in B ganz kurz erzählt wird, 
dass zu Adams Zeiten schon das Evangelium gepredigt 
worden ist, steht in A dieser Gedanke ausgeführt da, mit 
der Spitze: Das Evangelium ist nicht eine neue Predigt, 
die vor Christi Geburt nicht gewesen wäre. Dieser Um- 
stand giebt zu denken. Wiggers allerdings meint nur, dass 
nach vollendetem Drucke einer Anzahl von Exemplaren 
die Veränderung vorgenommen und sogleich eine erneuerte 
Korrektur der folgenden Bogen geschehen sei, und muth- 
masst, dass A älter sei, weil, nachdem man die Wappen- 
ausgabe B erst hatte, man gewiss so weiter gedruckt haben 
würde. Ganz das Gegentheil ist meines Erachtens der 
Fall. 500 Exemplare mit Wappen hat Aurifaber bestellt, 
und wie es aus der schon erwähnten Rechnung hervorgeht, 



*) Gern erwähne ich hier der fleissigen Arbeit des jüngst ver- 
storbenen Herrn Dr. Friedr. Latendorf zu Schönberg im Cenlralblatt für 
Bibliothekswesen, August 1898, S. 357—361. Es war mir stets eine 
Freude, mit dem genannten Herrn brieflich Beobachtungen in BetrefT 
der Melanchtboniana in Mecklenburg austauschen zu können. 



Digitized by VjOOQIC 



75 



auch bezahlt (Ausgäbe B bei Wiggers). Ausdrücklich 
heisst es: „Dem formschneider von beiden woppen zu 
schneiden** und „dem Lucas Maler vor zweien wapen m. 
g. h. zu reissen". Dass diese Ausgabe für Mecklenburg 
und nur für Mecklenburg berechnet war, beweist das 
Wappen. Dennoch hat Melanchthon die Mecklenburger 
K.-O. weiter drucken lassen. Schreibt er doch am 10. Sep- 
tember 1552, also bereits 50 Tage nach Fertigstellung der 
Wappenausgabe, an Aurifaber:^) Liber ecclesiarum vestra- 
rum nunc recuditur. Zu welchem . Zwecke er dies that, 
erhellt weiter aus einem Briefe vom 19. Juni 1552, worin 
er dem Peucer die Zustellung eines Exemplars der Mecklen- 
burger K.-O. in Aussicht stellt, und aus einem Briefe vom 
24. Februar 1553*) an den Bürgermeister von Augsburg, 
Johann Baptist Henzel: Vides in Megalburgensi scripto 
comprehendi in forma coenae admonitionem confessionem, 
absolutionem, precationem et gratiarum actionem. Beruft 
sich hier Melanchthon auf die K.-O., die er in der Hand des 
Bürgermeisters weiss, sendet Melanchthon seinem Schwieger- 
sohne Peucer die K.-O., hatte er drittens dem Fürsten 
Georg von Anhalt schon am 30. Juni 1552 einige Seiten 
der noch nicht zu Ende gedruckten K.-O. übersandt, so 
geht schon daraus hervor, für wie wichtig, ja für wie nor- 
mativ er diese K.-O. angesehen wissen wollte. Ist ja doch 
auch diese in verschiedene andere K.-O. übergegangen: 
z. B. in die Kurpfälzische von 1556, die Pfalz-Zweibrücksche 
von 1557, die Braunschweig-Lüneburgsche von 1563, die 
Hessische von 15G6, die Kurländische von 1570, die Olden- 
burgische von 1573, die Hoyasche von 1582.') Wenn aber 
Mecklenburg nur 500 Exemplare bestellt hatte, so musste 
Melanchthon sich selbst Exemplare besorgen, die er ohne 
Wappen herstellen Hess, offenbar, weil sie in nicht mecklen- 
burgische Gegenden gelangen sollten. Chyträus in seinem 
Berichte erwähnt ausdrücklich ausser Landes gemachte 
Abdrücke. In der That hat später Melanchthon die Ord- 
nung mit Weglassung des Namens Mecklenburg drucken 
lassen, z. B. 1559, 1565 „wie es zu Wittenberg und in 
etlichen Chur und Fürstentum, Herrschaften und Stedte 



^) C. R. VII, S. 1067. 

•) C. R. VIII, S. 32. 

») Richter II, S. 178, 195, 2a5, 289, 334, 353, 457. 



Digitized by VjOOQiC 



7fi 

der augsburgischen Confeßion verwandt, gehalten wird." 
Dieses Verfahren Melanchthons erscheint in einem eigen- 
thümlichen Lichte, wenn wir Chyträus hören : „Als im ein- 
gange des 1557 Jars E. f. G. Herr Bruder, aus guter Christ- 
licher wolmeinung, die vnglückselige friedeshandlung zwi- 
schen den Theologen zu Witteberg und Magdeburg fürge- 
nommen, die Artikell der Friedeshandlung von hertzog 
Hans Albrecht ftirgeschlagen gantz widerlich vnd bitterlich 
verhasst waren : da haben Philippus und sein tochtermann 
D. Peucer den namen des hertzogthumbs Meckelburg auff 
dem Titel der K.-O. weggethan, vnd dieselbige forthin in 
der Wittenbergischen Kirchen namen zu drucken befohlen." 
Melanchthon hatte unter dem 9. Dezember 1556 Herzog 
Johann Albrecht aufgefordert, den zwischen ihm und Fla- 
cius schwebenden Streit zu vergleichen. 1557 hatte der 
Herzog seine Abgeordneten gesandt; aber Melanchthon 
nennt die Bedingungen, die Johann Albrecht ihm stellte, 
fast allzu harte. ^) Die Thatsache, dass Mecklenburg eine 
mit vielen andern Kirchen geraeinsame K.-O., und also 
keine eigene hatte, war nach des Chyträi weiterm Bericht 
die Veranlassung, dass die Mecklenburger Ordnung revidirt 
werden sollte. Bei der anerkannten Thatsache aber, dass 
Melanchthon stets an seinen Schriften geändert hat, ist es 
nicht verwunderlich, dass er auch die ursprüngliche Ord- 
nung änderte, zumal da der fortdauernde antinomistische 
Streit in dem locus de lege et evangelio die genauere Fest- 
setzung des Alters des Evangeliums gefordert haben mag. 
Schon in dem Begleitschreiben vom 20. Juli 1552, das der 
Drucker an Aurifaber mitnahm, bittet er, dass alle Froramen 
ihr Urtheil über die K.-O. abgeben raögen; er wolle non 
libenter tStoßouXeuetv. Und ara 10. Septeraber 1552 bekennt 
er seine Aenderungen selbst: Liber ecclesiarum vestrarum 
nunc recuditur, in quo etsi de sententia nihil rautatura est, 
taraen quaedara explicatius recitare conatus sura ut videbis. 
Daraus folgt also, dass ira Septeraber 1552, kaura zwei 
Monate nach der ersten Ausgabe, die zweite, in etwas 
(quaedara) veränderte von Melanchthon herausgegeben 
wurde. Da diese Ausgabe als solche nicht für Mecklen- 
burg bestirarat war, so ist jetzt das Votura von Wiggers 
woiü erledigt, dass ein abschliessendes Urtheil über die 



^) Schröder U, S. 190. 

Digitized by VjOOQIC 



77 

Entstehungsursache der doppelten Rezension von der Auf- 
findung weiterer urkundlicher Nachrichten abhängig zu 
machen sei.^) 

Die dritte Ausgabe der Mecklenburger K.-O. erschien 
im Jahre 1554 zu Wittenberg, ebenfalls ohne Wappen. 
Daraus, und weil sie in den Landtagsberichten nicht er- 
wähnt wird, schliesse ich — gegen Wiggers — , dass sie 
überhaupt in Mecklenburg nicht eingeführt gewesen ist. 
Wiggers allerdings beruft sich auf M. U. L. Unpartheiische 
Prüfung, eine Schrift aus dem Jahre 1739, welche sagt: 
„Anno 1554 ward jetztgedachte K.-O. mit gutem Willen der 
Ritter- und Landschaft revidiret und in Herzog Albrechts I. 
Namen wieder aufgelegt, nachdem darin einige Ender- oder 
Verbesserung in den Lehrstücken wider die Päbstler ge- 
schehen." Aber gerade in dem Wismarschen Vertrag 1555 
heisst es „die von gemeiner Landschaft angenommene K.-O. 
anno 52 ausgegangen." Und im Landtag zu Güstrow, 14 
Tage vor Ostern 1555, will die Landschaft die reformatio 
Johannis Auri Pabri erst zur Hand nehmen; und in der 
Antwort fordert der Fürst, dass sie nach gethaner Verlesung 
anzeigen solle, ob etwas darin zu erinnern sei. Und 1557 
zu Sternberg erinnert man an die noch beim Leben des 
Herzogs Heinrich durch die Gelehrten verfasste der Conf. 
Aug. gemässe Konfession des Landes.^) Mithin ist dieser 
Druck im Lande garnicht autorisirt worden. In den vier 
letzten Theilen findet sich gegen 1552 nur eine Verände- 
rung; an den dritten Theil ist eine Vermahnung inbetreff 
der Ehegelübde und eine Belehrung inbetreff der Bhehinder- 
nisse angehängt, welche sich im Examen ordinandorum zu- 
erst findet. Mit letzterem hat der erste Theil dieser K.-O. 
die grösstmögliche Uebereinstimmung. Deshalb sind die 
'Abweichungen von der K.-O. 1552 weit zahlreicher, als 
Masch und hernach Wiggers meinen. Diese führen nur zwei 
an, ich habe mit leichter Mühe 13 gefunden. Die Zahl 
Hesse sich wohl noch vergrössem. 

In den ersten 4 Lehrartikeln finden sich sechs wesent- 
liche Abänderungen, l) S. 9 b ist die Aussage von der 
ersten Person viel vollständiger als 1552; 2) S. 10 a ebenso 
der Artikel von der zweiten Person; 3) ebenso der dritte 



^) Jahrb. 18. S. 183. 

') Spalding, Landtagsverhandlungen S. 19. 



Digitized by VjOOQIC 



78 

Artikel^ ohne dass abzusehen wäre^ ob irgend ein dogma- 
tischer Gesichtspunkt vorgeherrscht habe. 4) S. 10 b wird 
als Beweis für die Tririität auf die Logoslehre Bezug ge- 
nommen und die Bedeutung der Taufe in Bezug auf die 
Trinität erklärt. Dies fehlt 1552 ganz. 5) S. IIb sind drei 
lange Absätze eingeschoben als Antwort auf die Frage: 
„Warum ist der Sohn Gottes genannt Wort?" 6) S. 12b 
ergeben sich viele Abänderungen in dem Artikel „Vom 
Unterschied christlicher Anrufung und der heidnischen." 
7) S. 13 b ist im Artikel von der Schöpfung eine kleine 
Erweiterung. 8) S. 15 a findet sich eine genauere Erklä- 
rung der Erbsünde, welche auch nicht auf Flacius Bezug 
nimmt. 9) S. 19 a ist gerade so wie in der wappenlosen 
Ausgabe 1552 dieselbe ausführliche Erklärung hinsichtlich 
des Alters des Evangeliums. 10) Vielleicht im Gegensatz 
gegen die Schwärmer ist S. 19b eingefügt: „Die Predigt 
ist nicht ein vergeblich schallen oder fliegende Gedanke." 
11) In der Rechtfertigungslehre ist offenbar im Gegensatz 
zu Oslander eine Reihe von Ausführungen eingeschoben, 
acht an der Zahl, S. 21 a. u. b. 12) Offenbar gegen den- 
selben ist auch S. 25 a u. b neu eingesetzt — wesentliche 
Gerechtigkeit! — 13) Im Abendmahl S. 33a findet sich 
eine unwesentliche stilistische Veränderung, indem das Sub- 
stantiv „der Herr Jesus Christus^ statt des Pronomens „Er" 
wiederholt wird. Ich kann deshalb nur annehmen, dass 
diese K.-O. ein in Wittenberg beschaffter Abdruck der alten 
von 1552 ist, jedoch so, dass die wappenlose Ausgabe zu 
Grunde gelegt ward, nachdem sie von Melanchthon seinem 
examen ordinandorum gleich gemacht war, oder indem 
Melanchthon sein examen 1554 nach dem ersten Theil dieser 
Ordnung separat druckte, je nachdem man die Abfassungs- 
zeit desselben im Jahre 1554 vor oder nach dieser K.-O. 
ansetzen will. 

Die vierte Ausgabe der Mecklenburger K.-O. erschien 
im Jahre 1557, zu Rostock durch Dietz gedruckt, mit dem 
mecklenburgischen Wappen. Es ist die niederdeutsche 
Uebersetzung derjenigen von 1552. Aus dem Vergleiche 
der in Betracht kommenden Stellen ergiebt sich, dass der 
Uebersetzer sich nach der K.-O. von 1554 richtet, ohne 
alle Veränderungen zu adoptiren, welche Melanchthon ge- 
macht hatte. An drei Stellen vielmehr (vielleicht lassen 
sich noch mehr finden) folgt er der Ausgabe von 1552, und 

Digitized by VjOOQIC 



79 



zwar der wappenlosen. Denn S. IIa hat er in der An- 
rufung Gottes die ausführliche Erklärung aus 1554 nicht 
herübergenoramen, sondern sich mit der kürzern von 1552 
begnügt ; ebenso S. 9 b in den Bestimmungen der drei gött- 
lichen Personen. S. 30 b hat er wie 1552 das Pronomen 
„Er" statt des wiederholten Substantivs. Falsch urtheilen 
also Masch und auch Wiechmann,').wenn sie diese Ausgabe 
im ersten Theil derjenigen von 1552 folgen lassen. V^iel- 
mehr besteht durchgehends Uebereinstimmung mit der 
Ausgabe von 1554; S. 12 a ist der Absatz „Wente de ewyge 
Vater — kraflft gegeuen" aus 54; in 52 fehlt er ganz. S. 
13 b richtet sich die Erklärung der Erbsünde nach 54. 
S. 17 a richtet sich die Bestimmung des Evangelii als neuer 
Predigt wohl nach 54 und 52, aber doch nur der wappen- 
losen Ausgabe. Aehnliche Uebereinstimmungen mit 54, die 
52 garnicht sich finden, sind auf S. 1 8 a (Evangelium nicht 
leerer Schall) ; S. 19a (Rechtfertigung des Sünders) ; S. 23a 
(Gottesgerechtigkeit); r23b (Eheverwarnimg); 18b eine kleine 
stilistische Veränderung, die 54 ist, aber nicht 52. Ganz 
neu sind in dieser K.-O. vier Zusätze. S. lila sind zwei 
lange Absätze eingeschoben. Ihr Inhalt zielt auf eine 
strenge Kirchenzucht, dass ein Papist und offenbarer Sünder 
nicht Gevatter stehen soll, auch vom Abendmahl ausge- 
schlossen wird. S. 118b ist ein Artikel „Vom Begreffnisse" 
eingerückt, dass Papisten, Wiedertäufer und ruchlose Ver- 
ächter des göttUchen Worts stille begraben werden sollen. 
S. I23a ist ein Absatz eingerückt „dat man am Sondage 
nene Brudtlacht holden schal." S. 130a ist eingerückt, dass 
der Landesfürst aus den Peldklöstern jährlich „veerdehalff 
dusent gülden" geben wolle; dies ist offenbar zugesetzt in- 
folge der Verhandlungen über die Einziehung der Klöster. 
Wie Wiechmann 1870 zuerst entdeckt hat, existirt 
noch aus demselben Jahre 1557 eine neue Ausgabe der 
K.-O. = die fünfte. Er muthmasst, dass es diejenige ist, 
welche die älteren Litteratoren ins Jahr 1560 setzen, z.B. 
Nettelbladt in succincta notitia: novis typis repetita fuit. 
In der That ist die Abweichung dieser Ausgabe nur ge- 
ring. Nach W. weicht der zweite Druck (B) im Bogen b 
und m von dem ersten Drucke A ab, ohne dass von einer 



*) Wiechmann, Mecklenburgs altniedersächsische Litteratur Bd. 2, 
1870. S. 23. 



Digitized by VjOOQiC 



80 

Textverschiedenheit die Rede sein kann. In der Ueber- 
schrift nämlich stehen bei B die Namen der Herzöge in 
einer Zeile mit Lettern von gleicher Grösse, in A steht der 
Name Ulrich unter dem seines Bruders, und zwar mit 
kleineren Lettern. Auf Blatt b3a Zeile 3 von unten liest 
A ^vnde Confession*^, B verbessert den Druckfehler „un de 
Confession*^. Auf Blatt b Seite 4b Zeile 10 von unten hat 
A „vnde vam tröste der bedröuen Christen", B verbessert 
„um vam tröste der bedröuenden Christen". Andere Druck- 
fehlerverbesserungen finden sich nach Wiechmann besonders 
Bogen m, 6 Stück. W. hält B für einen späteren Druck, 
weil er Druckfehler von A verbessert. Von einer besonderen 
Ausgabe darf man wohl nicht sprechen, indem Hofmeister 
in der Portsetzung des Waschen Werkes darauf aufmerksam 
macht, dass es „Mischexemplare" giebt.^) 

Derselbe hält Freder, den Wismarschen Superinten- 
denten, für den Uebersetzer, nach seinem eigenen Zeug- 
niss. In der Vorrede zu seinem Liber continens u. s. w. 
1562 sagt er: Cum hoc libro in vernacula lingua publicato 
praeclaram confessionem fidei Celsitudines vestrae ediderint 
.... (S. 5) und: Cum autem, illustrissimi et laudatissimi 
principes, hie liber in Megalburgica lingua a me de V. C. 
mandato ante sit conversus et in eadem lingua Vestrarum 
Celsitudinum nominibus editus et vestris ecclesiis sit com- 
mendatus. (S. 8.) Daraus geht zugleich hervor, dass die 
Fürsten die Uebersetzung anordneten. Der nächste Zweck 
war wohl, dem plattdeutsch sprechenden Volke und allen 
Pastoren die K.-O. verständlich zu machen. Wenigstens 
sagt Gryse davon (p. 2): „Ock hebben ere F. Q. derwegen 
de Kercken ordenimg alhyr dorch Ludewich Dietzen in 
dissem Jahre drucken laten up dat ein jeder wo he syk in 
der Lere und Kercken saken Christlik scheide vorhalden, 
eigentlick weten mochte." Dass die K.-O. im Namen 
Albrechts und Ulrichs erlassen ward, erklärt sich daraus, 
dass dieser seit dem 10. Juni 1554 mit seinem Bruder das 
Land getheilt hatte. Nach dem Erbvertrag zu Wismar war 
das Kirchenregiment gemeinschaftlich, nur im Bisthum 
Schwerin hatte Ulrich als erwählter Bischof das Reforma- 
tionsrecht.*) Die Einsätze in dieser K.-O. sind, wie Chy- 



*> Theü UI, 1886, S. 213. 
») Schirrmacher, S. 260, 267. 



Digitized by VjOOQIC 



81 



träus angiebt, von dem durch seine Kirchenzucht in Rostock 
bekannten Hesshus: „Und kurtz zuvor 1556 Dr. Hesshusius, 
als die K.-O. alhie in Meckelburgische spräche vertiret, 
ettliche artikell von der Kirchen disciplin (als das mann 
die Öffentliche Sünder namhafft von der Cantzel auffkün- 
digen, nicht gefattern stehen vnd mit Christlichen cerimo- 
nien begraben sol) hinein geflicket hat, die Philippe nicht 
gefallen/ Daraus würde hervorgehen, dass Melanchthon 
diese Artikel nicht approbiert habe. Allein im Streit gegen 
Drakonites, der den Rostocker Theologen vorwarf, Melanch- 
thon habe jene Sätze nicht gutgeheissen, erklären letztere:^) 
Melanchthon sei die K.-O. vor dem Druck zugeschickt 
worden, und er hätte eigenhändig geschrieben: Judico 
habentes notoria peccata non adraittendos esse ut sint testes 
baptismi et a coena domini plane arcendos esse. Chyträi 
Urtheil muss also zurecht gestellt werden : Entweder gefiel 
es Melanchthon überhaupt nicht, dass man selbständig Ein- 
schaltungen machte, ohne ihn vorher zu fragen; oder er 
war erzürnt, dass man von seinen „Verbesserungen*^ von 
1554 nicht alle angenommen, sondern auf 1552 sich zurück- 
bezogen hatte. 

Die sechste und siebente Ausgabe der K.-O. bilden 
die lateinischen Uebersetzungen derselben von Preder 1562. 
Aus der Vorrede geht hervor, dass Preder sie auf eigenen 
Antrieb verfertigte, damit seine Uebersetzung ein Zeugniss 
der mecklenburgischen doctrina und sura^t a hominibus 
exterarum nationum sein sollte, damit sie nicht allein die 
lutherischen Ordnungen bewundern, sondern selbst zum 
Uebertritt angelockt werden möchten; andererseits will er 
den Latein Lernenden ein Buch an die Hand geben. Dieses 
widmet er den beiden Herzogen, weil ihr erlauchter Name 
das Buch vor Verleumdungen der Papisten sicher stellen 
möchte. Noch in demselben Jahre erschien ein neuer Druck 
mit dem verkürzten Titel: Oeconomia ecclesiastica.*) 



Die K.-O. von 1552 bezeichnet den wichtigsten Port- 
schritt in der Entstehung der mecklenburgischen Landes- 
kirche, sie bringt nicht nur die Lehre und die Ceremonien, 
sie regelt auch die kirchliche Verfassung, sowie ihr Ver- 



') Jahrb. 19, S. 120. 

•) Wiechmann II, S. 151. 



Digitized by VjOOQiC 



82 

hältniss zur landesherrlichen Gewalt. Weil sie letzteres nicht 
enthielt, ist die K.-0. von 1540 nur unvollständig; da die 
Verfassung aber geregelt werden musste, so verstehen wir, 
weshalb gerade der Kanzler Joh. Lukanus, den Chyträus 
in seiner Rede den suasor novae ordinationis nennt, dem 
eifrig rdformatorisch gesinnten Johann Albrecht ihre Nieder- 
schrift anrathen musste. 

In der K.-O. erlangt das Verhältniss der weltlichen 
Gewalt zur Kirche seinen bestimmtesten Ausdruck. Die K.-O. 
geht von der Wichtigkeit des göttlich gestifteten Predigt- 
amts aus. Damit Jesus Christus und die göttliche Lehre 
im menschlichen Geschlecht bekannt wären^ damit öffent- 
liche Versammlungen seien, und die Lehre öffentlich vor- 
getragen werde, hat Gott das Predigtamt eingesetzt (S. 3 a). 
Es ist „ein beleih, das heilig Euangelium zu predigen, 
Sacramenta zu reichen, Sünden zu vergeben, Prediger 
sampt den Kirchen zu ordnen, Sünde zu strafen, allein mit 
Gottes wort*' (S. 59 a). Darum ist es ein „warlich selig 
Kirchenregiment*' (S. 67 a); doch nicht „weltliche macht 
und leiblicher Zwang** (S. 59 b). Darum gehört ihm welt- 
liche Herrschaft ganz und gar nicht zu, die der Herr Chri- 
stus vom Kirchenregiment ausdrücklich unterschieden hat 
(S. 133 b). 

Dem Predigtamt gegenüber wird das Recht der welt- 
lichen Obrigkeit zu kircWichem Handeln festgelegt. „Die 
hochlöbliche Herrschaft im Hertzogthum Meckelnburg ist 
Gott vor allen dingen schuldig vleis zu thun, das in jren 
Landen das heilig Euangelium rein und trewlich gepredigt 
werde u. s. w.** (S. 3 b). Dieser religiöse Beruf der welt- 
lichen Obrigkeit, der „allgemeine Rechtsüberzeugung jener 
Zeit***) war, wird in unserer K.-O. von zwei Seiten her 
näher begründet ; aber nicht ist die Rede von einer Ueber- 
tragung oder Annahme der bischöflichen Gewalt, noch von 
einem seit längerer Zeit geübten kirchlichen Handeln. 
Vielmehr bildet die eine Seite der Begründung der Hinweis 
auf Jes. 49, 23 und 60, 16 „Und die Könige sollen deine 
Nährer sein** (S. 3a und 134a) und Ps. 2 „Und nun, ihr 
Könige, lasst euch lehren**. Daraus wird gefolgert, dass 
Gott der Herr die Regenten ernstlich angesprochen hat, 
zur Erhaltung des Predigtamts treulich Hülfe zu thun. Es 



^) Rieker, S. 133. 

Digitized by VjOOQiC 



83 



ist das dieselbe theologische Begründung, wie sie bereits 
Riebling 1540 und hernach Omeken 1557 für das Visita- 
tionsrecht der weltlichen Gewalt geben. Ersterer weist 
darauf hin, dass schon Adam, Josua, Samuel, David, Sa- 
lomo, Josaphat, Ezechias, Josias für den rechten Gottes- 
dienst gesorgt haben. ^) Und letzterer Hess sogar ein Buch 
erscheinen „Von der Visitation nödige vnderrichtinge*' und 
beweist, dass die Fürsten immer das Recht dazu gehabt 
haben. Allerdings ein göttliches Recht des landesherrlichen 
Kirchenregiments damit zu erweisen, lag diesen Männern 
fern. Die andere Seite der Begründung für den religiösen 
Beruf der weltlichen Obrigkeit ist von der custodia tabulae 
utriusque hergeleitet, nimmt also Bezug auf die Meinung 
der mittelalterlichen Kirche, als ob der Staat nur die tem- 
poralia zu besorgen habe. Letztere Anschauung wird aus- 
drücklich zurückgewiesen. „Das Ampt der weltlichen Re- 
gierung ist Gottes Ordnung, ein gut werck*^ (S. 62 a). Sie 
soll über das Gesetz wachen zur Erhaltung äusserlicher 
Zucht; aber das ist nur ein „stücklin vom Ampt*'; sie soll 
auch über Abgötterei wachen und rechte Lehre pflanzen; 
kurz „die Oberkeit soll beide tafeln der Zehen gebot, Gott 
zu ehren, in erhaltung eusserlicher zucht, handhaben, mit 
ernstlicher Execution" (S. 63 a). Es ist das ja die Lehre 
der Reformatoren, die dem sich erweiternden Staatsbegriff 
entsprach, wie dieselbe Agrikola dem Johann Albrecht einst 
nahe gelegt hatte: Principes sunt non tantum secundae, 
sed primae etiam tabulae custodes, ut per eos floreat eccle- 
sia et politeia.*) Aber diese Gewalt ist nach zwei Seiten 
hin eingeschränkt: Einmal soll sie nicht eigne Lehre oder 
Interim oder Grottesdienst aufrichten, ausser Gottes Wort. 
Das ist der Grund, warum in der K.-O. als ein erster Theil 
die Darlegung der Lehre erscheint, welche „die einige 
ewige ist, die in Propheten und Apostel Schrift gefasst ist, 
in dem Verstand der ökumenischen Symbole, mit dem 
Luthers Katechismus, sein Bekenntniss vom Abendmahl, 
sowie die Conf. Aug. von 1530 übereinstimmen." (S. 64a.) 
Der Landesherr bestimmt also nicht den Bekenntnissstand 
seines Landes, das ist vielmehr das durch Reichsgesetz seit 
1555 geregelte Recht der Landesherrschaft, sondern für 



^) In seiner Anrede an den Rat zu Wismar, Schröder l, S. 361. 
•) Gedruckt Jahrb. 8, S. 59. 

Digitized by VjOOQiC 



84 



letztere pebt es nur eine Wahrheit, die wahre Lehre der 
K.-O., und somit eine Pflicht, für diese zu sorgen. Die 
zweite Einschränkung liegt in den Worten : „Es sol auch 
die Oberkeit selb gleichförmig leben göttlichen Gesetzen." 
Die Obrigkeit ist also schuldig, für das Evangelium zu 
sorgen ; darum muss sie auch den Irrthum strafen und be- 
seitigen. Johann Albrecht wendet dieses Recht selbst an 
im Stifte zu Schwerin, als Ulrich durch die Kapitulation 
sich gebunden glaubte, ebenso in Lübz gegen seine Mutter, 
in Dobbertin, Kibnitz, Rostock u. a. An seine Mutter 
schrieb er am 23. März 1567:^) Er erkenne seines von 
Gott ihm befohlenen Amtes halber sich für schuldig, seine 
Unterthanen mit dem allein selig machenden Worte Gottes 
versorgen zu lassen. Es ist also der religiöse Standpunkt, 
den der Herzog einnimmt, nicht der formal juristische, der 
erst 1555 für die Fürsten in ihrem Verhältniss zum Reiche 
festgelegt ward. Der Herzog will auch nicht mit seinem 
Lande sich isoliren, sondern es wird (S. 64 b und S. 4 a) 
ausdrücklich betont, dass man Eintracht zu halten begehrt 
mit den Kirchen der sächsischen Lande, als zu Lübeck, 
Hamburg, Lüneburg und anderen dergleichen, wo die reine 
Lehre ebenso verkündigt wird. 

Aber welche Geltung hatte die K.-O.? Von dieser 
Frage wird die Bestimmung der Grenzen abhängen, inner- 
halb deren die mecklenburgische Landeskirche sich aus- 
breitete. Die K.-O. erschien 1552 nur in Johann Albrechts 
Namen, erst 1557 ist sie auch in Ulrichs Namen ausge- 
gangen. Aber seit dem Tode Herzog Heinrichs 1552 be- 
standen Irrungen wegen der Regierung zwischen Ulrich 
und Johann Albrecht. Ausserdem behaupteten die beiden 
Bisthümer Schwerin und Ratzeburg wenigstens in ihren 
Stiftsländern ihre eigenthümlichen Rechte. Allein erstere 
wurden durch den Wismarschen Vertrag beigelegt, 1555, 
nach welchem das Kirchenregiment von beiden Fürsten 
zugleich bestellt wird; beide wollen Kirchen und Schulen 
mit gottesfürchtigen Männern zu versorgen t leiss haben ; 
beide wollen nach der K.-O. von 1552 eine Visitation an- 
stellen. 2) In demselben Vertrag ist auch das Verhältniss 
zu Ratzeburg und Schwerin bestimmt. Für seinen zum 



Jahrb. 22, S. 177. 

Gedruckt bei Gerdes, S. 190. 



Digitized by VjOOQIC 



85 



Bischof von Ratzeburg erwählten Bruder Christoph hatte 
Johann Albrecht am 3. Oktober 1554 die Verwaltung ange- 
treten und sich anheischig gemacht, das Stift apud sedem 
catholicam zu vertreten.^ Indem in dem Revers von Be- 
stimmungen über den Konfessionsstand nichts enthalten 
ist, liess sich das Domkapitel die Herrschaft Johann Al- 
brechts gefallen. Und im Wismarschen Vertrag wird es 
demselben anheimgegeben, „zu befördern und fortzusetzen 
Bestellung, Verordnung und Unterhaltung des Kircheiiregi- 
ments." Das war im Sinne der evangelischen Lehre ge- 
meint und auch so durchgeführt; denn als 156t die päpst- 
liche Konfirmation Christophs*) eingeholt werden sollte, 
hatte man nur geringe Hoffnung auf die Erlangung der- 
selben, weil man nicht mehr antiquae religionis sei. Den- 
noch kam erst 1Ö66 der Beschluss des Kapitels zustande, 
die alten Ceremonien abzuschaffen, imd erst 1589 wurde in 
der 'Visitation die Annahme der Mecklenburger K.-O. be- 
schlossen, nachdem bei der Visitation von 1581 sich heraus- 
gestellt hatte, dass einige nach der Mecklenburger, andere 
nach der Holsteiner und andern Ordnungen sich hielten.') 
Im Schweriner Stift hatte Ulrich geschworen, „den Ritus 
und die Ceremonien der katholischen Kirche zu wahren*', 
und da das Kapitel das Mitaufsichtsrecht über alle geist- 
liche Angelegenheiten hatte, so waren Ulrich die Hände 
gebunden. Er musste vielmehr protestiren, als Johann 
Albrecht am 27. Juli 1553 den Befehl zur Visitation der 
Domkirche zu Schwerin gab, da nach den Worten Johann 
Albrechts „unser Bruder den Pfaffen verpflichtet ist." Allein, 
als die päpstliche Bestätigung auf sich warten liess, erlangte 
Ulrich trotzdem die Huldigung. Im Wismarschen Vertrag 
übernahm er die Verpflichtung, das Kirchenregiment im 
Stifte seinerseits zu bestellen und, sofern es ohne Verletzung 
seines Eides geschehen konnte, die untüchtigen Personen 
abzuschaffen, damit nichts anders gehalten würde, als was 
der Conf. Aug. gemäss und dem Mecklenburgischen Bekennt- 
niss von 1549 gleichförmig sei. Und bereits 1557 ordnete 
er selbst die Visitation der Stiftskirchen an, da die Kapi- 
tularen, denen er durch seinen Eid verpflichtet war, selbst 



*) Masch, S. 504 u. 522. 
" Ebenda S. 509. 

Masch, S. 522, 525, 528. 



? 



Digitized by VjOOQIC 



86 



lutherisch geworden waren. Allerdings jene Bestimmung 
von der katholischen Religion wurde auch dem Wortlaute 
nach erst 1568 aufgehoben, als die Kapitidaren ihre Pflicht, 
für das Kirchenregiment zu sorgen, dem Bischöfe abtraten. 
Als das Stift am 21. Oktober 1561 für reichsunmittelbar 
erklärt wurde, erlitt sein Verhältniss zu Mecklenburg auf 
kirchlichem Gebiete nur insofern eine Veränderung, als es 
seinen eigenen Superintendenten bekam. So lassen sich 
beide Stifte mit ihren Gebieten als Theile der Mecklen- 
burgischen Landeskirche betrachten, allerdings selbständige 
Theile, da sie ihre eigenen Administratoren und diese wieder 
ihre Superintendenten, bezw. Konsistorien hatten.*) 

Die K.-O. von 1552 ist von den Ständen des Landes 
angenommen worden. In der That, ist es der Beruf der 
weltlichen Obrigkeit, für das Seelenheil der Unterthanen 
Sorge zu tragen,*) so ist die Landesobrigkeit als solche es, 
welche zu kirchlichem Handeln in ihren Gebieten beAifen 
ist. Der Landesherr kommt also nicht in Betracht als 
Person, sondern als Träger der landesobrigkeitlichen Gewalt. 
Darum sind, wie bei allen Landesangelegenheiten, die 
Stände betheiligt, die rechte Religion ist Landeseache. 
Zwar die Sorge der Landesobrigkeit für die Religion ergab 
sich nach mittelalterlichem Begriffe nicht schon aus der 
landesobrigkeitlichen Stellung. Erst im Reformationszeit- 
alter ist sie ein wesentlicher Theil des obrigkeitlichen Be- 
rufes, also nicht der Person als solcher. Nur wo und seit- 
dem der Religionsfriede zu Augsburg 1555 so ausgelegt 
ward, als ob den Kurfürsten und Ständen augsburgischer 
Konfession das ius episcopale übertragen wäre, wie es dem 
territorialistischen Systeme eigen war, konnte, es kommen, 
dass der Landesfürst die Stände von der kirchlichen Mit- 
regierung ausschliessen wollte. In Mecklenburg hatten sich 
noch zu Albrechts Zeiten die Städte Malchin, Neubranden- 
burg, Friedland und Rostock, wie gezeigt ist, bereits an 
die Stände gewandt, um Schutz gegen Albrecht zu er- 
langen. 1538 hatte Magnus seine Bitte um eine K.-O. den 
Fürsten und den vornehmsten Räthen der Landschaft vor- 
getragen. 1549 waren zur Berathung über das Interim die 
Stände zu Stemberg anwesend, und in den Landtagen der 



') Jahrb. 49, S. 166, 214, 250, 160, 251, 253, 254. 
') Rieker, S. 133. 



Digitized by VjOOQiC 



87 _ 

fünfziger Jahre versichert Johann Albrecht, die Landschaft 
bei der neuen Religion zu beschützen, „da die gemeine 
Landschaft sich mit Serenissimo wegen der Antwort ver- 
glichen hat". Zwar beklagen die Stände, dass der Prälaten- 
stand nicht mehr vorhanden ist, aber dennoch bitten sie 
um eine vollständige Durchführung der Reformation. Der 
Fürst übergiebt ihnen die K.-O. zur Berathung, dass „sie 
nach Verlesung derselben anzeigen, ob etwas darin zu er- 
innern oder zu verbessern sei*^, ebenso die Instruktion zur 
Visitation. Und im Wismarschen Vertrag heisst es von der 
K.-0. ausdrücklich, dass sie von der Landschaft angenonunen 
worden sei. Indem also und soweit die Landstände die 
kirchlichen Interessen des Landes vertreten, ist die Landes- 
kirche auch nach dieser Richtung hin entwickelt. 

Auf die kirchliche Verwaltung ninunt die K.-O. in- 
sofern Bezug, als sie die Errichtung eines Konsistoriums 
verheisst, weil „ein grosser Unterschied zwischen weltlichen 
Gerichten und Strafen und Kirchengerichten und Strafen*^ 
sei (S. 72a). Eine eigentliche Konsistorienordnung wurde 
erst 1570 veröflFentlicht und das Konsistorium am 27. März 
1571 eröffnet. Das Institut der Visitationen wird in der 
K.-0. ausdrücklich beibehalten und eine allgemeine In- 
struktion gegeben. An denselben waren hervorragend die 
Superintendenten betheiligt, ja sie bildeten die Aufgabe 
der letzteren, deren Zahl nach und nach vermehrt wurde, 
bis sie 1571 in der Superintendentenordnung bestimmt 
wurde. Was die Bedeutung dieser Aemter für die Landes- 
kirche und das landesherrliche Kirchenregiment betrifft, so 
würde die nähere Ausführung zu weit von unsern K.-O. 
uns abführen ; es genüge der Hinweis auf Rieker, mit dem 
Dieckhoflf (Die Anfänge des landesherrlichen Kirchenregi- 
ments, Theol. Zeitschrift 1863, S. 682 ff.) übereinstimmt.^) 



^) Zur Geschichte des Konsistoriums vergl. D. Otto Mejer „Zum 
Kirchenrechte des Reformationsjahrhunderts^^, Hannover 1891. Zweite 
Abhandlung, S. 87 ff. Das erste Erachten für eine Konsistorialordnung 
stammt aus dem Jahre 1562, ein zweites aus 1564, ein drittes aus 1567, 
das vonHusanus 1569 iikberarbeitet wurde (S. 96, 107, 116, 118; Merkel, 
Heinrich Husanus, S. 176). Man vergl. auch Mejers Schrift: „Kirchen- 
zücht und Konsistorialcompetenz nach' Mecklenburgischem Rechte," 
Rostock 1854, S. 9 ff., sowie die „Grandlagen des lutherischen Kirchen- 
regimentes", Rostock 1864, S. 149. Das Verhältniss Rostocks zum landes- 
herrlichen Kirchenregiment behandelt Dr. Hugo Böhlau in seiner als 
Manuskript gedruckten Festschrift „Zur Konsistorial- Kompetenz des 



Digitized by VjOOQIC 



88 



Nach beiden ;,fand in der Einrichtung der Konsistorie» 
als kirchlicher Behörden im Unterschied von den politischen 
Behörden des Landesherrn die Selbständigkeit des in die 
Hand des Fürsten gekommenen Kirchenregimentes ihren 
organisch befestigten Ausdruck".^) Und das Superinten- 
dentenamt ist das rein innerkirchliche Organ des Kirchen- 
regimentes, seine Thätigkeit allein aufs Wort eingeschränkt, 
in seiner Autorität getragen durch den Landesherrn, aber 
keine Behörde desselben, sondern ein selbständiges kirch- 
liches Amt.*) 

Die K.-O. giebt endlich auch die Bestimmungen über 
das Kirchengut. Die Unkost der Visitatoren soll aus den 
Klostergütern genommen werden (S. 75 a). Die Obrigkeit 
will die Räuber, welche den Kirchen die Güter entziehen, 
in Strafe nehmen. Denn die Herrschaft will dieselben nicht 
zerreissen lassen, sondern dazu erhalten, dass der Univer- 
sität und den Kirchen Zulage verordnet würde (S. 133). 
Ausdrücklich wird auf das kanonische Recht Bezug ge- 
nommen, dass das kirchUche Stiftungsgut seinen kirchlichen 
Charakter nicht verlieren dürfe; unter letizterem befasste 
man dem Geiste der Zeit entsprechend auch die Unter- 
haltung von Hospitälern und Hülfe für die Armen. Die 
Kirchengüter werden also nicht als bona vacantia ange- 
sehen. Obwohl das Kirchengut zum landesherrlichen Gut 
eingezogen war, so empfing dasselbe durch die K.-O. und 
ebenso durch den Wismarschen Vertrag seine von der Per- 
tinenzqualität des sonstigen Stammguts abweichende Per- 
tinenzqualität; und im Ruppinschen Machtspruch 1556 wird 
ausdrücklich bestimmt, dass jährlich vierthalbtausend Gul- 
den für die kirchlichen Zwecke der Universität angewiesen 
sein sollen; eine Bestimmung, welche auch in die K.-O. 
von 1557 Aufnahme fand. 

So ist eine mecklenburgische Landeskirche fertig ; eine 
Landeskirche neben vielen andern, mit denen sie „Eintracht 

Landesherrn in Rostock/' Weimar 1881. Die Stadt Rostock nämlich 
hatte seit 1557 einen eigenen Superintendenten und seit 1566 auch ein 
eigenes Konsistorium und forderte iurisdictio omnimoda. Durch die 
Erbverträge von 1573 und 1584; wurden die darüber mit den Herzogen 
entstehenden Streitigkeiten einstweilen beigelegt; man vergl. jedoch das 
Verhalten des Rathes zur Publikation der Kirchenordnung im Jahre 
1603, gegen den Schluss der Abhandlung. 
" Rieker, S. 170. 
Dieckhoff, S. 719. 



T 



Digitized by VjOOQiC 



89 



Äu halten begehrt" ; aber auch eine ausschliessliche Landes- 
kirche^ sofern Andersgläubige nicht geduldet werden.^ Durch 
ein besonderes Mandat der beiden Herzöge vom 13. Januar 
1660 ward noch einmal auf die Verpflichtung zur Erfüllung 
der K.-O. hingewiesen, den Widersetzlichen aber die Aus- 
wanderung anbefohlen.^) 

1569 bekam Chyträus den Auftrag einer neuen K.-O. 
Als ersten Grund giebt letzterer in seinem Bericht selbst 
an, dass die K.-O. von 1552, „nicht mer der hertzogen zu 
Meckelnburg allein und eigene kirchenordnung" ist, weil 
ja Melanchthon die Ordnung mit Weglassung des Namens 
Mecklenburg in der Wittenberger Kirchen Namen gedruckt 
hatte. Darum habe Johann Albrecht mündlich ihm auf- 
getragen, „ein besondere vnd eigene K.-O. für das hertzog- 
thumb Meckelburg zu entwerflfen". Ein zweiter Grund zur 
Abfassung einer K.-O. lag in den dogmatischen Streitig- 
keiten der damaligen Zeit, welchen gegenüber die K.-O. 
von 1552 keinen Anhalt hinsichtlich scharfbegrenzter Lehr- 
bestimmung bot. Dies musste um so mehr verraisst werden, 
als etliche Hofräthe, Jonas und Bouke, der zweideutigen 
Richtung zugethan waren. Es lag mithin das Bedürfniss 
vor, die K.-0. um die Erklärung jener streitig gewordenen 
Artikel zu erweitern. Aber wie? Wenn die K.-O. von 
1552 für nicht mehr geeignet gehalten wurde! Man war 
in einen persönHchen Gegensatz zu Melanchthon gekommen, 
man hatte sich in allen theologischen Fragen gegen seine 
Partei erklärt. Im Jahre 1584 klagt Chyträus: In der 
mecklenburgischen K.-O. sind etliche Artikel der Lehre mit 
beidenhändischen zweizüngigen Worten also meisterlich auf 
Schrauben gesetzt,^ dass beides. Lutherische und Kal- 
vinistisehe, dieselben Worte zugleich annehmen und unter- 
schreiben et sie Vera dicendo ambos fallere possint. Wie- 
wohl nun dieser Grund erst 1584 geltend gemacht erscheint, 
so entspricht er doch bereits den Verhältnissen des Jahres 
1569. Hatte doch der Herzog in der Antwort auf den 
Frankfurter Rezess ausdrücklich bemerkt, wie sehr ihm 
zweideutige Bestimmungen zuwider wären, und hatte be- 
stimmte Erklärungen gefordert 1 So hat denn Chyträus — 
nach seinen eigenen Worten — die Einleitung einer K.-O. 
dem Fürsten emgereicht, die ihm gefiel. 

in der Registratur des Min. EccL Rost Tom. XII, S. 9—11. 

Digitized by VjOOQlC 



90 

Dass die angeführten Gründe für die Abfassung einer 
neuen K.-O. die rechten sind, ergiebt sich aus dieser Vor- 
rede.^) Da heisst es: ^^Nachdem viele hochlöbliche christ- 
liche Fürsten in unserer Nachbarschaft und anderswo ihre 
Christlichen K.-0. verneuert haben, und innerhalb dieser 
Zeit von vielen hochwichtigen Artikulen Christlicher Lehre 
ganz ärf^erliche Uneinigkeit erwachsen sind^. Als Datum 
der Ablieferung dieser Einleitung zur K.-O. ergiebt sich 
das Jahr 1570. Im Bericht nämlich sagt Chyträus „schon 
lang vor 30 jaren". Das würde auf das Jahr 1569 führen/ 
wo Chyträus den Auftrag bekam. Aber er ist erst 1570 
fertie; denn er spricht von der alten K.-O., die vor 
18 Jahren ausgegangen ist: 1552 + 18 = 1570. Erst im 
nächsten Jahre empfing Chyträus den Auftrag, auf Grund 
dieser Einleitung die K.-O. selbst in Angriff zu nehmen. 
Denn in einem Briefe an Johann Albrecht von 1572') 
nennt er als das Jahr des herzoglichen Auftrages „superior 
annus", also 1571. Man geht in der Annahme wohl nicht 
fehl, dass der Auftrat bei der Eröffnung des Konsistoriums 
ertheilt wurde, 27. März 1571. Denn einmal ist Chyträus 
an der Eröffnung desselben hervorragend betheiligt ; sodann 
heisst es ausdrücklich in dem Briefe, Chyträus solle formam 
doctrinae nicht nur, sondern auch totius administrationis 
ecclesiarum beschreiben in libro, qui ecclesiarum ordina- 
tionem complecteretur. Noch 1599 ist es das Bestreben 
der Revisoren, die Konsistorialordnung in die K.-O. hin- 
einzuarbeiten. 

Aus demselben Briefe geht auch noch einmal aus- 
drücklich hervor, dass die dogmatischen Streitigkeiten die 
neue K.-O. veranlassten. Chyträus soll die forma doctrinae 
fassen imprimis de praesentibus dogmatum controversiis, 
quae aliarum regionum ecclesias et politias horribiliter per- 
turbant, aber als perspicuas et explicalas sententias, jedoch 
sine Ulla personarum mentione aut condemnatione — ganz 
wie es dem Standpunkt Johann Albrechts gelegentlich des 
Frankfurter Rezesses entsprach. 

Nach seinen eigenen Worten im Bericht hat Chyträus 
nur die Vorrede an Johann Albrecht eingereicht. In dem 
genannten Briefe von 1572 sagt er, dass er fast mit seiner 



=! 



Im Archir zu Schwerin. 
Epistnlae Chytraei, S. 1074. 



Digitized by VjOOQiC 



91 

fanzen Arbeit fertig sei, nur wäre er einstweilen durch ein 
'amilienfest an der Arbeit verhindert. Schütz (vita Chy- 
traei ET, S. 232) und nach ihm Wiggers (Kirchengeschichte 
S. 172) nehmen nun an, Chyträus habe die K.-O. fertig 
eingereicht. Allein Chyträus sagt im Bericht: ,jAls her- 
nach bey Ir. f. G. ich, durch den frommen Man, Pridrich 
Spe vnd seinem Eidam in vngnade gebracht : ist alles biss 
vff Ir. f. G. seligen Abschied liegend geblieben**. Jeden- 
falls als 1599 Chyträus seinen Bericht einreichte, hatte 
Ulrich weder die an Johann Albrecht eingereichte Ein- 
leitung bei den Akten, noch die ganze K.-O., welche Chy- 
träus ihm erst zusenden muss. Wenn nun schon Schütz 
a..a. 0. und nach ihm Nettelbladt, Succ. not. p. 127, be- 
haupten, dass die K.-O. von 1572 im Archiv zu Schwerin 
sei, so ist das ein Irrthum. Eis ist allerdings eine K.-O. 
da, aber die von 1585, auf die wir noch zu sprechen 
kommen. Dagegen ist es wahrscheinlich, dass Chyträus 
seine Arbeit für die K.-O. verwerthete, welche er für die 
österreichischen Stände stellte und zu Rostock drucken 
Hess: Der Pümemsten Heubstück Christlicher Lehr Nütz- 
liche und kurtze Erklerung. Rostock 1578. Darauf scheinen 
die Worte der 1585 versammelten Superintendenten zu 
weisen, dass nämlich Chyträi designation hernach in andern 
Oertem gebraucht sei. Jedenfalls ist zu Johann Albrechts 
Lebzeiten eine neue K.-O. in Mecklenburg nicht erschienen. 
Inzwischen betheiligte sich Mecklenburg hervorragend 
an den Vorarbeiten zur Pormula Coucordiae, welche be- 
sonders Chyträus leistete. Von diesen wurde die K.-O. 
mitberührt. War doch ihr erster Theil von Melanchthon 
mitverfasst; war sie doch noch unberührt von den Kämpfen 
nach Luthers Tode, die auch in Mecklenburg eingedrungen 
waren I Musste doch auch schliesslich die Landeskirche 
neben den mit andern Kirchen gemeinsamen Symbolen ein 
eigenes Buch haben, daraus ihre Glieder und sonderlich die 
Pastoren in aller Kürze sich belehren konnten I Dass diese 
Erwägungen zutreffend sind, ergiebt sich sofort. Als die 
Supenntendenten nach Rostock zur Begutachtung des 
Torgauschen Buches gefordert wurden, wurde ihnen zu- 
gleich aufgetragen, die Verbesserung der Kirchenagende 
vorzunehmen. In der Antwort an Ulrich vom 16. Oktober 



^) Gedruckt bei Schütz, Appendix, S. 4:8. 

Digitized by VjOOQIC 



1576^) berichten Sie jedoch, dass sie wohl ^von allen 
stücken, so zu einer gantzen und vollkommenen Christ- 
lichen K.-O. gehören, fleißig sich unterredet und verglichen 
haben"; sie müssten aber die Bedenken der beiden ab- 
wesenden Superintendenten von Güstrow und Wismar erst 
erfordern. „Sobald etwas davon schrifflich gefasset und 
zusammengebracht, wollen sie weiter davon unterthänigst 
berichten." Der Bericht sowie die weitere Arbeit ist aus- 
geblieben, theils weil man, und besonders Chyträus, mit 
der Eintrachtsformel genug zu thun hatte, theils weil ge- 
rade der Wismarsche Superintendent wegen der Unter- 
schrift zur Formel in langwierige Auseinandersetzungen 
verwickelt wurde, die zu seiner Absetzung führten. Auch 
dieser zweite Anfang zur neuen K.-O. blieb ohne Erfolg, 
erst der fünfte sollte zu der K.-O. von 160:^^ führen. 



Am 17. November 1584 erliess Ulrich an Chyträus 
und seine Superintendenten einen neuen Befehl: i) An 
Bokatz, Superintendent zu Parchira, an Chyträus, sowie an 
die Superintendenten zu Rostock, Güstrow, Stargard. Vnsern 
gnedigen gruss Zuuor. Windiger vnd Wolgelarter lieber 
Andechtiger vnd getreuwer. Wir machen vns keinen 
Zweififell, Ihr werdet euch gehorsamlichen Zu erinnern 
wissen, das ofiftmalß in beratschlagung kirchen suchen, in 
vnsern Landen vorgelaufifen, das in etzlichen Artickeln vnd 
Puncten in vnser Kirchenordnung noch allerhandt men^ell 
vnd vnrichtigkeiten seinn sollen, welche einer Reuision, 
vnd Verbesserung benotigt. Dahero wir vns dan auch 
etzliche mahl in gnaden erbotten. Dieselbe vor die handt 
Zu nehmen, vnd in notigen Puncten Zu ercleren vnd ver- 
bessern. Sonderlich Weill wir auch vnder andern, offt vnd 
viel befunden, das etzliche Predicanten, in Steten vnd auff 
den Dorffern, sich derselben vnd Ihres beuolenen Ambts 
merklichen missbrau6hen, Vnd do die Leute Ihnen nicht 
baldt Ihres gefallens wilferen wollen, oder sie sonst aus 
gefasten vnwillen, eigenen Afifecten vnd Rachgeirigkeit, 
den Leuten nicht gewogen, Sie sich vnderstehen, Ihres 

gefallens, Ihnen die heiligen Sacramenta, des Leibs vnd 
luts Christi vnd heiligen Tauff Zu verbieten. Auch zum 
Beichtstule nicht zu gestaten, vnd also Ihre Scharten an 



*) Im Archiv zu Schwerin. 

Digitized by VjOOQiC 



93 



Ihnen auszuwetzen, Do sie doch nicht herrn der Sacramenta, 
vnd Gottes wordts sein, Sondern Diener der Kirchen vnd 
Ministerij Evangelici, wie Ihrer einsteilß den auch hin vnd 
wieder ganz ergerlichen wandell vnd Leben fueren, mit 
Sauffen, fluchen, Hurerei vnd anderen hochstrefflichern 
wesen vnd Lasteren, Welches alles wir dan einer guten 
Emendation vnd Correction nottig sein erachten. Wan vnß 
aber allenthalben nicht bewust. In wasserlei stucken ge- 
dachte vnsere Kirchenordnunge fernere Reuision vnd Ver- 
besserunge benottigt, Ihr aber, Die Ihr vor vnd vor, in 
Visitationibus vnd anderen Kirchen vnd Kirchen Diener 
Sachen damit umbgehet, Solche mengell sonder Zweiffei 
woll werdet in specie auffgemerket haben. Auch ferner 
denselben notturfiTtigk nachdenken könnet, Demnach so be- 
geren wir hiemit in gnaden, Das Ihr solche vnsere Kirchen- 
ordnung furderlichen Vornehmet, Sie in allen vnd Jeden 
Ihrer Inhaltenden Artikeln vnd Puncten mit Vleiß exami- 
niret, vnd erweget. (Inmassen wir dasselbe den andern 
vnsern Superintendenten auch zu thun beuolen) Vnd dar- 
neben auch. Was Ihr sonsten derselben Zu abschaffunge 
alles hochergerlichen vnd straff baren wesens in den Kirchen, 
Auch bei den Kirchen Dienern vnnd sonsten Zu Insinuieren 
nottig sein erachten werdet. In Vleissig nachdencken Ziehet, 
vnd in Acht nehmet. Und also alle mengell neben euwerm 
Rhatlichen gutachten vnß schriflTtlich verzeichnet furder- 
lichen Zuschicket, damit wir es bei vns auch gnedig er- 
wegen, vnd dan nach gehabtem Rhat Darauff viellgedachte 
vnsere Kirchenordnung Reuidiren, Verbessern, vnd Refor- 
miren moegen, Vnd also alles in vnseren Kirchen, in vn- 
sern Landen, Richtigk, Gottseligk vnd Christlich zugehen, 
vnd hinfuro gehalten, Dargegen aber alle ergerliche miss- 
breuche, Leben vnd Wandell, bei NamhaflTten vnd ernsten 
straffen muege gewandelt vnd abgeschaffet werden. Daran 
erstatet Ihr vnsern Zuuorsichtigen willen vnd meinung. 
Vnd wir seint euch mit gnaden gewogen. Datum Stargard, 
den 17. Nouembriß anno etc. 84. 

Das Neue in diesem Befehl ist einmal, dass nicht die 
unsichere Lehrfeststellung der K.-O. als Grund der neuen 
Ordnung genannt wird, sondern dass vielfältige Missbräuche 
und Laster eingerissen sind, welche verhütet werden müssen. 
Sodann ist nicht mehr von einer Neuarbeit die Rede, 
sondern nur von Revision, Verbesserung und Reformation« 



Digitized by VjOOQIC 



Allerdings werden „allerband mengel vnd Unrichtigkeiten^ 
erwähnt, die in der K.-O. sein sollen ; es ist also der schon 

1569 geltend gemachte Grund noch nicht ganz aufgegeben. 
Die -^beit der Superintendenten ging nur langsam von 
statten. Denn am 7. Dezember 1585 mahnt Ulrich bereits^) 
„dieweil ims bis dahero ewer Bedenken noch nicht zu- 
kommen und wir gleichwohl dies christlich nötige Werk 
soviel möglich gern befördert sehen möchten". Die Super- 
intendenten, die wegen des Kirchengerichts auf Sonntag 
Laetare doch in Rostock wären, sollten dann sogleich ans 
Werk gehen ; dispensirt ist nur der Stargardsche wegen 
hohen Alters. Nunmehr schritt die Arbeit rüstig vorwärts. 
Am 25. März 1585 sandten sie das „Bedenken" an Ulrich 
ab.*) Auf dieses gehen die Worte Ohyträi im Bericht:*) 
„Da wir semptlich E. P. 6. vnterthenig ^rinnert, das E. 
P. G. keine eigene K.-O. für sich allein in so vielen jaren 
gehabt vnd das in der Meckelburgischen, nun mit andern 
stenden gemeinen K.-O. etzliche artikell der lehre mit 
beidenhendischen zweyzungigen Worten also meisterlich 
uif schrauben gesetzt, das beides, Lutherische und Cal- 
vinische Lerer dieselbige wort zugleich annemen vnd 
vnterschreiben vnd ihre widerwertige lehre vnd meinung 
Darunter verthedigen vnd vortpflantzen et sie vera dicendo 
ambos fallere possint u. s. w.^ Man sieht, es sind die- 
selben Worte, welche Chyträus bereits in seiner Vorrede 

1570 gebraucht hat. . 

Der erste Theil des Bedenkens möge hier wörtlich 
folgen. Nach einem Dank an den Pursten fär seinen Befehl 
und Bekenntniss ihrer Dienstwilligkeit fahren sie fort: 

„Zum anderen Sollen E. f. g. wir unterthenig nicht un- 
erinnert lassen, das gegenwertige E. f. g. Meckelburgische 
K.-O. für etzlich vnd Zwanzigk Jharen von denen zu Witten- 
berch in ihrem eigenen Nhamen alß die Wittenbergische vnd 
Churfurstliche Sechsische K.-O. etzlichemhall vmbgedrucket 
ist, darzu die ungeluckliche friedehandlung, so E. f. g. her 
bruder Hertzogk Hans Albrecht hochloblicher vnd seliger 
gedechtenus Zwischen den Wittenbergischen vnd Magde- 

*) Aus dem Schweriner Archiv. 

*) In der Registratur des Rostocker Minist, eccl. Tomus I, S. 
995- 428. 

*j Meine Benutzung des Berichts folgt jetzt dem Original im 
Schwermer Archiv. 

Digitized by VjOOQiC 



96 

burgischen Theologen die Zeit vorgenommen, vrsaeh ge- 
geben, vnd das Philippus Melanchton, als die K.-O. Anno 
52 durch D. Johannem Aurifabrum so deßfals gegen Witten- 
berch gereiset in Druck erstlich vorfertiget, das Examen 
ordinandorum vnd etzliche andere stucke darinne ge- 
stellet hatt. 

Dieweile nu diese E. f. g. Meckelburgische K.-O. jetz- 
unt die Wittenbergische vnd Churf : Saßsische K.-O. ge- 
worden ist: haben wir billich bedencken, ob sich auch ge- 
buren vnd geziemen werde, in einem frembden wercke der 
Churf. Saßsischen K.O., vnd sonderlich in Examine Ordi- 
nandorum, oder Summa der Christlichen lehre, von Philippe 
gestellet, etwas zu revidiren, vnd wie E. f. g. schreiben 
lautett, zu uorbesseren vnd Zu reformiren, welliches so es 
von- vns fürgenommen wurde; sonderlich die gewesenen 
Wittenbergischen Theologi vnd ihres glaubens verwanten 
Zu Neustadt, Vielichte ehe es alhie ganz beradtschlaget 
vnd beschlossen, Zum ergsten Vnd gifftigstem vorkeren 
vnd vns durch öffentliche schrifften, alse die Philippe sein 
Examen ordinandorum meisteren, das Magnificat Corrigiren 
vnd vorbesseren weiten, in die weit außtragen werden. 

Stellen derhalben Zum dritten in J. P. g. hochuor- 
stendiges gnediges bedencken vnd wolgefallen, ob J. f. g. 
nochmal in der vorigen Meckelb: vnd jetzundt Wittenb: 
vnd Churf. Sassischen K.-O. elzliche stucke reuidiren oder 
aber eine eigene K.-O. für E. f. g. furstenthumb vnd lande 
Kirchen vnd vnterthanen für sich haben wollen, wie alle 
andern Christliche Chur- vnd fursten, auch die benachbarte 
Stadt Lübeck, Hamburgk, Braunschweig, andere, ein jeder 
seine K.-0. hatt. 

Wie den die Zeit für 25 Jharen als gegenwertige 
Meckelburgische K.-O. Zu Wittenbergk, in der Witten- 
bergischen Kirchen namen, nachgedrucket, E. f. g. her 
Bruder hertzog Hans Albrecht dafür gehalten, das es ihren 
vnd deroselbigen Kirchen ehrlich, vnd Zu erhaltung ihren 
fürstlichen Reputation notig, das wie andere Chur- vnd 
fursten, einn jeder für sich seine K.-O. hette, Vnd darauflf 
D. Dauidius bepfolenn solliche ufiT weiter bedencken Zu 
entwerffen, welliches auch Zum mherertheill geschehen, 
Vnd dieweil von der Zeit, bis ietzundt darinne nicht weiter 
furgenommen oder befholen, soll dieselbe Designation her- 
nach in anderen orteren gebraucht sein, 



Digitized 



by Google 



96 

Zum Vierten dieweile der grundt vnd Kernn aller 
Christlichen K.-O. die einige ewige warhafiFtige lehre von 
Godt vnnd vnserem heilande Jesu Christo ist, welche iai 
ersten theill der K.-O. im Examine Ordinandorum gefasset 
ist: Vnd aber diese Zwei Vnd dreissig Jhar, nachdem die 
Meckelburgissche K.-O. erstlich, von ausgegangen vielen 
Articulen Christlicher lehre allerlei neuwe vorworrenne dls- 
putationes Vnd hefltige Religionstreit in öffentlichen 
schriflten Zum theill von newen erreget, Zum theill uff das 
eußerste gescherfet sindt, 

Alß nemlich Von der Person vnd gegenwertigkeit 
Jesu Christi 

(Es folgen die Artikel, von Vereinigung und Mit- 
theilung der Eigenschaften der göttlichen und menschlichen 
Natur in Christo, von der Erbsünde, vom Evangelio, vort 
der Rechtfertigung, vom freien Willen) etc. 

Dieweile nun von diesen hohen Articulen allerlei un- 
geleiche schrifften, durch den Druck ausgesprenget, den 
pastoribus für kommen, welliche nicht allein selbst dadurch 
irr gemacht, sunder auch woll vnnotigk vngegrundet gezenk 
uff die Canzell bringen mochten, 

So erfordert die hohe nottrufft, das sonderlich von 
denen Artikulen, so diese 32 Jhar vber, nach erster Ver- 
fassung der Meckelb: oder Wittenbergisch K.-O., inn streit 
getzogen, deutliche erklerungen Gottes wordt vnd schrifften 
vnserer Väter vnd lerer so Zur Zeit der vbergebenen Aus- 
burgisschen Confession ausgangen, geleich vber einn 
stimmend, in denselbigen Articulen gesetzt werden, damit 
die pastores, vnd andere, was Christlich vnd Gottes wordt 
gemess, vnd was demselben wiederich, selbs wissen, vnd 
nicht vnnotig oder sunsten vngegrundete fantasiien uff der 
Cantzell tregen mochten. Stellenn derhalben auch dieses 
in E. f. g. Christlich gnedich bedencken, ob man sich allein 
uff das Concordienbuch referiren vnd beruffen, oder aber 
uff das Kurtzest vnd deutlichste, als muglich, in dem ersten 
theile der K.-0. von der lere erkleren soll, wie wir danne 
vnderthenig erinnern vnd bitten, das E. f. g. neben der 
Bibell auch das Concordienbuch vnd Historia der auspur- 
gischen Confession auch der Apologia in alle Kirchen e. f. g. 
lande vorordnen wollen." 

Wenn wir die übrigen Punkte zusammenfassen dürfen, 
so sind es kurz diese: die Superintendentenordnung möge 

Digitized by VjOOQ IC 



97 



der K.-O. eingefügt werden; neu bestätigte Superinten- 
denten sollen sich von den übrigen prüfen lassen; die 
herrischen oder lasterhaften Pastoren mögen Landes ver- 
wiesen, aber nicht gehindert werden diejenigen, welche 
rechtmässig handeln nach Jes. 58 und Ez. 3, 33. Darum 
dürfen letztere Citate in der K.-O. nicht geändert werden. 
Aber die Pastoren sollen nicht sofort bannen, sondern nach 
dem Prozess Christi vorgehen. Für das Konsistorium soll 
der Fürst Register verfertigen lassen von den Einkünften 
u. s. w. derrfarren; es folgen einzelne Beschwerden über 
die fürstlichen Amtleute, gegen das Hofgericht, über den 
Bann, der vom Konsistorium ausgeht, über die Visitationen, 
deren Kosten von den Kirchen allein nicht getragen werden 
können. Die Ceremonien will man gern unverändert lassen. 
In den Schulen wünscht man Uebereinstimmung der Gram- 
matiken. Aus den Klostergiltern mögen Stipendien gegeben 
werden an die, so Landeskinder sind, wie auch der Kur- 
fürst von Sachsen 300 Thaler, der Herzog von Württem- 
berg 150 Thaler für ein coUegium zu Tübingen gäbe, 
daraus ganz Oberdeutschland mit Pastoren und Superinten- 
denten versehen wird. Der Schluss lautet: 

„Stellen dieser \mserer unterthenige erinnerungen alle 
in E. f. g. hochuorstendiges Rath vnd wolgefallen, vnd 
sindt deroselben vntherthenich Zu denen alle Zeit pflich- 
tich. Dat. Rostogk 25. Martii Anno 85.^ 

Erst am 16. Juni antwortet Ulrich. Inzwischen sind 
die Wünsche der Superintendenten und ihre Aufgaben 
nicht geheim geblieben. Am 8. April bietet sich der 
Schulrektor Franz Oemich dem Herzog zur Besorgung des 
Papiers der K.-O. und einiger Bücher an.^) Er habe ge- 
höret, dass der Neudruck der K.-O. beschlossene Sache 
wäre ; weil aber in Rostock kein gutes Papier sei, so wolle 
er in Neustadt oder Grabow mit den Papiermühlen unter- 
handeln, damit bei diesem guten Wetter einige Ries auf 
Vorrath gearbeitet würden ; dann würde des Papiers halben 
in dem hochnöthigen Werke keine Verzögerung eintreten. 
Oemich will auch deutsche Bibeln, Kirchenpostillen, Kon* 
kordienbücher, auch die reine Conf. Aug. von Leipzig be- 
sorgen „für bessern Kauf als hier zu Lande, weil ich's mit 
Postillen verstehen kann". Ulrich antwortet ihm vorläufig, 



*) In^ Schweriner Archiv. 

7 

Digitized by VjOOQiC 



98 



dass er bieiauf sich noch nicht erklären könne, weil die 
Sachen noch zu weiterer Berathschlagung ständen. Am 
20. April schreiben die Revisoren selbst an Ulrich -.i) Bei 
der mancherlei vorher entstandenen Irrsal und Korruption 
können die Pastoren auf dem Lande alle ausgegangenen 
Streitschriften Unvermögens halber nicht kaufen und lesen. 
Deshalb mögen bei etlichen der fürnehmsten Kirchen in 
Städten und Dörfern die deutsche Bibel, Luthers Kirchen- 
postille, das Konkordienbuch sowie die eben veröffentlichte 
historia der Augsburgischen Konfession*) deponirt werden. 
Auch wenn die K.-Ö. jetzt nicht zu Stande käme, möchte 
dies dienstlich sein. Der Fürst solle deshalb dem nach 
Leipzig reisenden Oemich Auftrag geben, von den genannten 
Büchern je 100 Exemplare mitzubringen. Ulrich ist damit 
einverstanden, lässt aber durch Melchior Dankwart am 
22. April an Oemich schreiben,^) dass er statt der Kirchen- 
lieber die Hauspostille kaufen solle, und da auf dem Lande 
viele Pastoren wären, welche die hochdeutsche Sprache 
nicht lesen und verstehen könnten, solle er sie „in säch- 
sigcher Sprache zu wege bringen". S. F. Q. zweifle nicht, 
dass sie in dieser Sprache wohl zu bekommen sein werde. 
Dass der Auftrag von Oemich ausgerichtet ist, erfahren 
wir aus seinem Briefe an Dankwart vom 23. Juni ; *) Ulrich 
war ungehalten, dass Oemich für die sächsische Bibel mehr 
als 6 fl. forderte. 

Am 16. Juni sandte der Herzog von Güstrow aus 
seine Antwort „an die Verfasser des Bedenkens" ab.^) Er 
sendet eine Abschrift des eingereichten Bedenkens, dem 
seine Resolution an den einzelnen Stellen ad rnarginem 
zugefügt war. Ohne auf die Befürchtung der Revisoren 
hinsichtlich der Veränderung der Arbeit Melanchthons ein- 
zugehen, bestimmt Ulrich, dass Chyträus auf Grund des 
Bedenkens der Revisoren sowie des vom kranken Neubran- 
denburger Superintendenten eingegangenen Berichtes und 
der dazu gemachten fürstlichen Kesolutionen die Inserirung 
und Extendirung der Artikel vornehmen solle. Chyträus 
wäre ja der Kirchen- und Landgewohnheiten am besten 
kundig, auch bei der Verfassung der alten K.-O. mitge- 



? 



Im Schweriner Archiv. 

Von Chyträus, Krabbe S. 304, als „erste kritische Bearbeitung 
der Reformationsgeschichte" verfasst. 

■) und *) und •) Aus dem Schweriner Archiv. 



Digitized by VjOOQIC 



99 



wesen. Dann soll er die so revidirte Kirchen- und Kirchen- 
gerichtsordnung dem Herzog wieder zustellen, der sie von 
seinen Hof- und Landräthen abermals verlesen und dann 
drucken lassen will. 

Wie stellte sich nun Chyträus zu dieser Aufgabe? Er 
hatte es doch für nicht geziemend gehalten, in fremdem 
Werke etwas zu verändern! Er klagt in seinem Bericht, 
dass den Revisoren keine andere Antwort geworden sei als 
„etliche scholia ad marginem, so ethwann von Doctor Niebur 
beym schlaffdrunck dazu gesmirt", aber mit dem fürstlichen 
Befehl, solche in ein corpus zu bringen, d. h. eine K.-O. 
darnach zu verfertigen. Welcher Art sind nun diese scholia 
ad marginem? Wir finden sie in dem Bedenken, das Chy- 
träus 1599 den Revisoren vorlegt und 1600 an Ulrich ein- 
sendet — es ist dasselbe Exemplar, i) Chyträus redet tadelnd 
von Niebur „beim Schlaftrunk dazu geschmiert", ja in 
seinem Bericht verdächtigt er diesen als einen Kalvinisten: 
„In diesen scholiis waren etzliche stück der K.-O. gantz 
widerwertig und von deutlicher erklerung der Lereartikell 
kein Wort gedacht". Chyträus zweifelte deshalb, ob der 
Fürst von Niebur und den Seinen auch recht berichtet sei. 
„E. P. G. wissen ja auch, was Religion D. Niebur zuge- 
than, wie er sich dann offenbar dazu bekandt hat, Vnd 
derselben Diese zweifelhaffte vnd uff schrauben gesetzte 
form der Lere im examine in der ersten Meckelburgischen 
Kirchenordnung, da er vnd seine glaubens genossen sich 
vnter verbergen konten, lieber hat behalten gesehen, denn 
etwas deutlicher vnd klarer vnterschied der rechten vnd 
falschen Lere setzen lassen." Es ist also klar, dass jener 
kalvinistische Hofrath Niebur Interesse daran hatte, mög- 
lichst die alte K.-O. beizubehalten, und wohl nicht mit Un- 
recht darf vermuthet werden, dass er solche Aenderungen 
machte, die Chyträus, dem Theologen, nicht genehm sein 
konnten, weil sie es auch nicht sollten. Niebur gehörte 
aber mit Bolfras, Lieben, Grass zu den zum Hofgericht 
verordneten Räthen.^) Persönliche Feindschaft kam wohl 
hinzu ; wenigstens Schütz bemerkt,^) dass Chyträus manchen 
Zwist mit ihm hatte. Bei der Rektoratswahl im März 1571 
hatte Chyträus von der Wahl dieses eben erst ange- 

*) Vorhanden im Archiv zu Schwerin. 
*) Schröder Hl, S. 341. 
») Schütz II, S. 230. 



?^ T 

Digitized by VjOOQu 



100 

kommenen J. U. Licentiati abgerathen ; er ward aber doch 
gewählt. 1577 war er Chyträi Nachfolger im Rektorat, i) 
1574 heisst es, sei Niebur Hamburgensis zum Lieentiaten 
in Rostock kreirt. Dass er zeitlebens Chyträo feind ge- 
blieben ist, erhellt nach Schütz 2) auch daraus, dass Chy- 
träus seinen selbstmörderischen Tod sogar in seinem Chro- 
nicon Saxoniae mitgetheilt habe. Daselbst ersehen wir 
auch aus einem Briefe Selneccers, wie verhasst er den 
Theologen war: Sein Ende solle viele mahnen, nichts gegen 
das Gewissen zu thun. Die Gründe dieses Hasses liegen 
nach Schütz auch darin, dass Niebur den Ohyträus um 
seine Gunststellung bei Hofe beneidete, und schon in der 
Ausarbeitung der Konsistorialordnung vieles gegen Chyträi 
Willen hineinsetzte, auch „in aliis negotiis" Chyträo feind- 
selig war. 

Diese Feindschaft hat damals das Werk der K.-O. 
vereitelt. Allerdings hat Chyträus dem fürstlichen Befehle 
gemäss die Arbeit in ein corpus gebracht und an den Hof 
geschickt. Aber er muthmasste nicht unrichtig, dass „das, 
was er schriftlich erinnerte, Von D. Nieburn und andern, 
so täglich von E. P. G. gehört wurden, leichtlich konnte 
verhindert und verkehrt werden". Und der Fürst hatte 
in dem Briefe vom 16. Juni in Aussicht gestellt, dass er 
das von Chyträus verfasste Exemplar von seinen Hof- und 
Landräthen abermals verlesen lassen wollte. Chyträus hat 
auf sein eingereichtes corpus keine Antwort bekommen. 
„Es hat mir auch nicht gebüren wollen, um antwort an- 
zuhalten, denn ich von vielen jaren gelernet, dass man zu 
hoff ohn bevehl nichts fürnemen sol, vnd das kein antwort 
auch ein antwort sey. Hat mir auch darum nicht gebüren 
wollen, damit ich nicht als der mein privat ehre suchte, 
verdacht würde." Dennoch ist die Arbeit Chyträi nicht 
verloren. Wie er selbst sagt, hat er in „eignem und keiner 
Herrschaft Namen" das Buch bald drucken lassen. Nach 
Schütz, vita Chytraei II, S. 109, hat Chyträus in Helmstadt 
durch Jakob Lucius 1587 eine K.-O. drucken lassen. Hier- 
auf und nur hierauf ist die Angabe bei Klüver ''^) zurück- 

und *) Schütz H, S. bo4t und III, S. 236. 

Beschreibung I, S. 407. Auch in den Bützow'schen Ruhestunden 
S. 24 findet sich die Angabe ; ebenso im Handbuch der Ehren Geistlich- 
keit S. 14; auch in >Dexteri wohlgegründete Gedanken» S. 37: Die 
K.-0. von 1552 ist 1587 zum dritten Mal auf Befehl Herzogs Ulrich reno- 
viert worden. 

Digitized by VjOOQiC 



;! 



101 

zuführen, dass 1587 ein Neudruck der K.-O. erfolgt sei. 
Handschriftlich findet sich die Arbeit zu Schwerin, „Be- 
denken von der Kirchenordnung^, 366 Doppelseiten stark, 
und im Rostocker Archiv, Tomus I, S. 431 — 899, unter 
demselben Titel. Die Einleitung zu derselben ist diejenige, 
welche Chyträus 1570 Herzog Johann Albrecht eingereicht 
hatte, nur dass statt der „18 jare" es jetzt heisst „vor 
30 jaren". Die ganze Anordnung der K.-O. weicht von 
1552 wesentlich ab; es sind nur drei Theile, gerade so wie 
in der 1578 von Chyträus für Oesterreich gedruckten. Der 
erste Theil ist die Summa christlicher Lehre in 16 Artikeln. 
1 . Wahre Anrufung Gottes. 2. Erschaffung aller Kreaturen. 
3. Gesetz. 4. Sünde. 5. Evangelium. 6. Menschwerdung 
Christi. 7. Rechtfertigung des Glaubens. 8. Erneuerung. 
9. Busse. 10. Freier Wille. 11. Predigtamt. 12. Sakra- 
mente. 13. Menschensatzungen. 14. Weltliche Obrigkeit 
und Ehestand. 15. Trost in Anfechtung. 16. Auferstehung. 
Der zweite Theil ist die Kirchenagende und handelt in 12 
Artikeln vom Amt der Prediger, Ordnung der Gesänge, 
Ceremonien beim Abendmahl, Pesten, Kollekten und Li- 
tanei, Reichung der Taufe, Verhör der Abendmahlsgäste, 
Beichte, Trauung, Kirchenzucht, Krankenbesuch, Begräbniss. 
Als dritter und letzter Theil folgt die christliche Bestellung 
des Predigtamts, wozu das Examen der zu Ordinirenden 
gehört, ferner Instruction der Superintendenten und Kirchen- 
räthe, Bestellung christlicher Schulen, Verwendung der 
Kirchengüter, Visitation und Synoden, Ordnung des 
Kirchengerichts. 

Die Arbeit des Chyträus, wie sie hier vorliegt, stellt 
in der That eine so durchgreifende Veränderung der K.-O. 
von 1552 dar, dass von einer „revidirten" füglich nicht 
mehr die Rede sein kann. Chyträus ist seiner Meinung 
getreu geblieben, dass es nicht geziemend sei, in einer 
Ordnung, die man mit andern Ländern gemeinsam hätte, 
und besonders in Philippi Arbeit etwas zu ändern, und dass 
andererseits Mecklenburg seine eigene K.-O. haben müsste. 



14 Jahre hat das Werk unserer K.-O. geruht. Das 
Rostocker Ministerium unter seinem Superintendenten Bac- 
meister war es, das den Herzog Ulrich, als er zur Visita- 

Digitized by VjOOQIC 



M)2 



tion der Universität 1599 nach Rostock kam, um eine Re- 
vision der K.-O. anging.^) 

Herzog Ulrich erliess darauf unter dem 6. April 1599 
einen Befehl an die theologische Fakultät, nämlich Chyträus, 
Bacmeister, Preder, Schacht, Lobech^), worin er bestätigt, 
dass er Gottes Wort nach den Prophetischen und Aposto- 
lischen Schriften rein bewahren will, nach den vier Sym- 
bolen, der Confessio Augustana und der „darausgenommenen 
Pormula Concordiae". Weil aber die K.-O. angezweifelt 
wird, ob sie lutherisch oder kalvinisch sei, weil zweifel- 
hafte Worte darin wären, die auf zweierlei Meinung inter- 
pretirt werden könnten, auch manche Stücke vermisst 
würden, sollten die Theologen mit andern unsern Superin- 
tendenten am 6. Juni sin Rostock zusammenkommen, die 
Mängel observiren und annotiren, die ganze K.-O. mit 
Pleiss revidiren, und was darin zu reformiren und etwa 
dazu oder davon zu thun, in Gottesfurcht erwägen, die 
einhellige Meinung in Schriften dem Fürsten vorstellen, 
damit den Calumnianten begegnet und von uns ferner zu 
Werk gerichtet werden möge, was sich zum besten schicken 
und nöthig sein will. Inbetreff der nun folgenden Ver- 
handlungen haben wir zwei Berichte, den schon genannten 
des Chyträus und eine Schrift Bacmeisters an die Konsi- 
storialräthe. Albin, Cling, Cothmann, vom 19. Januar 1601, 
ersteren im Schweriner, letztere im Rostocker Archiv. 

Vor der Ankunft der Superintendenten versammelten 
die Rostocker Theologen sich allein. Es entstand aber eine 
„Zweinung" so gross, dass dadurch das ganze Werk wieder 
fraglich wurde. Chyträus bringt nämlich seine Meinung 
vor, warum man in Philippi K.-O. nicht ändern dürfe, 
sondern eine neue stellen müsste; er hatte auch zwei 
Theologen auf seiner Seite, die, ohne dass Chyträus es aus- 
drücklich begehrt hatte, seine den österreichischen Ständen 
1578 gestellte K.-O. dem Fürsten zu empfehlen vorschlugen. 
Gegen ihn trat Bacmeister und noch ein anderer auf, mit 
dem Hinweis auf den Befehl des Fürsten, dass keine neue 
K.-O. verfasst werden sollte; Bacmeister berief sich eigens 
darauf, dass er noch zweimal mündlich vom Kanzler Bording 

^) Supplik des Rostocker Ministeriums vom 21. März 1599, im 
Archiv des Rostocker Min. eccl., Tomus I, S. 27 — 33. 

') Rostocker Min. eccl., Tom. I, S. 35, aber auch gedruckt bei 
Grape, S. 119. 



Digitized by VjOOQiC 



103 

denselben Befehl erhalten hätte. So fanden die Super- 
intendenten die Lage vor, als sie am 7. Juni in der Wohnung 
des kranken Chyträus zusammenkamen. Chyträus legt 
ihnen das Bedenken vor, welches er 1585 schon gestellt 
hatte. Bei diesem blieb er auch jetzt stehen: Es sei nicht 
rühmlich, in einer K.-O. zu reformiren, die man mit andern 
Ständen gemein habe; besonders da Philipp Melanchthon 
das examen gestellt habe; es würde nur Plickwerk heraus- 
kommen, wollte man hier und dort verbessern ; besser wäre 
es, etwas Eigenes für sich selbst zu machen. Da wurde 
der Bruch mit Bacmeister offenbar. Dieser hatte schon 
beantragt, dass noch „2 Ratstheologen uff der alten Stadt, 
weil sie von den Kirchensachen mehr erfahren und lernen 
möchten" hinzugezogen würden. Aber er wurde von allen 
hiermit zurückgewiesen, weil Jene nicht mit verschrieben 
wären". Dieser Antrag Bacmeisters bildet den einen Grund 
für die Gegnerschaft des Chyträus. Aber letzterer hat 
noch einen andern. Wenigstens in seinen letzten Briefen 
an Ulrich vom 1. und 14. Januar 1600^) scheut er sich 
zwar den Grund offen mitzutheilen, erbietet sich jedoch 
einem Vertrauten des Herzogs, ihn zu offenbaren. Am 
14. Januar erklärt er sich denn, er habe den Einfluss der 
Rostocker Theologen deshalb zu verhindern gesucht, weil 
er fürchtete, dass die Rostocker sich daran einen Präcedenz- 
fall schaffen könnten, auch gewiss alle Mängel der fürst- 
lichen Kirchensachen breit treten würden. Bacmeister ge- 
steht in seinem Bericht dies unumwunden ein : „Nachdem 
ich aber auch erfahren, das S. f. g. wie auch E. Exellenzen 
— also die Konsistorialräthe — vnd ander furnemer leute 
mehr in die gedanken gefuhrt worden, als geburete mir so 
sehr nicht mich dieser sach an Zu nehmen, sintemahl ich 
hier in der Stadt Rostock allein Superintendens bin, Vnd 
daher ein Erbar Rath hieselbst sich etwas mit in diesem 
werck, welches das geistliche Kirchenregiment betrifft, an- 
massen, vnd ich dazu vnterschlupf geben mochte." Zum 
Verständniss muss bemerkt werden, dass trotz der herzog- 
lichen Patronatsrechte der Rath Rostocks nur unwillig das 
geistliche Regiment des Herzogs sich gefallen Hess. Gewiss 
war also die Weigerung des Chyträus, die Rathstheologen 
zuzulassen, objektiv genug begründet. Aber auch persön- 



^) Aus dem Schweriner Archiv. 



Digitized by VjOOQIC 



104 



liehe Feindschaft kam hinzu. Chjrträusi beklagt sich, dass 
die Superintendenten alle bei Bacmeister gegessen hätten, 
dass die späteren Sitzungen alle im Ministerium abgehalten 
wären, besonders aber, dass Bacmeister ohne Wissen des 
Ghyträus nach der Vorberathung an den Herzog geschrieben 
hätte. In der That hatte ersterer noch einmal an Ulrich 
geschrieben. Und indem dieser am 5. Juni an Bacmeister 
schrieb,^) dass wir es nochmals bei unserm vorigen sub 
dato Dobran den 6. April abgegangenen Schreiben und der 
darin ausdrücklich gesetzten Meinung gnädiglich beruhen 
lassen, dass nämlich unsere K.-O. revidirt, und an den 
Orten, da es nöthig, korrigirt, auch die Defizit und Mangel, 
so dabei zu finden, supplirt, aber sonsten in der Form, 
darin sie zuvor begriffen, gelassen werde, konnte Bacmeister, 
nachdem Ghyträus sein auf anderem Standpunkte beruhendes 
Bedenken vorgelegt hatte, triumphiren : Man dürfe Chyträi 
Vorschlag in Betreff einer neuen K.-O. nicht annehmen, 
weil es wider fürstlichen Befehl wäre. Ghyträus entgegnete, 
dass er „oftmals erste Schreiben unter J. F. G. Hand auf 
ungleichen Bericht empfangen hätte, da S. F. G. auf 
empfangenen Gegenbericht sich anders erklärt hätte". Der 
Vorschlag des Ghyträus, noch einmal an den Fürsten zu 
lierichten, fand bei den Superintendenten keinen Anklang, 
welche vielmehr ihre zu Hause gemachten annotationes 
hervorholten, zuerst die K.-O., beides in meissnischer und 
in sächsischer Sprache, ordentlich unter einander verlasen, 
die Mängel anmerkten. Die Notata Bacmeisters finden sich 
im Rostocker Archiv, Tomus I, S. 199—209, die observata 
des Bokatz S. 215—230. Auch auf die Konsistorialordnung 
dehnte sich ihre Thätigkeit aus; wenigstens baten sie in 
einer Schrift vom 14. Mai um Abstellung mancher Be- 
schwerden, die sie namentlich aufführen, besonders um mne 
volle Revision dieser Ordnung, damit sie in allen Stücken 
mit der K.-O. gleichstimmig sei. 

Ghyträus hielt sich fern, während Bacmeister noch 
einmal mündlich in Doberan vom Herzog Bescheid holte. 
Aber am 13. Juni kamen die Superintendenten zu Ghytoäus, 
mit ihren Notata, um dieselben zusammen mit Ghyträi Be- 
deiÜLen an den Hof einzusenden. Ghyträus forderte sie 
vorerst auf, „den ganzen Wust, scopae dissolutae", rein 



^) Rostocker Min. eccl., Tom I, S. 39. 

Digitized by VjOOQiC 



105 

abzuschreiben und in ein corpus zu bringen. Da sandte 
man den Superintendenten Bokatz nach Dargun an Ulrich 
ab, damit letzterer entscheide, zugleich aber dilation er- 
theilte, damit sie, „was sie in Verlesung und Erwägung der 
K.-O. notirt hatten, in eine rechte Ordnung und caput 
bringen könnten." Ulrich an wertete unter dem 20. Juni:*) 
Wir lassen es bei unserer vorigen Meinung und Erklärung 
beruhen, dass keine neue K.-O. gemacht, sondern die alte 
korrigirt werden soll. Die Frist zur Ausarbeitung wird 
gewährt. Chyträus hatte den Brief an den Herzog nicht 
mitunterschrieben. 

Dennoch bleiben die Revisoren mit ihm in Verbindung. 
Die Rathstheologen, die von den nach acht Tagen heim- 
reisenden Superintendenten bestellt waren, die Verbesserun- 
gen zu sammeln, reichten diese am 8. September an Chyträus 
ein. Derselbe wunderte sich, dass dabei die Vorschläge der 
übrigen Superintendenten ganz ungeachtet geblieben wären ; 
er fand allerdings nicht „das Wort Gottes zuwider wäre; 
aber weil es ein ganzer Haufe blosser Notationen sei, welche 
je auf einen Zettel geschrieben, allenthalben in die K.-O. 
eingelegt werden sollten", so widerrieth Chyträus nach wie 
vor „in anderer Leute Arbeit einzuflicken *'. Es sei dem 
Pursten nicht rühmlich und löblich bei andern verständigen 
Herrn und Gelehrten, wenn in dieser gemeinsamen K.-O., 
besonders im examen, das das beste und fürnehmste Stück 
der K.-O. ist, viel reformirt würde; das würde bedeuten, 
das Magnifikat korrigiren zu wollen. Dennoch deutet er 
jetzt schon an, dass es andere Wege gäbe, wenn man ein- 
mal keine neue K.-0. stellen dürfte. Es scheint, als ob er 
den Revisoren entgegenkommen wollte. Aber näher sprach 
er sich noch nicht aus. Als dann am 18. Oktober Lobech 
ihm ein Exemplar der revidirten K.-O. brachte, allerdings 
mit viel weniger annotationes, hat Chyträus wiederum aus- 
zusetzen, dass man nicht die K.-O. von 1557 gewählt habe, 
sondern die von 1552 „daran doch nicht viel gelegen ist^. 
Wir müssen dabei erinnern, dass Chyträus nur die K,-0. 
von 1557 für die mecklenburgische hält, weil sie eigens für 
Mecklenburg übersetzt war. Bacmeister persönlich konrnit 
noch einmal am 12. November, um Chyträus zur Unter- 
schrift zu bewegen. Letzterer aber wollte „sich mit dem 



^) Rostock«r Min. eccL, Tom. I, S. 43. 

Digitized by VjOOQiC 



106 



Manne nicht weiter einlassen", weil, wie er nun hervorhebt, 
sein ganzes Werk von 1585 so gar keine Berücksichtigung 
gefunden hatte, und weil man gänzlich unterlassen hatte, 
darauf hinzuweisen, dass Mecklenburg bisher keine eigene 
K.-O. gehabt hätte; besonders auch, weil Bacmeister so 
„klüglich" ohne sein Wissen jenen Brief vom 6. Juni vom. 
Herzog erwirkt hätte. Chyträus behielt sich vor, selbst an 
letzteren zu berichten. Mit Recht bedauert Bacmeister später, 
dass Chyträus nicht sogleich mit seinem Plane eines Appen- 
dicis hervorgekommen wäre ; dann hätte man gewusst, was 
Chyträus eigentlich wollte; nun aber sei das ganze Werk 
stecken geblieben. Bacmeister muthmasst, dass am meisten 
der Umstand hinderlich gewesen sei, dass ihm und den 
Rostockern die correctiones und additiones übertragen seien, 
und dass S. F. G. aller, insonderheit Chyträi Subskription 
und Konsens hätten haben wollen. Wirklich ist Bacmeister, 
als nach Chyträi Tode das Werk fortgesetzt wurde, zuerst 
nicht zugezogen worden. Er übergab sein Exemplar dem 
neuen Superintendenten von Güstrow, Köhler, damit dieser 
sich auch dazu erklären könnte. 

Gerade Chyträus führt nun mit dem Herzog einen 
lebhaften Briefwechsel. Um demselben die Möglichkeit 
eines selbstständigen Urtheils an die Hand zu geben, über- 
sandte er ihm den Bericht von der K.-O., den wir zu unseren 
Ausführungen benutzten. Am Schluss dieses macht er den 
vermittelnden Vorschlag, in einem Appendix die Stücke 
zu geben, die einer Erklärung bedürften. „Und dieweil es 
ja wahr ist, dass etliche Stücke sonderlich in dem examine 
oder Lehrartikeln besserer Erklärung bedürfen, davon ich 
auch selbst unterthenig erinnert, so konnten E. F. G. die 
jetzige K.-O., was den Text an sich selbst belanget, wie 
bisher diese 40 Jahre gewesen ist, bleiben lassen und in 
eine besondere von der K.-O. unterschiedene Schrift oder 
Appendix, was hin und wieder in der K.-O. zu erklären, 
mit Verzeichniss der Blätterzahl nach einander anzeigen 
und ausführliche und deutliche declarationes stellen und 
zusammenbringen lassen. Welche Arbeit vielleicht bei ver- 
ständigen mit weniger Schimpf und Spott als das jetzige 
Flickwerk würde aufgenommen werden. Jedoch nicht 
rathsamer und besser — und damit kommt er auf seinen 
alten Vorschlag zurück — hierin und E. F. G. löblicher 
und rühmlicher, denn dass E. F. G. wie andere Chur- und 



Digitized by VjOOQIC 



107 



Fürsten und fümehmen Städte ihre eigene und nicht mit 
andern gemeine, sondern vor sich und ihre Unterthanen 
allein und eigene K.-O. hätten." Der Herzog forderte 
daraufhin alle Arbeiten Chyträi ein, Sonnabends nach Weih- 
nacht 1599 : ^) die Vorrede von 1570, das gedruckte Buch 
von 1586 oder 87, das Bedenken aus dem Jahre 1585. Am 
1. Januar 1600 sendet Chyträus, „so vergangen Monat beide 
Hände verloren gehabt, nun aber die linke Hand sich mit 
der Zeit wieder findet", die Aktenstücke ab,^) indem er sich 
zugleich erbietet, durch eine vertraute Person von etlichen 
andern Stücken, so in dieser Berathschlagung für E. F. G. 
Person dienstlich sein, erinnern zu wollen. In der Vorrede, 
mit A gezeichnet, ist das „18 jar" durchgestrichen und 
darüber geschrieben „sind itzund 47 jar" also: 1599 — 47 
= 1552. Das gedruckte Büchlein bezeichnet er mit B; 
das Bedenken trägt das Zeichen D und ist unterschrieben 
8. Mai 1599 „Bedenken, das Chyträus den Theologen gab". 
Es weicht nicht unerheblich von dem ursprünglichen vom 
25. März 1585 ab.') Am 10. Januar antwortet Ulrich, dass 
er das Bedenken vorher nie gesehen hätte.*) Hat Niebur 
es seiner Zeit unterschlagen ? Doch er hatte ja die scholia 
ad marginem dazu „gesmiert". So hat er also damals das- 
selbe dem Fürsten überhaupt nicht gezeigt? Ulrich ist auch 
jetzt noch nicht geneigt, eine neue K.-O. zu stellen, weil 
es den Anschein hätte, „als hätten wir bis daher keine 
reine K.-O. im Lande gehabt, dass wir dieselbe nunmehr 
selbst verwerfen. Jedoch war er mit dem Appendix ein- 
verstanden. Er belohnte Chyträus mit einem Geldgeschenk; 
Chyträus aber solle entweder schriftlich seine vertrauliche 
Mittheilung abgeben oder selbst an den Hof kommen. Am 
14. Januar 5) antwortet Chyträus, dass er den Appendix so 
verfasst sehen möchte, dass in ihm als einer besondern 
Schrift die nothwendigen Erinnerungen, sonderlich in doc- 
trinalibus abgefasst werden sollen. Aber das Konsistorium 
solle die Arbeiten verrichten, damit die Rathstheologen 
ausgeschlossen wären. Chyträus versichert noch einmal, 
dass er vorher nur durch Bacmeisters Verfahren abge- 
stossen gewesen sei, jetzt aber „weil E. P. G. nach Ver- 
lesung des Berichts auf solcher Meinung beständiglich be- 
ruhen, soll es billig auch meiner geringen Einfalt nicht zu- 



1^ *) •) *) ') Aus dem Schweriner Archiv. 

Digitized by VjOOQIC 



108 



wider sein^. Nun sendet er auch das mit den scholia ad 
marginem versehene Bedenken, E, ab. Aber er bittet um 
Rücksendung sammt der Vorrede A. In einem Postscrip- 
tura lässt er sich jetzt herbei, seine vertrauliche Mitthei- 
hmg abzugeben, die wir schon kennen lernten S. 103. 

Am 30. Januar ^) bekommt Chyträus die Anzeige, dass 
der Superintendent Köhler als Mitglied des Konsistoriums 
sich mit ihm bereden solle, das Konsistorium selbst den 
Befehl, die Revision der K.-O. vorzunehmen, aber mit der 
Mahnung, dass; da „etliche Theologen, denen wir es nicht 
aufgetragen, sich der Direktion mehr denn sichs gebührt, 
angemasst haben, die Berathung in Kirchensachen für- 
nehmlich unserm Konsistorio zustehe. Jedoch möge das- 
selbe andere mehr, so die Nothdurft erfordert, zuiiehen". 
Man sieht, Chyträus hat mit seiner Warnung vor den 
Rostockern Erfolg gehabt. Am 6. Februar allerdings ist 
Köhler in Rostock und giebt Bacmeister die beruhigende 
Versicherung, dass nach Meinung des Konsistoriums die 
Publikation nicht eher geschehen sollte, als bis die K.-O. 
sämmtlichen Superintendenten kommunicirt wäre.^) Ära 
8. Februar bittet Chyträus sich die Aktenstücke aus, die 
er zu seiner Arbeit haben müsse. ^) Ueber die nun folgenden 
Verhandlungen im Konsistorium berichtete Köhler am 14. 
Februar 1600 an Ulrich.*) Man beschloss zunächst, für 
die Arbeit die sächsische und die oberländische K.-O. vor- 
zunehmen, also die von 1552 und 1557; die politischen 
Ordnungen erboten sich die Juristen zu machen, die doc- 
trinalia sollten die Theologen übernehmen. Als die Räthe 
forderten, dass alle Punkte, die disputirlich wären, heraus- 
gesucht würden, hat Köhler und Freder Nachmittags die 
K.-O. durchgelesen und bei Taufe und Abendmahl Aus- 
steilungen gemacht, die man dem Chyträus nannte. Darauf 
beschloss man, dass man allein bei dem Exemplar von 1557 
bleiben wolle, weil in andern viel hin und her geflickt 
wäre ; man solle besonders die verba und sententiae beach- 
ten, die die Kalvinisten verkehren. Der Artikel de unione 
naturarum und ebenso de communicatione idiomatum müsse 
neu hineingesetzt werden. Was die Rathstheologen vorge- 



*) Schwerine i' Archiv. 
') Rostocker Min. eccl. 
•) *) Schweriner Archiv. 



Digitized by VjOOQiC 



109 



schlagen hätten, solle ausgelassen werden. Die doctrinalia 
sollte einer arbeiten. Chyträus fragt : Wer? Köhler schlägt 
ihn vor. Er entschuldigt sich, er wäre ein alter schwacher 
Mann und müsste alles seinem Schreiber in die Feder dik- 
tiren, das käme ihm sauer an. Endlich wilHgte Köhler ein. 
Allein die Juristen entschuldigten sich für ihr Theil mit 
andern wichtigen Geschäften. Privatim bat Köhler den 
Chyträus noch einmal um die Uebernahme der doctrinalia. 
Und wirklich Hess sich dieser jetzt herbei, besonders da 
Ulrich ihm schrieb:^) „Unseres Ermessens lassen wir es 
bedünken, dass niemand besser die neue K.-O. wird ver- 
fassen können als Chyträus selbst". So schickt Ulrich ihm 
die erbetenen Akten, von denen Abschriften zu machen 
Bording dem Fürsten rieth, A, D, E sowie das geheime 
Postscriptum zurück.^) Von anderer Hand findet sich auf 
demselben jetzt eine interessante Bemerkung „Chyträus 
fürchtet Schwestermann Bording". Weil also verwandtschaft- 
liche Beziehungen zwischen Bording und Bacmeister be- 
standen, hatte Chyträus seine Meinung nicht offen abgeben 
wollen! Dass diese Verwandtschaft bestand, ergiebt sich 
aus dem schon genannten Briefe Ulrichs vom, 5. Juni 1599; 
der Brief, von Bording geschrieben, hat auf der dritten 
Seite private Grüsse des Schreibers Bording an seinen 
Schwager. 

Am 24. Februar bereits schickt Chyträus den Anfang 
des Appendix 3) an Ulrich ein und bittet, dass er aus des 
Fürsten eigenem Buche, „Hauptstücke" betitelt, etwas her- 
übernehmen dürfe. Am 28. Februar*) schreibt Köhler an 
Ulrich, dass er mit der Arbeit des Chyträus einverstanden 
sei, nur wünschte er die Aufnahme der Artikel von der 
Taufe, freiem Willen, Erbsünde; denn „obwohl hiervon in 
der Form. Conc. nothdürftig gehandelt wird, so kann's doch 
nicht schaden, dass diese Dinge im Appendix wiederholt 
werden, damit alle erfahren, dass wir der Meinung noch 
seien und davon niemals abgewichen haben". Am 1. März 
theilt Ulrich dem Chyträus sein Einverständniss mit dem 
Uebersandten mit/) wünscht aber, dass aus Philipp Nikolais 
Buch „Spiegel des bösen Geistes" etwas aufgenommen 
werde, und giebt seine Einwilligung zu der Benutzung seiner 
„Hauptartikel". Am 6. März antwortet Chyträus, dass er 



ij ') ') *) *) Aus dem Schweriner Archiv. 

Digitized by VjOOQIC 



110 

Nikolais Buch benutzen wolle. ^) Am 31. März sendet Chy- 
träus den Appendix; 2) zu Ende der Artikel von der Gna- 
denwahl hat er Nikolai benutzt.*) Chyträus kann sich aber 
der Befürchtung nicht erwehren, dass es ihm wieder so 
ergehe wie vor IG Jahren, „dieweilen diese Leute noch 
vorhanden sein". Die Vermuthung scheint nahe zu liegen, 
dass am Hofe noch immer kalvinistische Räthe waren. 
Genaueres lässt sich nicht ermitteln, da Chyträus auf die 
Anfrage Ulrichs *) keine Namen nannte. Herzog Ulrich ist 
dagegen, 18. April,*) der Meinung, dass die Schuld der Ver- 
hinderung bei den Theologen selbst zu suchen sei. Aber 
mit der Arbeit des Chyträus ist er einverstanden, er wünscht 
so bald wie möglich die Publikation des ganzen Werks. 
Dennoch schickt er noch die Bedenken Köhlers mit, welche 
Chyträus in seiner Antwort vom 20. April ^) berücksich- 
tigen zu wollen erklärt. Sie betreffen fol. 102 einige Worte, 
welche zu Anfang des Paragraphen gesetzt werden sollen; 
dann die specialis electio, wegen welcher Chyträus sich 
gern mit Köhler vergleichen will, „damit man den Kalvi- 
nisten nicht entlaufen möge," u. a. u. a. Leider haben die 
Juristen die politica noch nicht fertig, auch wird Köhler 
mit ihnen über die ceremonialia sich noch zu besprechen 
haben. Er selbst, Chyträus, kann sich dieser Sachen nicht 
annehmen, „so soll ich mich auch nicht in Sachen, die ich 
nicht verstehe, oder da ich kein Befehl von hab', nicht 
mengen oder anbieten". Am 16. Mai'') erging der Befehl 
ans Konsistorium, den Appendix zu verlesen, die Super- 
intendenten- und Konsistorialordnung aber schnell zu be- 
enden, damit Chyträus dem ganzen Werk seine gebührliche 
Form gäbe. Die Konsistorialräthe entschuldigten sich mit 
Geschäften, 24. Mai;®) nur D. KUng hat den Appendix zum 
Theil gelesen, Köster und Freder sind ganz fertig. Die 
Juristen sollen die Agenda machen; wenn sie nicht können, 
hat Chyträus sich schon erboten. Derselbe lässt zugleich 
anfragen, ob meissnische oder sächsische Sprache ange- 
wendet werden soll. Die Antwort Ulrichs lautete dahin, 
dass die Juristen die Agenda machten, sie dem Chyträus 
einreichten, dieser vor dem Druck sie an den Hof geben sollte. 



*) Aus dem Schweriner Archiv. 

*) Rostocker Min. eccl., Tom. I, S. 245 386. 

•) *) ') •) ') *) If" Schweriner Archiv. 



Digitized by VjOOQIC 



111 

I 

I Am 25. Mai 1600 starb Chyträüs. Die Arbeit war 

I dadurch unterbrochen. Erst im nächsten Jahre nahm das 
Werk seinen Portgang. Am 8. Oktober ^) entschuldigt sich 
Freder, dass er nicht nach Schwerin kommen konnte, wo 
die Superintendenten in anderer Veranlassung zusammen- 
gekommen waren; er schickt aber den Appendix und die 
Ceremonialia ein. Bacmeister benutzte inzwischen die Zeit, 
beim Konsistorio vorstelHg zu werden, dass er zur Revision 
hinzugezogen werden müsse. Er machte in dem schon ge- 
nannten Berichte geltend, nachdem er einleitend ausführ- 
lich die Verhandlungen zur K.-O. aufgezählt hat, dass er, 
wohl von zwei Personen des Rostocker Raths und dem 
\ Ministerium gewählt, vom Herzoge bestätigt sei, laut des 
ersten Güstrower Erbvertrages; er bekäme auch sein Ge- 
halt nicht vom Rath, sondern von der Kirchenökonomie, 
200 Gulden sundisch. Als das Rostocker Ministerium 
wegen der Ungleichheit in der K.-O. oftmals befragt sei, 
hätte es sich ohne des Raths Wissen an den Herzog mit 
einer Supplik um Revision gewandt. Auch während der 
Versammlungen 1599 habe der Rath sich nicht darum ge- 
kümmert, weil er wohl wusste, dass es S. P. G. allein ge- 
bührte und Polizei und andere weltliche Ordnung nicht 
anging, in denen der Rath für sich in dieser Stadt zu dis- 
poniren Macht hat. Denn durch den zweiten Güstrower 
Brbvertrag ist die suprema inspectio dem Landesfürsten zu- 
geeignet. Dieser setzt den Superintendenten ein; deshalb 
durfte Bacmeister auch um revision bitten. Auch persön- 
lich sei er tüchtig zur Arbeit, da er schon 42 Jahre im 
Amte stände, davon 39 in Rostock. Zur Erhaltung des 
Priedens habe er die revision erbeten, ohne dem Rath das 
geringste ins hierin per occultam practicam zuzubringen. 
Nur als Pfarrer und Professor beziehe er sein Gehalt vom 
Rathe. Diese Ausführungen Bacmeisters zeigen uns, wie 
misstrauisch man trotz der Güstrower Verträge gegen den 
Rostocker Rath in kirchhchen Sachen war. 

Am 8. Juni 1601 ergeht dann auch der Befehl Ulrichs 
an die Superintendenten „sammt und sonders".*) Sie wüssten 
sich zu erinnern, welcher Gestalt eine geraume Zeit her 
das Werk der vorgenommenen Revision fürnehmlich in 



Im Schweriner Archiv. 

Im Schweriner Archiv und Rostocker Min. eccl. 



Digitized by VjOOQiC 



112 



ceremonialibus stecken geblieben sei; deshalb sollen sie am 
13. Juli in Rostock zusammenkommen, ihre sententias kon- 
firmiren, zuvörderst daran sein, dass die doctrinalia sowohl 
als die ceremonialia mit deutlichen und bequemen Worten 
begriffen und die darin angezogenen loca recht allegirt 
werden, damit den Widersachern alle und jede Gelegenheit 
zu calumniae und Zänkereien völUg benommen werden 
mö^e. Am 18. Juli berichten die Superintendenten Bac- 
meister, Köhler, Dinggräf, Neuwin und Preder, dass sie 
alles überlesen hätten: zwei von ihnen würden die Arbeit 
in ein corpus bringen, Köhler würde den Verhandlungs- 
bericht einsenden.*) Aus diesem, datirt 24. Juli,*) entneh- 
men wir, dass in den doctrinalia, wie Chyträus sie gelassen 
hatte, nur bisweilen in den Worten etwas geändert ist; — 
es findet sich auch nur eine Seite voll notata ^) Bacmeisters 
— man ist aber in betreff einiger Stellen aus Kalvinisten- 
büchern zweifelhaft, ob „dieselben einem frommen Christen 
nicht gar abscheuUch zu hören sein würden". Die einen 
sind dagegen, weil es gar zu unchristliche Worte seien ; die 
andern, zu denen Köhler gehört, meinen, dass man sie ge- 
rade setzen soll, damit jeder erführe, was für Lehren die 
Widersacher führen, und man sie also an ihren Früchten 
erkennen könne. Der Fürst allein solle entscheiden. Auch 
die ceremonialia hat man berathen und mit Einschaltungen 
versehen, welche Bacmeister und Preder in ein corpus 
bringen; dazu gehören aber 4—6 Wochen, „gut Ding will 
Weil haben". Dann soll alles dem Fürsten zugeschickt 
werden, der auch die Sprache, ob meissnisch oder meck- 
lenburgisch, bestimmen soll. Ulrich antwortet am 25. Juli,*) 
dass er erst die Ausdrücke und den Namen der Kalvinisten- 
bücher wissen will, gleichwohl aber der Meinung sei, dass 
hierin „eine gebührliche Diskretion und Pürsichtigkeit ge- 
braucht werden muss". Besonders sollen die Stellen genau 
angeführt, nicht aus dem Zusammenhang gerissen und ge- 
missdeutet werden, „ohne einige Affekten, damit die Wider- 
sacher keine Ursache zu kalumnieren und kavillieren ge- 
winnen". Die Sprache soll die hochdeutsche sein, weil 
nunmehr fast jedermann in diesem Lande kundig und er- 



') und *) Im Schweriner Archiv. 

») Rostocker Min. eccl., Tom. I, S. 211. 

^) Aus dem Schweriner Archiv und Rostocker Min. eccl. 



Digitized by VjOOQIC 



113 

fahren ist; der Druck soll zu Rostock geschehen. Bac- 
meister aber und Preder mögen die ceremonialia bear- 
beiten. 

Im Sommer sind nun die Theologen an der Arbeit. 
Die Notata Bacmeisters und Preders finden sich im Rostocker 
Archiv, S. 147 188; von Köhler hegt eine admonitio vor, 
S. 231. Interessant sind zwei Briefe von letzterem an 
Bacmeister, unter dem 10. und 29. Oktober.^) In dem 
ersten theilt er das mit, was er inserirt zu haben wünscht ; 
unter andern folg«^ndes : Bei der Verpachtung von Kirchen- 
acker sollen die Küster berücksichtigt werden, wenn sie 
soviel geben wie andere. Wenn Aposteltage ausserhalb der 
Predigttage fielen, solle man sie verschieben auf den näch- 
sten Predigttag. Ungehorsame Dienstboten der Pastoren 
soll der „Caspel Junker" oder Amtmann oder Küchen- 
meister zum Gehorsam zwingen. Etliche Pastoren hätten 
Eich bäume auf ihren Pfarren, davon die Bauern und Junker 
die Eicheln wegnehmen und sagen: die Bäume allein ge- 
hören den Pastoren, die Eicheln aber den Junkern. Köhler 
nennt das ein gottlos Wesen; es gehöre beides den Pastoren; 
qui enim sentit onus, commodum sentire debet, sagt näm- 
lich die regula iuris. Wenn das Vieh des Pastors mit zur 
Weide geht, so soll der Pastor auch den Hirtenlohn be- 
zahlen. SchUessHch klagt er, dass mit den Kirchengeldern 
so schlecht umgegangen wird; darum fordert er, dass der 
Pastor der erste unter den Kirchen juraten sei und allezeit 
auch ein Schloss vor dem Gotteskasten habe, dass ohne 
Wissen des Pastors nichts herausgenommen würde. Fremde 
Theologen, die von den Patronen angenommen sind, sollen 
erst vom Superintendenten geprüft werden. Weil der Kate- 
chismus auf dem Lande meist nicht gewusst wird, manche 
nicht einmal das Vaterunser können, sollen Braut und 
Bräutigam nicht eher getraut werden, als bis sie die fünf 
Hauptstücke können. 

Am 14. November 1601 sendet man einen Bericht an 
Ulrich mit dem bearbeiteten Exemplar, d. h. der alten K.O. 
mit den überall eingelegten Zetteln. 2) Im ersten Theil 
haben sie den Citaten des Chyträus die Stellen zugesetzt, 
auch neben das Lateinische die deutsche Uebersetzung 



') Rostocker Min. eccl., Tom. I, S. 243. 

') Das Exemplar ist im Rostocker Min. eccl. 



Digitized by VjOOQiC 



114 



gestellt; den Schluss des Appendix hat man an das Ende 
der ganzen K.-O. gesetzt, weil er dorthin gehört. Die Cere- 
monien möge der Fürst vor der Reinschrift erst begut- 
achten. Man bittet, dass die Superintendenten- und Kon- 
sistorialordnung der K.-O. angehängt werde. Die Exkom- 
munikation der Befehder, Brandschätzer, Mordbrenner, wenn 
sie so bald nicht offenbar werden, will man lieber nicht in 
die K.-O. aufnehmen.^) Letzteres hatte Köhler beantragt, 
der in Berlin solches Bannformular gesehen zu haben vor- 
gab; Brände kämen so vielfach vor; er habe es immer so 
gehalten, und stets sei der Brandstifter nach drei Monaten 
oder schon sechs Wochen ertappt worden; denn „Gott ist 
beim Predigtamt *^. Der Herzog lässt durch seinen Sekre- 
tair Reutzen am 28. November antworten, dass er erst die 
ganze K.-O. verlesen wolle, dann solle sie ins Reine ge- 
schrieben, und in folio auf schön weissem Schreibpapier 
mit ziemlich grossen Buchstaben, auch mit Figuren bei 
jedem Hauptartikel, gedruckt werden ; aber eine besondere 
Vorrede in Ulrichs Namen sei erforderlich.*) Vom Folio- 
format rieth Bacmeister ab und schlug „mediocris forma" 
vor. Das ins Reine geschriebene Exemplar sandte Ulrich 
an die Fakultät zur Begutachtung, am 10. März lfi02; sie 
solle nochmals mit Fleiss revidiren und korrigiren, oder wo 
etwas aus der pfälzischen K.-O. noch nöthig sei, suppliren 
und konfirmiren, das Exemplar dann wieder einschicken. 
Die neue Vorrede aber, die Bacmeister geschrieben hat, ist 
von Ulrich angenommen. -^I Am 15. März stellen die Pro- 
fessoren ihre Notata.*) Am 21. März giebt die Fakultät 
ein vorläufiges Urtheil ab, „in welchem nützlichen und 
hochnötigem Werk viel heilsame Lehre verfasset sein, die 
man in vielen andern K.-O. nicht findet, damit E. F. G. 
in ihrem hohen und hochlöblichen Alter vor der ganzen 
Welt ihres reinen christlichen Glaubens ein herrliches Be- 
kenntnis thut." Am 12. April schickt man das Buch ab, 
dem am 13. April noch ein Schlussurtheil folgt :^) Man 
habe das ganze Buch durchgehend paginirt; im zweiten 
Theile habe man etwas aus der Pfälzischen K.-O. genom- 



^) Daselbst, auch gedruckt bei Grape, S. 329. 

*) Rostocker Min. eccl. Tom. I, S. 93. 

s\ Schivfipinfip A.Fchiv 

*) Grape 338 und auch Rostocker Min. eccl., Tom. I, S. 189—192. 

') Rostocker Min. eccl. und Schweriner Archiv, auch Grape S. 338. 

Digitized by VjOOQIC 



115 



men,^) welche ihrerseits schon Vieles aus der mecklenbur- 
gischen von 1557 entlehnt hätte. Bei der Ordination hätte 
man den Satz hinzugethan, dass fremde Theologen vor dem 
Superintendenten, fremde Superintendenten vor ihrer An- 
stellung von der Fakultät geprüft werden sollen. Die Aus- 
gabe, meint die Fakultät, geschehe am besten in Quart, 
und zwar in Rostock, von Steffen Mülmann, der von seinem 
Vorfahren Dietz die Lettern und Noten noch besässe. Dann 
könnte die Fakultät neben dem correctore besser auf den 
Druck Acht geben. Ulrich aber bestand auf der Folioform, 
übergab den Verlag dem Buchführer Langen in Güstrow, 
bestellte bei Mülmann 1000 Exemplare im Druck, unter 
der Bedingung guten Papiers, Typen und Figuren. David 
Lobech und Lukas Bacmeister junior sollten unter der Auf- 
sicht der Fakultät die Korrektur haben. Doch da man 
solche Figuren in Rostock nicht kennt, so sendet Reutzen 
eine Pommersche K.-O., die 1563 in Wittenberg gedruckt 
sei, wonach man sich richten solle; doch behalte Ulrich 
sich noch genauere Bestimmung der Figuren vor.^) 

Zu Weihnacht war der Druck fertig. Im Rostocker 
Min. eccl. befindet sich im Tomus II „die gantze abge- 
schriebene neue K.-O., sowie sie in der Druckerey gewesen.^ 
Allgemein wurde nach den Büchern verlangt; je eher, je 
lieber wollte man kaufen, wenn auch ungebunden. Die 
Fakultät schlug als Preis vor für di^ auf Schreibpapier 
gedruckten 14 Schilling, 12 Schilling für Druckpapier „da- 
mit der gute Mann seines gethanes Verlages und gehabter 
Mühe etwas Erstattung bekomme" ; denn es seien 78 Bogen, 
darunter 7 mit Noten, auch wäre es nach der Wittenberger 
und Leipziger Taxe. Die Errata sollten noch auf halbem Bogen 
besonders gedruckt werden. Als Grund der Verzögerung führte 
man an, dass man immer noch gehoflft hätte, die Superinten- 
denten- und Konsistorialordnung würde beigefügt werden.^) 

Am 5. März 1 603 ist die revidirte K.-O. veröffentlicht 
worden. Die Gedanken des Publikationspatentes*) sind: 

^) Die Notata aus dieser 0. S. 193—198 im Rostocker Min. eccl. 

^) Im Rostocker Min. eccl. vom 16. Juni, 17. Juni, 5. und 25. 
Aug. 1602. 

^) Briefe der Fakultät im Rostocker Min. eccl. vom 14. und 
24. Febr. 1603. 

*) Das Patent, handschriftlich, ist im Rostocker Min. eccl. Ebenda 
Tom. XII, S. 237 auch ein gedrucktes Exemplar, wie es ebenso im 
Schweriner Archiv ist. 

8* 

Digitized by VjOOQ iC 



116 

Gott zur Ehre und zur Erbauung der christlichen Kirche 
und zur Pflanzung reiner Lehre ist diese K.-O. gestellt 
worden, reiner Lehre, wie sie aus den prophetischen und 
apostolischen Schriften in der Augsb. Konf. und Konk. 
Buch begriffen ist, „damit vor aller Welt kund und offen- 
bar sei, dass wir uns samt imsern getreuen Unterthanen 
je und allerwege zu der wahren unverfälschten Religion 
Augsburgischer Konfession erkannt und bekannt haben und 
nochmals erkennen und bekennen und derowegen von 
^en andern irrigen und verführerischen Lehren und Sek- 
tirern uns absondern". Es ist des Fürsten Wille und Be- 
fehl, dass solcher K.-0. sowohl in Glaubensartikeln als auch 
in Kirchenceremonien und allen andern gestracks und un- 
weigerlich nachgegangen wird. Dies Patent war der Fa- 
kultät zur Begutachtung vorgelegt und dann in 500 Exem- 
plaren gedruckt worden. Am 9. März erging an alle sieben 
Superintendenten der Befehl, das Edikt am Sonntage Invo- 
kavit, 13. März, auf allen Kanzeln ablesen zu lassen. Im 
Rostocker Min. eccl. ist folgender Zettel von Bacmeisters 
eigener Hand^): Dis mandat ist zu der Ehre Gottes vnd 
nach vnsers gnedigen Hern vnd Landesfürsten wohlbe- 
dachtem Rath vnd befehl, auch zu der christlichen Kirchen 
so wol in dieser Stadt als im gantzen Furstenthumb heil, 
fried vnd wolfart abgelesen vnd niemand zu verdruss oder 
verfenglichkeit Gqtt gebe ferner zu diesem hochnotigen, 
christlichen wergk seinen geist vnd gnad vnd segen. Amen. 



Ulrich starb am Montag, den 14. März, morgens 3 Uhr. 
Sein Nachfolger, Karl, sorgte in einem Schreiben vom 12. 
April 1603 dafür, dass alle Kirchen herzoglichen Patronates 
die Ordnungen bekämen, und zwar gebunden für den Preis 
von 24 Schillingen. Dennoch waren nicht alle Exemplare 
verkauft, manche Kirchen zeigten sich säumig. 2) Daher 
erliess Karl am 27. Mai einen Befehl an die Superinten- 
denten, dass sie darauf achten sollten, dass die Amtleute 
imd die Adligen, welche eigenes ius patronatus hätten, die 
K.-O. von Werner Langen kauften.^) Und als dem Herzog 
Klagen kamen, dass der revidirten K.-O. nicht nachgelebet 



Tom I, S. 123. 

*) •) Im Schweriner Archiv. 



Digitized by VjOOQIC 



117 

würde % da beruft er am 4. Juni 1606 die Superintendtotäil 
auf Mittwoch den 18. Juni nach Rostock, wo sie in der 
St. Johanniskirche zusammenkommen und berathen sollten, 
wie dem Mangel abzuhelfen sei, so der revidirten K.-0. 
zuwider bei den Kirchen ihrer Kreise eingerissen sei. Denn 
als von Gott vorgesetzter Obrigkeit liege es ihm ob, wie 
er auch aus väterlichem Gemüth sich schuldig erkennt, 
gebührend anzuordnen und zu befördern, was zu nothwen- 
diger Verbesserung eingerissener ärgerlicher Unordnungen 
zuvörderst im Kirchenregiment dienlich sein mag. 

Auf dem Landtage zu Stemberg 1602*) hatte Ulrich 
den Ständen angezeigt, dass, weil etliche Sekten, insonder- 
heit die Kalvinisten die K.-O. missbrauchten, der Herzog 
sie durch seine Theologen und Superintendenten hätte re- 
vidiren lassen. Am 18. Juni antwortet die Landschaft 
darauf, dass die K.-O. vorerst den Theologen in Wittenberg 
vorgelegt werden solle, weil „zwischen den Kirchen in 
Sachsen und Mecklenburg gute Einigkeit" herrschte. Vor 
allem aber solle sie einem jeden Stand an seinen besonders 
habenden Rechten, iure patronatus, vocandi, nominandi und 
andern unschädlich sein. Der Fürst Hess darauf erwidern, 
dass die K.-O. von tüchtigen Theologen verfasst sei; auch 
sei der Druck schon bestellt; Niemand solle sich mit un- 
nöthiger Sorge beladen, ob ihm durch die K.-O. etwas ab- 
ginge. Diese Erklärung nahm die Landschaft an, weil das 
Werk bereits unter der Presse wäre; nur dürfte ihnen an 
ihrer Gerechtigkeit nichts präjudizirt werden. 

Am frühen Morgen des 13. März, des Sonntags Invo- 
kavit 1603, protestirte der Rostocker Rath durch einen 
Notar und zwei Zeugen gegen die Publikation der K.-O.*): 
der Superintendent Bacmeister und das Ministerium wollten 
sich der Publikation auf den fürstlichen Befehl hin unter- 
ziehen, ungeachtet der Rath die K.-O. noch nicht gesehen 
hätte, ob etwas darin enthalten sei, was der Stadt an ihrer 
Inspektion, Freiheit und Gerechtigkeit zuwider wäre, und 
obwohl er zu Sternberg schon dagegen protestirt hätte; 
besonderen Grund zum Proteste glaubten sie zu haben, 
weil das Publikationsmandat an den Superintendenten und 
nicht an den Rath gerichtet wäre. Der Superintendent und 

^) Im Schweriner Archiv. 

*) Spalding, Landtagsverhandlungen I, S. 278 ff, 

') Im Rostocker Archiv Min. eccl., S. 125. 

Digitized by VjOOQiC 



118 



das Ministerium erklärten dagegen ^), dass der Stadt Juris- 
diktion dadurch kein Abbruch geschehe. Denn die K.-O. 
von 1540 und 52 sei bis auf den heutigen Tag im Lande 
und zu Rostock gebraucht, ebenso die von 1557, auf welche 
hin alle Prediger zu Rostock angestellt wären. Da sie aber 
wegen der Sekten und nach Veränderung der Zeiten nicht 
mehr ausreichte, so sei jetzt nur eine nöthige Revision, 
keine neue K.-O., erfolgt. 

Interessant ist, dass das Ministerium sich ferner darauf 
beruft, dass die Jurisdiktion in geistlichen Dingen zu Rostock 
immer dem Bischöfe von Schwerin und seinem Offizial zu- 
gestanden habe; deshalb sei auch im 2. güstrowischen 
Erbvertrage 1584 die geistliche Jurisdiktion dem Fürsten 
zugesprochen worden. Interessant für uns ist es deshalb, 
weil hier das Kirchenregiment des Landesherrn ausdrück- 
lich als eine Uebertragung der bischöflichen Gewalt er- 
scheint. Diese Begründung wird dem ganzen Landtage 
gegenüber von dem Herzoge auch 1607 gegeben : Die geist- 
liche Jurisdiktion ist durch den Religionsfrieden 1555 sus- 
pendirt, und das ius episcopale und die suprema inspectio 
ecclesiarum in doctrinalibus et ceremonialibus den Kur- 
fürsten und Ständen Augsb. Konf. zugeeignet worden. 
Aber im Religionsfrieden ist zwar die geistliche Jurisdik- 
tion suspendirt; aber wem sie zukommen sollte, ist nicht 
bestimmt. Nach Rieker (S. 127) tritt diese Berufung der 
Stände erst sehr spät aut und hat auch meistens den Sinn 
(S. 136), dass damit ein bestimmtes einzelnes mit der 
Landeshoheit verknüpftes Recht bezeichnet werden soll, 
das früher nicht dazu gehörte. In der K.-O. ist von diesem 
bischöflichen Amte nicht die Rede. Ulrich nennt sich in 
der Vorrede nur „Oberste Patron und Schutzherr der Kirche 
und heiligen Predigtamts." Aber in der fürstlichen Ant- 
wort auf die Resolution der gemeinen Landstände auf die 
fürstliche Proposition (Spalding S. 327) kommt auch der 
andere Gesichtspunkt zur Geltung: Der Fürst beruft sich 
für seine Jurisdiktion nicht bloss auf den Religionsfrieden, 
sondern auch auf das Recht der Obrigkeit, über beide 
Tafeln zu wachen. 

Bacmeister meinte, Amts, Befehls, Gewissens halber 
auf den Protest nicht achten zu sollen, und so wurde das 



*) Rostocker Archiv Min. eccl., S. 127. 

Digitized by VjOOQIC 



119 

Mandat thatsächlich von allen Kanzeln Rostocks verlesen. 
Derselbe rechtfertigt sich in einem Schreiben ^) an den Se- 
nator Scharfenberger, warum er den Protest nicht beachtet 
habe ;^man muss trott mehr gehorchen denn den Menschen.'* 
Der Professor Schacht *) und der Sekretair Reutzen *) gaben 
dem Superintendenten zustimmende Erklärungen. 

Am 25. Juni 1606 beklagen sich die Stände, dass die 
K.-O. ohne ihre Zuziehung publizirt sei; sie protestirten 
deshalb gegen dieselbe, da ihren iuribus darin präjudizirt 
sei, ihnen auch auferlegt werde, ein mehreres zu geben; 
ja der Wendische Kreis bat, bei der alten K.-0. zu ver- 
bleiben und sie nur mit einer declaration gegen die Kalvi- 
nisten zu versehen. Am 22. April 1607 antwortete der 
Fürst auf die gravamina, indem er auf sein ius episcopale 
hinwies. Die Landschaft erneuerte die Protestation, erbot 
sich jedoch, sich zu akkommodiren, wenn der Fürst in 
etwas die K.-O. mit Zuziehung der Stände revidiren würde; 
sie acceptiren aber die Erklärung, dass ihren Rechtsamen 
ein Nachtheil nicht zuwachsen soll. Der Fürst liess ant- 
worten, dass die K.-O. keine neue, sondern die alte sei, 
welche von der Landschaft angenommen wäre. Letztere 
protestirte wiederum, jetzt besonders deshalb, weil sie sich 
an ihrem ius patronatus beschwert fühlte, und hat also die 
K.-O. nur angenommen unter der fürstlichen Erklärung, 
dass ihnen kern Präjudiz an ihren Rechten erwüchse. 

Die Vorrede der K.-O. war in den ersten neun Ab- 
sätzen durchaus dieselbe, wie sie Chyträus 1570 ausgear- 
beitet hatte und 1600 dem ganzen Werke wiederum vor- 
gesetzt wissen wollte; das üebrige dieser Arbeit Chyträi 
bildete jetzt die Vorrede zum Appendix. Die Absätze 10 
bis 15 sind laut Brief Ulrichs vom 10. März 1602 an die 
Fakultät von Bacmeister verfertigt. Nach dieser Vorrede 
folgt unverändert die „Vorrede der alten K.-O.", sodann 
ebenfalls unverändert die Disposition der ganzen K.-O., 

^) ») *) Im Rostocker Minist, eccles., S. 135, 137, 141. - Die 
Akten, wie sie aus dem Rostocker Min. eccl. hier benutzt sind, sind, 
wie aus einem eingelegten Zettel ersichtlich wird, am 14. Juni 1675 in 
dasselbe gekommen. „Was dem H. Superintendenti H. D. Henrico 
Müllero ich von Sachen, scripta, auch Fürstl. mandata vnd andere treff- 
liche uhrkunden anno 1675 die 14. Juni extradiret, die revisionem der 
Mecklenburgischen Kirchenordnungen betreffcndt." Darauf bezieht sich 
also die Aeusserung Grapes, S. H43, dass die Akten der revidirten K.-O. 
von den Bacmeister sehen Erben erkauft worden sind. 

Digitized by VjOOQiC 



'V20 

ünverändeft auch die Vorrede zum ersten Theil „Von der 
Lehre"; ebenso der Sehluss nach den Lehrartikeln. Was 
diese selbst anbetrifft, so sollte ja nach wiederholtem Be- 
fehle Ulrichs die K.-O. in ihrer Form belassen und nur, 
wo es nöthig war, etwas supplirt werden; Chyträus war 
dann damit durchgedrungen, dass im examen nichts geän- 
dert werde. Nach fürstlichem Befehl sollten aber die loca 
sdlegirt werden; so findet sich die Angabe der Kapitel, der 
Sprüche; letztere sind hin und wieder um einige vermehrt, 
so S. 9b, Hab, 13a, 14b, 15a, 29a, 51b, 52b; manche 
Absätze sind 1602 zusammengezogen, oder manche erst 
getheilt, so 14b, 25b, 26a, 55a, 70b und 75b; Bilder- 
Initialen sind hinzugekommen, Druckfehler verbessert, 
letztere 24a, 45b; einige wenige rein stilistische Varianten 
und Umsetzungen, sowie unbedeutende höchstens einen 
Satz umfassende Erklärungen finden sich, z. B. 13 a, 13 b, 
16 ab, 19a, 21b, 33a, 41a. Immer erscheint Text und 
Tenor von 1557 grundleglich. Nur S. 24ab im Artikel der 
Glaubensgerechtigkeit folgt 1602 genau der K.-O. von 52, 
nicht 54 oder 57, welche hier ohne Aenderung des Sinnes 
anderslautende Ausführungen haben. Ganz neu aber ist 
1602 im examen das Lehrstück XXVI „Vom Tod vnd auf- 
erstehung von Toden , Jüngsten Gericht, vnd Ewigen 
Leben." Es steht mit denselben Worten in der K.-O. Chy- 
träi 1578, ist also von Chyträus verfasst. Neu ist auch in 
Artikel V S. 10 a der Sehluss, 13 Reihen, welche eine aus- 
führlichere Erklärung des Schöpfungszweckes bringen. Ein- 
gesetzt ist S. IIb „Erbsünde ist nicht substantia em selbst- 
ständig Wesen oder des Menschen Natur Leib und Seele 
selbst," eine Einschiebung, welche sich in Rücksicht auf 
den Plazianischen Erbsündenstreit erklärt. Aus dem Gegen- 
satz gegen alles antinomistische Wesen erklärt sich S. 14 b 
die Trennung eines dritten Brauches des Gesetzes. 1552 
bis 1557 findet sich nur ein zweifacher Gebrauch. Von 
diesen ist der erste 1602 in zwei selbstständige Arten ge- 
theilt. Demioch bleibt zu beachten, dass die K.-O. hier 
von der Form. Conc. abweicht, insoweit erstere den usus 
politicus nicht hat, den usus paedagogicus aber in die da- 
mals auch gebrauchte Form des elenchticus und paedago- 
gicus theilt. Diese Theilimg ist hier auf Chyträus zurück- 
zuführen ; zwar 1578 unterscheidet er einen vierfachen Ge- 
brauch, doch in der Ausarbeitung von 1585 bestinmit er 

Digitized by VjOOQIC 



121 

den dreifachen. Auf Chyträus zurückzuführen, der es 1578 
hat, ist auch Seite 18a b die hier neu erscheinende Setzung 
eines dreifachen Gegensatzes von Gesetz und Evangelium. 
Der spätere nomistische Streit bedingte diese Klarstellung. 
Der majoristische Streit erforderte S. 30 b den ganz neuen 
Theil unter der Frage „Warum muss man gute Werke 
thun?^, einen Theil, der 1578 sich findet, also ebenfalls von 
Chyträus stammt. Neu ist 33 b auch die kurze Definition 
der Taufe, auch aus 1578 entnommen. S. 34 a ist das miss- 
verständliche „tho bedüdinge" der K.-O. von 1557 hinsicht- 
lich der Kraft der Taufe jetzt verändert in „zur verge- 
wissung vnd krefftiger versigelung". Um alles wieder- 
täuferische Wesen fern zu halten, ist S. 35 b der Theil 
ganz neu unter der Ueberschrift: „Was ist zu halten von 
der Sacramentirer und Wiedertäufer Lere?*^ Es ist frag- 
lich, ob er von Chyträus herrührt, da 1578 davon sich 
nichts findet. S. 36 a sind die letzten fünf Zeilen (von 
unten) aus 1557 geblieben, obgleich sie der Deutung einer 
blos geistlichen Niessung fähig sind, während die missver- 
ständlichen Worte „sichtbare Tekene alse ene Vorinneringe 
van der Thosage" (S. 30 b 1557) 1602 S. 36 b voller lauten : 
„gehengt alse erinnerung vnd versigelung der verheissung". 
Neu sind zwei Absätze S. 37 von dem Unterschiede der 
würdigen und unwürdigen Niessung, aber diese Ausführung 
findet sich 1578. S. 42 b finden wir eine korrekte Fassung 
der Busse, indem der neue Gehorsam nicht mehr als das 
dritte Stück erscheint, wie 1552—57, sondern blos als fol- 
gende Frucht bezeichnet wird. Seite 57 b ist das dritte 
Gebet ganz neu, ebenso die ganze Ausführung der 
Ceremonien auf S. 60 b, 61, 62 a; sie kommt auch 1578 
nicht vor. 

Da Chyträus fortwährend sich weigerte, im Examen 
Melanchthons Aenderungen zu machen, so können die auf- 
geführten Zusätze von ihm nicht herrühren. Nimmt man 
hinzu, dass S. 45 b drei notae der christlichen Kirche auf- 
geführt werden, Chyträus aber 1578 nur zwei hat, so ist 
ersichtlich, dass die späteren Revisionsarbeiter die Zusätze 
gemacht haben, die sie zum Theil aus Chyträi K.-O. von 
1578 nahmen. So heisst es denn am Anfang des Appen- 
dix: „Bis hieher sein die Lehrstücke, wie sie in der ersten 
vnser K.-O. im Examine gesetzt, vnd erklert worden, wider- 
holet vnd behalten, jedoch auch an etlichen weinig orten, 

Digitized by VjOOQIC 



122 



hotwendig ynd besser erkleret." Dies stimmt ja zu den 
Worten des Berichtes vom 24. Juli 1601 (S. 114). 

Der Appendix enthält die „Lehrstücke, die noch darin 
mangelten, oder wegen eingefallener Streite ausführlicher 
erklärt werden müssen". Die Einleitung erwähnt, dass man 
im x\bendmahl die Frage: „Was wird im Abendmahl des 
Herrn ausgetheilt und empfangen?" und die Antwort: 
„Der wahre Leib und Blut unsers Herrn Jesu Christi" so 
aufgefasst habe, als ob dieser Artikel meisterlich und 
„beidenhendisch" mit kurzen Worten auf Schrauben gesetzt 
sei, dass ihn beide, Kalvinische und Lutherische, nennen 
können. Die Kalvinische Lehrausführung wird durch ein 
Excerpt aus des Herzogs Ulrich Schrift unterbrochen, in 
Sätzen, die sich auf S. 84 a— 87 a finden. Das Buch ist 
recht selten. Sein voller Titel lautet : Kurtze Wiederholung 
etlicher fürnemer Hauptstücke christlicher Lehre nach Ord- 
nung des Katechismi, durch eine hohe fürstliche Person 
zusammengetragen. Mit Vorrede des Andreas Celichius. 
Letztere ist von 1593 datirt. Das Buch ist 1595 von Werner 
Langen gedruckt, ein zweiter Druck fand 1600 zu Leipzig 
statt. ^) Zu Ende des Abschnittes „Von der Gnaden wähl" 
ist, wie schon bemerkt, etwas aus Philipp Nikolai's Buch 
genommen : Spiegel des bösen Geistes, der sich in der Kal- 
vinisten Bücher reget, und kurz Vers, worin Gott will ge- 
ehrt sein. Vielfältig sind Citate aus den kalvinistischen 
Schriften beigebracht. Da man mit „Verwundern" findet, 
dass die Kalvinisten nicht nur im Abendmahl abweichen, 
sondern auch in andern Hauptartikeln der Confessio Au- 
gustana, so wird näher auf den 1. bis 7. Artikel dieser ein- 
gegangen. Darauf erst wird die lutherische Abendmahls- 
lehre testgestellt, aus der Schrift, der Conf. Aug., der Apo- 
logie, dem Regensburger Kolloquium, den Katechismen, Art. 
Smalc, Luthers Bekenntnisse vom Abendmahl; im An- 
schluss daran werden die Unterschiede der lutherischen und 
der sakramentirerschen Lehre festgestellt, auch der dogmen- 
historische Beweis aus den Kirchenvätern geliefert. Die 
folgenden Artikel handeln von der Taufe, Erbsünde, freiem 
Willen, ewigen Gnaden wähl. Bei dem letzten Artikel wird 
auf die Form. Conc. verwiesen, „wo ausführliche Erklä- 
rung" vorhanden ist. Darum geht man auf andere Artikel 



') Yergl. Thomas, Analekten, S. 165. 

Digitized by VjOOQiC 



123 



nicht mehr ein, sondern räth, dass überall das Konkordien- 
buch zum Nachschlagen vorhanden sein möge. 

Die Revision der übrigen Theile der K.-O. ist gründ- 
licher als diejenige des ersten Theils. Das dem Druck zu 
Grunde gelegte Exemplar befindet sich beim geistlichen 
Ministerium zu Rostock und zeigt eine Menge von Ein- 
schaltungen und Zettelchen, so grossen und vielen, dass 
eine genaue Registrirung ermüdend wäre. Zweierlei ver- 
dient hervorgehoben zu werden: Mecklenburg wollte eine 
Ordnung, eine Ordnung für sich haben; daher musste es 
hier besonders ändern ; andererseits lagen feste Gestaltungen 
des Gottesdienstes vor, so dass der Rahmen der Ordnung 
schon gegeben war. So erklärt sich das häufige wörtliche 
Herübernehmen aus und das gänzliche Abweichen von der 
alten K.-O. Nur einige der letzteren Stellen sollen her- 
vorgehoben werden. 

„Die göttliche Ordnung des Predigtamts" ist wörtlich 
aus 1552 herübergenommen. Neu ist dann die Bestimmung 
S. 123 b Absatz 1, dass auch auf den Dörfern keine frem- 
den Kandidaten predigen dürfen ohne Erlaubniss des Su- 
perintendenten. S. 124 a ist dann der verhängnissvolle Satz 
eingeschoben, dass unbeschadet der Patronatsrechte die 
Kandidaten mit Vorwissen des Superintendenten präsentirt 
werden. S. 124 b wird für das Ordinandenexamen noch 
neu vorgeschrieben die Kenntniss der Form. Conc. und der 
revidirten K.-O. sowie der fürnehmsten Sprüche der Bibel. 
S. 125 a ist eingeschoben, dass die Ordinanden nicht gar 
zu jung oder unansehnlich sein dürfen; ebenso: der Super- 
intendent soll Untüchtige abweisen und die Patrone vor- 
kommenden Falls anweisen sich einen andern zu suchen. 
Die Ordination am Orte oder auf der Pfarre abzuhalten, 
steht im Belieben der Superintendenten, S. 126 b. In der 
forma ordinationis, S. 127, sind zwei Kollekten eingeschoben, 
dazu eine freie Vermahnung des Superintendenten. S. 130 
wird die institutio solcher Prediger, die schon ordinirt sind, 
neu gegeben; 1552 fehlt sie noch ganz. Auf S. 131 ist 
auf das eingesetzte Konsistorium Rücksicht genommen, nur 
soll — entgegen 1552 — der Güstrower Superintendent 
Mitglied sein. Die Machtbefugniss des Superintendenten 
erscheint dahin erweitert, dass er zunächst die Parteien 
verhören darf. S. 133: Die Anzeige von Ehehindernissen 



Digitized by VjOOQIC 



124 



soll rechtzeitig gemacht werden. Auffallend erscheint auch 
hier, dass die Sachen zuerst vor den Superintendenten ge- 
bracht werden sollen und erst, wenn jener mit seiner 
Handlung keinen Erfolg hatte, an das Konsistorium. Man 
sieht den Einfluss der mitarbeitenden Superintendenten, be- 
sonders Bacmeisters, von dessen Hand alle diese Zusätze 
geschrieben sind. S. 136: Das Protokoll der Visitatoren 
ist bis ins Einzelne vorgeschrieben. Die Visitation soll 
vorher angezeigt werden, Arbeiten der Gemeindeglieder 
fallen für solchen Tag aus. Beim Examen soll auch nach 
dem Beichtverhältniss des Pastors gefragt werden; die 
Gemeinde aber wird befragt, ob Jemand vor dem Abend- 
mahl die Kirche verlasse, ob während des Gottesdienstes 
die Läden offen wären, oder Arbeiten verrichtet würden 
Man soll sich auch erkundigen nach dem Begräbniss, S. 
138, zugleich nach der „Beygrafft" und den „Kirchhöue". 
Auf S. 141 — 145 ist neu: Es soll aus den Archiven nach- 
gesehen werden, ob auch nichts von den Einkünften ab- 
handen gekommen ist; die Pastoren sollen ihre Einkünfte 
genau wissen. Die Pastoren werden ermahnt, ehrbar zu 
leben, nicht in fremdes Amt zu greifen, noch Bier zu 
brauen, oder in „Gilden" zu sein. Der Küster soll eine 
Kinderschule halten. Die Herrschaft will alles thun, da- 
mit Mängel abgestellt werden. S. 146 — 148, von Synodis, 
ist ganz neu, jedenfalls von Bacmeister, von dessen Hand 
es geschrieben ist. 

Theil in. Aus den Worten auf S. 150a „dieweil nu 
die Kirchen in diesen Landen, dieser folgenden Ordnung, 
des grössern teils gewont sind, lassen wir sie also bleiben" 
ergiebt sich schon, dass keine umstürzenden Veränderungen 
vorgenommen sind, wenn sich auch bisweilen eine andere 
Auswahl oder Anordnung findet. Die allgemeine Beichte 
und Absolution zu Anfang des Gottesdienstes sind in Weg- 
fall gekommen. Nach dem Abendmahl ist eine neue Kol- 
lekte hinzugekommen, die sich von der ersten alten nur 
durch den Schluss unterscheidet. S. 160 wird unter Bac- 
meisters Hand wiederum auf die Freiheit der Ceremonien 
verwiesen. Eine besondere Bestimmung wird getroffen, für 
den Fall, dass ein Sonntag zwischen Weihnachten und Neu- 
jahr einfällt, und ebenso zwischen Neujahr und Epiphanien- 
fest. Neu ist, dass Visitationis Maria und Michaelis ganze 
Festtage sind. Die Tage der Apostel bleiben halbe Fest- 



Digitized by VjOOQIC 



125 



tage und sinken zu ;,Betetage" herab. Eine besondere 
Verordnung erfährt das Pfingstfest, „als welches sehr pro- 
phanirt wird". S. 164 wird auch für die armen „Baurs- 
leut" gesorgt, dass sie Sonnabends ihres Dienstes eher ent- 
lassen werden. Hinsichtlich des Katechismusexamen und 
der Auslegung der Leidensgeschichte ist die K.-O. auf den 
Dörfern vermehrt ; besonders werden die Dorfleute ermahnt, 
fleissig mitzusingen. S. 168—172 ist die Gesangtafel neu. 
Für das Fest Annunciationis ist eine neue Kollekte einge- 
setzt, ebenso für Himmelfahrt; beide sind aus der Rieb- 
lingschen Messe entnommen ; ebenso die Kollekten auf Jo- 
hannistag und Michaelis. Neu ist diejenige auf Visitationis 
Maria. Das zweite Gebet um Friede ist neu, aber aus der 
Rieblingschen Messe ; ebenso das dritte Gebet. Daher sind 
auch die Kollekten inbetreff des Reiches Gottes imd seines 
Willens, Sündenvergebung, Erdenfrucht, Regen, Pestilenz, 
Türkengefahr. Neu eingeschoben ist die rerikopentafel, 
ebenso Luthers Gebete wider den Türken, ebenso die Li- 
taney nebst den ersten zwei folgenden Gebeten. Die erste 
Abendmahlsvermahnung steht schon 1552, die zweite ist 
aus der Rieblingschen Messe entnommen. In der Tauford- 
nung ist die „Pathenvermahnung" neu, S. 209b, und die 
zweite, S. 211a; ebenso die Anweisung der Gemeinde für 
eine baldige Taufe, die der Hebammen hinsichtlich ihres 
Verhaltens zur Nothtaufe sowie die, warum man nicht cum 
condicione in zweifelhaften Fällen taufen soll; ebenso von 
Findelkindern, ungebomen und ungetauften Kindern, von 
Gevattern. In der Beichtordnung wird auf die Nothwen- 
digkeit der Privatabsolution hingewiesen, auch das Wesen 
der Beichte erörtert, wie überhaupt die ganze Beichtord- 
nung vollständiger gestellt. Ganz neu ist S. 231 „Von 
christlicher Kirchenzucht ''. Die Handschrift ist die Bac- 
meisters. Auffallig ist, dass entgegen Luther die K.-O. drei 
Arten des Bannes unterscheidet. Besonders erweitert er- 
scheint auch der erste Absatz „Von Besuchung und Kom- 
munion der Kranken". Ganz neu ist die Ordnung vom 
Begräbniss und „Wie mit Missethätern zu handeln". In der 
Trauordnung ist die Einleitung neu, die sich auf die Noth- 
wendigkeit der kirchlichen Trauung bezieht; neu auch die 
Schlussanweisung vom Aufgebot und Wohnungsverbot, 
zweifelhaften Fällen, Verbot der Hochzeiten in der ge- 
schlossenen Zeit. 



Digitized by VjOOQLC 



126 



Theil IV, die Schulordnung. Die Einleitung ist so 
wörtlich herübergenoramen, dass S. 264 a sogar wiederum 
dasteht: „Derhalben ist von Gottes gnaden Vnser Johans 
Albrecht vnd Ulrich, Gebrüdern, Hertzogen zu Meckeln- 
burg, etc. ernstlich gemüt", obwohl die K.-O. doch nur in 
Ulrichs Namen gedruckt ist. Weiter aufgenommen ist S. 
264, was 1557 weggelassen war, aus 1552 der Wunsch, dass 
die Landschaft und die Nachbarländer zur Universität bei- 
tragen. In den „Kinderschulen" wird die Lektüre des Donat 
und Kato in die zweite Ordnung verwiesen, das erste 
Häuflein soll dafür mehr Sprüche lernen. Die Auswahl der 
Lektüre der zweiten Klasse ist vielfach erweitert, ebenso 
die der dritten Klasse, welcher als neue Lehrmethode das 
„Certiren" vorgeschrieben wird. Besonders betont wird das 
Lernen der Grammatik. „EtUche verachten die Regeln, 
wollen die Sprache one Regeln lernen." Diese Thorheit 
soll nicht geduldet werden. Die lateinische Katechese des 
Chyträus wird vorgeschrieben. Ganz neu sind die Bestim- 
mungen der Aufsichtsrechte der Superintendenten, der 
öffentlichen Schulexamina, des rechten Lehrganges, der 
Lehrergehälter, der Mädchen- und Küsterschulen. Ausge- 
lassen ist der Passus von der Lehrerprüfung zu Rostock. 

Theil V. S. 276 b wird Fürsorge getroffen, dass beim 
„Bauernlegen" der Pastor nicht um sein Einkommen 
komme. Neu ist 227b-— 280a: Die Pastoren sollen nicht 
mit Hofdiensten belegt, auch nicht ohne weiteres abgesetzt 
werden ; ein Gnadenjahr wird festgesetzt, Verheirathung des 
Kandidaten mit Pfarrertochter oder der Wittwe gewünscht. 

Als Anhang erscheinen die Noten des „Kyrie" und 
des „Gloria in excelsis", welche deshalb hinzugefügt wer- 
den, weil sie Blatt 1 1 nicht stehen, aber noch aus der 
alten Ordnung von 1545 gebraucht werden sollen. 



Ein Neudruck dieser K.-O. von 1602 fand 1650 statt, 
durch Martin Lamprecht in Lüneburg. Mecklenburg hatte 
ja unter dem dreissigjährigen Kriege furchtbar gelitten. 
Im Güstrow er Lande lagen 34 Hauptkirchen und 33 Pilial- 
kirchen wüste, und nur 149 Haupt- und 96 Pilialkirchen 
waren in Benutzung.^) Aber auch deren Vermögen war 

^) Nachricht von Zahl der Hauptkirchen u. s. w. im Schweriner 
Archiv, bei den Akten zur K.-O. 

Digitized by VjOOQiC 



127 

sehr gering; nur 119 Haupt- und 39 Filialkirchen waren 
in der Lage, die neue K.-O. bezahlen zu können. Am 20. 
November 1650 schreibt Herzog Adolf Friedrich an den 
Superintendenten zu Güstrow i;: Gott sei Dank, dass nun 
wieder Friede ist; aber die Pastoren, die wegen der Kriegs- 
gefahr ihre Mäntel versteckt hatten, sollen jetzt gehalten 
werden, dieselben wieder zu gebrauchen. Auch die K.-O. 
waren abhanden gekommen. Am 8. Dezember 1636 be- 
reits schreibt Lucas Bacmeister der Jüngere 2), Superinten- 
dent zu Güstrow, an den Herzog, dass die Soldaten die 
Bücher zerrissen und geraubt hätten ; ein Neudruck sei er- 
forderlich. Dabei wünscht er, dass etwas deutlicher gesetzt 
werden möge, z. B. da vom Ehestand in gradibus licitis 
und illicitis gehandelt wird, welcher Punkt in der K.-O. 
etwas dunkel steht, weil bisweilen casus vorfallen, da die 
gemeinen pastores Information bedürfen, und was sonsten 
etwa zum guten Kirchenwesen nöthig sein könnte. Bac- 
meister bittet deshalb erst um einen conventus aller Super- 
intendenten. Es ist wohl infolge der Kriegswirren bei 
seinem Vorschlage geblieben. Denn 1650 hören wir die- 
selbe Klage inbetreff des gänzlichen Mangels an K.-O.^) 
Nach dem Frieden Hess der Herzog den Neudruck vor- 
nehmen. Bei einem Besuche in Lüneburg 1649 hatte er 
den Drucker Lamprecht mit dem Drucke beauftragt^), 
nachdem der Rostocker Drucker sich geweigert hatte. Ge- 
druckt wurden für Schwerin und Güstrow je 1440 Exem- 
plare, welche der Drucker mit 2160 Thalern berechnete. 
Aber der Kanzler Cothmann klagt, dass bei der Armuth 
der Kirchen die Renterei sehr belastet wäre.^) Es bedurfte 
häufigerer Ermahnung zum Kauf ^), ja des Befehls, dass für 
die Pilialkirchen je ein Exemplar, für die Hauptkirchen 
je zwei Exemplare angeschafft würden, eins auf den Altar, 
eins in die „Wedeme" des Pastors. Aber noch am 12. 
August 1658 7) klagt der Güstrower Verleger, dass die K.-O. 
schwer zu verkaufen sei, weil schon alle Kirchen im Lande 
Mecklenburg hiermit versehen seien, anderswo aber wohl 



? 



und ') Aus dem Schweriner Archiv. 

Schreiben des Herzogs vom 7. November 1660. 
*) Schreiben Lamprechts an Gerhard Meier vom 26. September 161 
*) 29. Juni 1662. 

**) Brief des Herzogs an Superintendent Arnold. 
^) sowie ^) und ®) aus dem Schweriner Archiv. 

Digitized by VjOOQLC 



128 



dieselben nicht üblich wären. Aber von den Studenten 
wurde sie fleissig studirt, weil sie im Examen daraus ant- 
worten sollten; ja Vorlesungen über die K.-O. wurden ge- 
halten. 1) 

Die K.-O. von 1650 ist unverändert diejenige von 
1602; nur ist in Adolf Friedrichs Namen eine Vorrede 
vorangesetzt sowie ein genauer Index hinten angefügt, 
beides vom Parchimschen Superintendenten Prenger. 



^) L. Bacmeister kündigt am 28. Februar 1655 eine solche an. 

(Separatabdruck aus den Jahrbüchern des Vereins für mecklen- 
burgische Geschichte und Alterthümskunde. Jahrgang 63, S. 177 226 
und Jahrg. 64, S. 1—77.) 



Lebenslauf. 

Verfasser, Heinrich Ludwig August Schnell, ev. luth. Konf., Sohn 
des Ackerbürgers Johann Hartwig Christoph Schnell und seiner Ehefrau 
Christiane Luise Sophie, geb. Leverenz, wurde am 20. April 1867 zu 
Malchow (Meckl.) geboren. Er besuchte die Bürgerschule zu Malchow, 
darauf das Gymnasium zu Waren und bestand zu Ostern 1887 das Abi- 
turientenexamen. Dann studierte er Theologie, Geschichte und Päda- 
gogik an der Universität Rostock bis 1891, legte bereits 1890 das erste 
theologische Examen, darauf 1891 das Examen pro facultate docendi 
und 1894 das zweite theologische Examen ab. Bis 1894 war er ordent- 
licher Lehrer am Realprogymnäsium zu Grabow. seitdem Oberlehrer an 
der Domschule zu Güstrow. 



\ . y<1 



Digitized by VjOOQiC 



Digitized by VjOOQiC 



Digitized by VjOOQiC 



Digitized by VjOOQiC 



Digitized by VjOOQiC